Archiv Oktober 2012

Herbstheide

Mittwoch, 24. Oktober 2012


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Heute illustriert die Heide sehr schön dieses Gedicht von Theodor Storm, das den wundersamen Vers Brauende Nebel geisten umher enthält.

Einkaufslyrik (8)

Dienstag, 23. Oktober 2012


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Einkaufszettelinterpreten! An die Arbeit!

Frühere Funde: 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7

Wochenrückblick

Freitag, 12. Oktober 2012


„Lieben Vater es is allens so nass, ich hänge mit meinem Zimmer so hoch in der Düsternis, und wenn ich mir einen einlade vor Kümmernis, denn sind sie alle so klug. Ich rede von morgens bis abends, bedenk mal wenn ich das alles verantworten sollte. Nicht dass ich Ärger hätte.“
„Ich tröst dich.“
„Ja.“

Es ist tatsächlich alles nass, düster und diesig, echtes Jakobswetter. Über Daten lässt sich verhandeln; ich finde es ja interessant, wenn negativ besetzte Tage mit positiven Ereignissen überschrieben werden, so wie beim 9. November.
Schüler prügeln sich, und ich bin schuld, Schüler benutzen zu wenig oder zu viele Satzzeichen, aber daran bin ich nicht schuld, Schüler haben Führerscheinprüfung, und deren Ergebnis habe ich überhaupt gar nicht zu verantworten. Ehemalige Schüler kreuzen auf und vermelden, sie wollen Lehrer werden.
Buchstaben, die sich eindeutig Noten zuordnen lassen. Mit einem Notfallkoffer reist es sich sorgenfreier, und schlechte Laune kommt mal vor, aber eigentlich nicht tagelang. Latein ist super, Klausuren werden allerdings gemeinhin überbewertet, ab und an muss zur Post und zur Bank gegangen werden.
Maxim Biller ist ein Mann. Ohne Tischdame geh ich nirgends essen, aber heute bin ich zu früh. Und ihr Lebenswandel war offen jedem Einblick.

Sticky Songs

Sonntag, 7. Oktober 2012
Hallo, hallo, ich bin dein Ohrwurm, dein Ohrwurm…

Im aktuellen SZ-Magazin gibt es einen Artikel über den Ohrwurm mit dem Titel „Melodie des Grauens“. Sehr gefährliche Lektüre, denn dort sind auch die Ohrwürmer des Autors Max Fellmann abgedruckt: You’re my heart, you’re my soul, Wind of Change, We Are The Champions, Sex Bomb, Live is Life, Time after Time. Außerdem ein paar Theorien darüber, woher sie kommen, warum sie bleiben und wie sie wieder weggehen.
Bei mir funktioniert das eindeutig assoziativ. Zum Beispiel habe ich, sobald irgendwo eine Oboe erwähnt wird, Pippi Langstrumpf als Ohrwurm. Das liegt daran, dass Kai, der mit seinen Eltern in der Wohnung über uns wohnte, mit zwölf anfing, Oboe zu lernen und Pippi Langstrumpf das erste richtige Stück war, das er spielen konnte. Und er spielte es bis zum Umfallen.
Ich hab mal einen ganzen Umzug mit Billy Joels The Longest Time bestritten, immer schön im Rhythmus der Schritte auf den Treppenstufen, während die Kartons in den Händen schwerer und schwerer wurden: If you said goodbye to me tonight there would still be music left to write… Je größer die körperliche oder geistige Anstrengung, desto quälender der Ohrwurm, das können Marathonläufer und Schachspieler bestätigen.
Außerdem gibt es gute und böse Ohrwürmer. Wenn ich diesen wunderschönen Chorsatz oder irgendein Streichquartett oder Klavierkonzert im Kopf spazieren führe, macht mir das gar nichts aus. Wenn mir hingegen Nana Mouskouri tagelang Guten Morgen, Sonnenschein ins Ohr kräht, dann nervt das ganz gewaltig.
In dem Artikel stehen allerlei skurrile Tipps, wie man einen Ohrwurm wieder los wird: „Ich versuche mir das Lied als Platte auf einem Plattenspieler vorzustellen. Ich nehme im Geiste die Nadel von der Platte und drehe den Tonarm zur Seite. Meistens hört dann der Song auf.“ Wenn es mal so einfach wäre. Bei mir hilft nur der Gegenohrwurm – dann habe ich zwar immer noch einen, aber eben einen anderen.
Der böseste Ohrwurm von allen ist, wie auch Frau Percanta weiß, Lachend kommt der Sommer, als Kanon, linkes Ohr gegen rechtes Ohr. Dagegen hilft nichts, gar nichts.
Also – zeig mir deine Ohrwürmer, und ich sage dir, wer du bist.

Zwei mal drei macht vier, widdewiddewitt und drei macht neune. Ich mach’ mir die Welt widdewidde wie sie mir gefällt. Hey, Pippi Langstrumpf, tollahi, tollahe, tollahoppsassa, hey, Pippi Langstrumpf, die macht was ihr gefällt.
(Pippi-Langstrumpf-Lied, deutsche Version gesungen von Rosi Teen)

Und der Haifisch, der hat Zähne, und die trägt er im Gesicht, und Macheath, der hat ein Messer, doch das Messer sieht man nicht.
(Brecht/Weil, Die Moritat von Mackie Messer, in der Version von Hildegard Knef)

Der Mörder war wieder der Gärtner, er plant schon den nächsten Coup. Der Mörder ist immer der Gärtner, und der schlägt erbarmungslos, der schlägt erbarmungslos, der schlägt erbarmungslos zu.
(Reinhard Mey, Der Mörder ist immer der Gärtner)

Wise men say only fools rush in, but I can’t help falling in love with you.
(Elvis, Can’t help falling in love, in der Version von Brandi Carlile)

Von den blauen Bergen kommen wir, von den Bergen, ach so weit von hier. Auf den Rücken unsrer Pferde reiten wir wohl um die Erde, von den blauen Bergen kommen wir.
(Volkslied, manchmal auch mit dem anderen Text)

Und sie tanzen einen Tango, Jacky Brown und Baby Miller. Und er sagt ihr leise: Baby, wenn ich austrink machst du dicht.
(Hazy Osterwald, Kriminaltango, gesungen von Osterwald/Bendix)

Heute Nacht geht keiner von uns schlafen, heute Nacht ist überall Musik.
(Kasatschok, Russisches Volkslied, irgendeine Donkosaken-Männerchor-Version)

Obereidorf ist seit langem ein bekannter Luftkurort. Hasenherzen, Hasennieren, Hasenlungen heilt man dort. Aber heute kommt nicht einer, welcher krank ist oder siech, heute kommen alle Hasen zum berühmten Sängerkrieg.
(James Krüss, Der Sängerkrieg der Heidehasen, Musik von Rolf Wilhelm)

Last Christmas hab ich jetzt mal weggelassen.

Die Hübschigkeit der Schauspieler (18)

Samstag, 6. Oktober 2012

Cabaret, 1972, mit Liza Minelli, Michael York, Joel Grey, Fritz Wepper

Von den sieben Anwesenden kennen nur drei den Film, also ist das auch ein bisschen Nachhilfe in Filmgeschichte. Ziemlich kreative Schnitttechnik und Kameraführung, finden wir, die sehr toll gesungenen und choreografierten Cabaret-Nummern sind großartig, besonders die von Joel Grey. Auch die Hübschigkeit der Schauspieler ist angemessen hoch, nur die Krummigkeit der Nase von Michael York gibt Anlass zu Meinungsverschiedenheiten.
Das Gespräch kreist vor allem um eins: Der Hausherr – Besitzer des Riesensofas, des Beamers und der großen weißen Wand – wird am nächsten Morgen in die Landeshauptstadt umziehen, dies ist sein letzter Abend im ruralen Niedersachsen, und wir sind alle nicht einverstanden. Noch ist ungewiss, ob das Sofa überhaupt in die neue Wohnung passen wird, eine angemessen große weiße Wand gibt es dort auch nicht. Und überhaupt – die Entfernung!
Immerhin ist es eine logistische Meisterleistung, dass wir an diesem letzten Abend trotzdem noch irgendwo sitzen, irgendwas trinken und einen Film gucken können. Als Gegenleistung müssen wir ein paar Kisten packen.
Der Anlass des Umzugs ist nicht Goodbye to Berlin, sondern Auf Wiedersehen, Provinz, aber Cabaret ist trotzdem ein würdiger Abschiedsfilm. Der Abend endet mit Frau L. in stummem Protest in dem Sessel mit der steilen Lehne wie Whistler’s mother – sie ist nicht einverstanden.

Whistler’s mother. Die Bilder an der Wand muss man sich wegdenken, die sind schon eingepackt.

(Der Umzug ist heute, während ich dies schreibe, und es regnet dauerhaft aus Kübeln. Wir wollen das mal lieber nicht als Strafe Gottes deuten.)

Alles klasse

Mittwoch, 3. Oktober 2012

Zwei bis drei Kinder aus meiner Klasse kosten mich im Moment wertvolle Zeit, Nerven und gute Laune. Eine schwänzt – das machen Oberstufenschüler wohl ab und zu, aber nicht Achtklässler – und zwar so geschickt, dass es eine Weile gedauert hat, bis ich es gemerkt habe.
Die anderen beiden stecken zwischen englischem und deutschem Schulsystem fest und wissen sich nicht anders zu helfen als durch Totalverweigerung. Der eine hatte gerade seine vierte Klassenkonferenz innerhalb eines Jahres, und weder er noch seine Eltern waren überhaupt anwesend. Auf Anrufe reagieren sie nicht, eine Entscheidung über seine weitere schulische Laufbahn treffen sie nicht.
Mit dem zweiten diskutiere ich jeden Tag aufs Neue die Frage, ob es gestattet sei, während des Unterrichts die Füße oder wahlweise den Kopf auf der Tischplatte abzulegen. Seine Mutter ist noch auf keinem Elternabend erschienen und hat noch nie eine Entschuldigung für ihn geschrieben.
Renitente Schüler und unkooperative Eltern sind bei uns Ausnahmen, und wir können im Grunde nicht mit ihnen umgehen. Aber sie nerven und frustrieren und lassen vergessen, dass es da noch zwanzig andere gibt, die lustig oder nett oder niedlich sind, und nur ganz selten nervig.
Zwei Mädels zum Beispiel spielen im Moment mit Begeisterung das Spiel analoges Chatten: Nach Unterrichtsschluss stellen sie sich vor der Tafel auf, eine links, eine rechts, und chatten schriftlich nach allen Regeln der Kunst, mit haufenweise Satzzeichen und Smileys und Abkürzungen. Kann ich auch noch was lernen, wenn ich am nächsten Morgen die Chatprotokolle nachlese. FWIW.

1. Oktober – Beginn der Heizperiode

Montag, 1. Oktober 2012

“Nun werden die Morgenträume wieder interpunktiert von den Nöten des heißen Wassers, das Mr. Robinson aus dem Keller in freistehenden Rohren durch Stockwerk nach Stockwerk aufwärts schickt. Das Wasser erschrickt vor der kalten Luft, prallt allseitig vor der ungleichen Federung, so daß im Schlaf ein alter Kerl erscheint, neben dem Kopfende des Bettes aufragend, der hat eine eiserne Kehle, eine schartige Röhre hat der im Hals, der atmet mit Rasierklingen, der frißt Glas und Schrott. Noch springen kleine Kiesel auf und ab, knallen hin und her. Unverhofft beengt, führt der Atem des Wassers schnelle ängstliche Schläge gegen das Metall. Der gleichmäßige Rhythmus zerfasert in schwächlichen, versiegenden Herztönen. Der Kerl denkt nicht ans Sterben, der treibt sich einen Stacheldrahtbesen in die Kehle, unter kratzenden, kitzelnden, schabenden Lauten, die geradezu behaglich klingen. Zum Nachräumen schickt er kleine Männer mit scharfen Hämmern hinein, die das Rohr abklopfen mit bedächtigen, unverhofften Hieben, abwechselnd mit dem spitzen und dem stumpfen Ende. Die werden alle in mehreren bürstenden Schwüngen hochgehustet und stürzen dann dumpf unten auf, mit einem Zirpen, als brächen ihnen die Knochen. Langsam spült der Kerl nach, aber nicht in einem Schluck, sondern mit einzeln fallenden Tropfen, die hüpfen wie Flöhe. Ein Scherbenhaufen rasselt abwärts, ineinander klirrend, ohne indessen aufzuschlagen in dem schmetternden Knall, den die Erwartung vorbereitet hat. Die Scherben sind verklumpt in gläserne Bälle, mit denen gurgelt einer. Jetzt hüstelt er. Er fühlt sich nicht bemerkt, er räuspert sich viele behäbige Male. Endlich hustet er los, mit kräftigen Schulterstößen. Endlich ist der Schlaf so fadenscheinig, daß die Bilder mitten im Laufen reißen. Es ist kein Traum, es ist das morgendliche Anlaufen der Heizung.
Die Heizperiode hat begonnen.”

Uwe Johnson, Jahrestage. Aus dem Leben von Gesine Cresspahl, Frankfurt am Main 1970, S. 131/132