Archiv November 2012

Tomaten und Mozzarella

Dienstag, 27. November 2012

Große Katastrophe heute im wöchentlichen Vokabeltest der Sechstklässler – bis auf ganz wenige Ausnahmen hatten sie gar nicht bis schlampig gelernt, die Wörter nie geschrieben, und Sätze bilden können sie schon mal gar nicht. Simple past? Nie gehört.
Ich also: Gardinenpredigt, böse geguckt, falsche Sätze an der Tafel zerpflückt, paar Mal das Wort dumm in den Mund genommen, an die Vernunft appelliert, vor der nächsten Klassenarbeit gewarnt, zum hundertdreiundzwanzigsten Mal besprochen, wie man Vokabeln lernt und warum. Kurz: lehrerhaftes Verhalten an den Tag gelegt – so lange, bis jemand stöhnte: Jetzt hören Sie doch endlich auf, uns so zu quälen. Dann bekamen sie den Test zurück und waren entsetzt ob ihrer Fünfen und Sechsen.
Der Rest der Stunde war, wie man sich Unterricht wünscht; sie waren bemüht, arbeiteten konzentriert mit, versuchten, den schlechten Eindruck, den sie bei mir hinterlassen hatten, wieder zu verwischen. Na bitte, dachte ich, geht doch. Manchmal muss man eben Schwein sein – Hauptsache, sie haben was kapiert.
Und dann saß da kurz vor Ende der Stunde dieses sehr freundliche Kind in der ersten Reihe, hätte eigentlich etwas schreiben sollen, sah mich stattdessen träumerisch an und sagte: Wissen Sie, worauf ich jetzt gerade ganz großen Appetit habe? Auf Tomaten und Mozzarella mit Pesto – das ist so lecker!

Blaue Stunde

Samstag, 24. November 2012

Limerick (86)

Samstag, 17. November 2012

Our vicar’s an absolute lamb;
but when he sat down in the jam
on taking his seat
at our Sunday school treat
we all heard the poor man say: Stand up, please, while I say grace.

15. November: Tag des unbekannten Googlers

Donnerstag, 15. November 2012

Lieber unbekannter Googler, auch wenn die Beziehung zwischen Ihnen und mir häufig auf schrecklichen Missverständnissen beruht – heute werden Ihre Fragen ernsthaft beantwortet und Ihre Kommentare kommentiert, heute suchen Sie nicht ins Leere hinein, sondern begegnen einem verständnisvollen Gegenüber. Sie fragen, ich antworte.

Wiesenrute
Ja nee. Raute.

Schweineaugen
Wie man mit der Google-Bildersuche und diesem Suchbegriff auf meine Seite gelangt, ist mir vollends schleierhaft. Ich habe noch nie Bilder von Schweineaugen gemacht, geschweige denn veröffentlicht, und ich habe auch noch nie etwas über Schweineaugen geschrieben. Die Bilder, die man bei der Bildersuche sieht, hätte ich auch lieber nicht gesehen. Das muss einer dieser fürchterlichen Irrtümer sein.

Wie ist ein Limerick?
Ah! Das ist ja mal was anderes als das ewige was ist ein Limerick. Ein Limerick ist komisch, geistreich, unernst, bizarr, schön, neckisch, unartig, kompliziert, unsinnig, spöttisch, und vor allem: meta.

Limericks vulgär
Nur vulgär sind Limericks niemals.

Kurt Schwitters zitieren
Voilà:

Weißt Du es Anna, weißt Du es schon,
Man kann Dich auch von hinten lesen.
Und Du, Du Herrlichste von allen,
Du bist von hinten wie von vorne:
A – N – N – A.
Rindertalg träufelt streicheln über meinen Rücken.
Anna Blume,
Du tropfes Tier,
Ich liebe dir!

am Morgen wünsch ich mir den Tod, das geht so bis zum Abendrot
Das ist nicht Schwitters, das ist Borowiak. Aber auch ziemlich komisch.

er erfand das Loch ohne Rand
Das war ein Mann aus Holzminden.

Pinguin wie kommst du darauf, dass ich keinen trage
Na, so ein Pinguin würde ja schon auffallen, das sind ja keine sehr kleinen Tiere, die man einfach so in der Jackentasche mit sich herumtragen könnte. Außerdem machen die doch sicher auch Geräusche, so Pinguingeräusche, und die würde man doch bestimmt hören.

Heidennebel
So was Ähnliches wie Götterdämmerung, oder?

der Fluss Gunda
Ich hab zwei Freundinnen mit dem Namen, aber einen Fluss Gunda gibt es nicht.

Jetzt gibt es bald Salat.
Das stimmt doch gar nicht. Es wird Winter, da wächst kein Salat.

goodbye, miss you
Ja, ich vermisse dich auch, unbekannter Googler. Wiedersehen.

Es dongt nicht mehr

Montag, 12. November 2012

Seit den Sommerferien ist unser Schulgong kaputt, und es dongt nicht mehr, wie die Schüler schreiben würden. Es gongt nicht, es klingelt nicht, es schellt nicht, nicht zu Stundenbeginn, nicht zu Stundenende, nicht am Ende großer Pausen – was auch nach acht Wochen noch hervorragend als Fünftklässlerausrede fürs Zuspätkommen taugt: Es dongt ja nicht, wie sollen wir da wissen, wann die Pause zu Ende ist.
Wilde Geschichten kursieren über die Reisen, die der Gong zwecks seiner Reparatur unternahm: Nach Frankreich soll er verschickt worden sein, zuletzt war er angeblich in São Paulo (die Globalisierung). Und, so wird geraunt, wenn er dann endlich zurückfinde, der Gong, dann sei es hochkompliziert, ihn wieder zum Dongen zu bringen, eine Wissenschaft für sich. Angeblich ist er sogar seit letztem Donnerstag wieder im Haus, aber gesehen hat ihn niemand, geschweige denn gehört.
Nun ist einigen Kollegen aufgefallen, wie viel ruhiger es ohne den Gong zugeht. Tatsächlich stellen Blicke auf Armbanduhren oder auf die in nahezu allen Klassenräumen und im Lehrerzimmer aushängenden Wanduhren ebenfalls sicher, dass der Unterricht pünktlich begonnen und beendet werden kann. Und so gibt es jetzt eine Initiative, die sich dafür einsetzt, den Gong nie wieder in Betrieb zu nehmen. (Ob die Reparatur- und Reisekosten des kaputten Gongs eine solche Maßnahme rechtfertigen, ist dabei eher unerheblich.)
Morgen wird über diesen kühnen Vorstoß beraten werden. Warum ich unbedingt dafür bin? Weil ich dann nie wieder in Schüleraufsätzen lesen muss: Es dongte, und wir rannten alle auf den Schulhof.

Über das Lesen von Comics

Samstag, 10. November 2012

Ein Kollege hat mir letzte Woche überraschenderweise ein Heftchen des Niedersächsischen Landesamtes für Lehrerbildung und Schulentwicklung geschenkt, Titel: Gefährliches Lesen. Die Schmutz- und Schundkampagne in den 1950er Jahren. Er hatte das von einer Fortbildung mitgebracht; warum er glaubte, dass mich das interessieren könnte, ist nicht ganz klar, aber – es interessiert mich.

Darin geht es um den 50er-Jahre-Feldzug der 1954 gegründeten (aber eine Tradition aus der Weimarer Republik fortführenden) Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften (heute: Medien) gegen die so genannte Schmutz- und Schundliteratur, vor allem gegen Comics. Lehrer führten diesen Feldzug mit besonderem Eifer; in der Verbandszeitschrift Jugendschriften-Warte des Allgemeinen Deutschen Lehrer- und Lehrerinnen-Verbands (später in der GEW aufgegangen) heißt es 1958:

Das Ziel jeder literar-pädagogischen Unterweisung ist die Erziehung zum Buch. Dieses Ziel ist unverrückbar und darf durch eine Jugendzeitschrift nicht gemindert oder gar gefährdet werden.

Neben einem Analyse-Teil bietet das Heft eine ausführliche Dokumentation der Argumente, die belegen sollen, dass schädlich ist, „was die noch bildsamen Seelen der Kinder in sich aufnehmen, wenn wir sie der ständigen Einwirkung der Schmöker ausliefern“.

Die Liste der Anti-Comic-Argumente sieht so aus:

  • Kompensationslektüre für Minderwertigkeitsgefühle
  • Autorität der Erwachsenen wird in Frage gestellt
  • Darstellung einer unwirklichen, verlogenen Welt
  • Verherrlichung von Gewalt, Brutalität, Sadismus
  • schlechte Vorbilder als Ursache für Jugendkriminalität
  • Besonders übel ist es, wenn zur Rehabilitierung des „Helden“ zwischen ein paar Gewalttaten schnell ein Muster von Kameradentreue, ein Beispiel von Hilfsbereitschaft oder ein Gebet am Grabe des – natürlich ermordeten und nun zu rächenden – Vaters eingeschoben werden.

  • Vamp als dominierendes Frauenbild
  • Übergänge zur Pornografie
  • sprachliche Minderwertigkeit
  • “Blasendeutsch“
  • schablonenhafte Darstellungen
  • Warten auf die Fortsetzung lässt keinen Spannungsabbau zu
  • Leserbindung durch kommerzielle Zusatzangebote

Mir kommen einzelne Punkte dieser Liste bekannt vor, denn ich durfte als Kind keine Comics lesen. Das war ja nun 20 oder 30 Jahre später, aber obwohl (oder: weil) sich die Familien meiner Eltern in deren Kindheit keine Comics leisten konnten, haben anscheinend sowohl meine Mutter als auch mein Vater die Argumentations- muster ihrer Eltern übernommen und an ihre eigenen Kinder weitergegeben: Dieses Blasendeutsch kommt mir nicht ins Haus.

Obschon ja mittlerweile bekannt ist, dass sich Erika Fuchs als Übersetzerin unschätzbare Meriten erworben hat, hat die geliehene Micky-Maus-Lektüre in Ferienlagern und auf Musikfreizeiten nie genug kriminelle Energie in mir entfacht, um Comics zu Hause vom Taschengeld heimlich selbst zu kaufen. Und so kommt es, dass ich die Kulturtechnik des Comiclesens nicht erlernt habe und die Klassiker nicht kenne. Wird irgendwo Entenhausen erwähnt, muss ich passen; zitiert jemand Asterix, stehe ich lächelnd daneben und verstehe nichts. Heutzutage verbietet mir niemand, Comics zu lesen, allein – ich kann es nicht. Ich verstehe die Pointen erst mit einer halben Stunde Verspätung, grüble über der Reihenfolge der Sprechblasen, muss stundenlang auf die Bilder starren, um den Witz zu entdecken. Und es macht mir keinen Spaß.

Dabei ist die Verbindung von Bild und Text genau mein Ding, zumindest in der Fotografie. Und ich habe mit Entzücken und Andacht Scott McClouds großartiges Buch Comics richtig lesen studiert; auch zählen Graphic Novels heutzutage ja zur hohen Literatur. Aber Comics lesen? Eher nicht. Ich habe Alison Bechdels Fun Home gelesen (mit großer Bewunderung, die mich über die Schwierigkeiten beim Lesen hinweggetragen hat), außerdem Waltz with Bashir (aber erst, nachdem ich den Film gesehen hatte), und Gift von Peer Meter und Barbara Yelin. Durch Persepolis bin ich nicht mal halb durchgekommen, und alle weiteren Versuche waren noch weniger erfolgreich.

Für Comics bin ich verloren, fürchte ich. Wenn ich das heute meiner Mutter als gravierenden Erziehungsfehler vorwerfe, lacht sie und nimmt mich nicht ernst. Wie immer lässt sich mangels Vergleichs nicht sagen, ob mich das Comiclesen in irgendeiner prägenden Weise verändert hätte. Aber ich würde es doch gerne können.

Heute gehört

Freitag, 9. November 2012

Die Geschichte von der Sechstklässlerin, die einsam und sichtlich schlecht gelaunt in der Pausenhalle sitzt, gefragt wird, was denn los sei und wo die anderen seien und nach ein bisschen Herumgrummeln trotzig und ein bisschen traurig antwortet: Die sind in der Pubertät.