Über das Lesen von Comics

Ein Kollege hat mir letzte Woche überraschenderweise ein Heftchen des Niedersächsischen Landesamtes für Lehrerbildung und Schulentwicklung geschenkt, Titel: Gefährliches Lesen. Die Schmutz- und Schundkampagne in den 1950er Jahren. Er hatte das von einer Fortbildung mitgebracht; warum er glaubte, dass mich das interessieren könnte, ist nicht ganz klar, aber – es interessiert mich.

Darin geht es um den 50er-Jahre-Feldzug der 1954 gegründeten (aber eine Tradition aus der Weimarer Republik fortführenden) Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften (heute: Medien) gegen die so genannte Schmutz- und Schundliteratur, vor allem gegen Comics. Lehrer führten diesen Feldzug mit besonderem Eifer; in der Verbandszeitschrift Jugendschriften-Warte des Allgemeinen Deutschen Lehrer- und Lehrerinnen-Verbands (später in der GEW aufgegangen) heißt es 1958:

Das Ziel jeder literar-pädagogischen Unterweisung ist die Erziehung zum Buch. Dieses Ziel ist unverrückbar und darf durch eine Jugendzeitschrift nicht gemindert oder gar gefährdet werden.

Neben einem Analyse-Teil bietet das Heft eine ausführliche Dokumentation der Argumente, die belegen sollen, dass schädlich ist, „was die noch bildsamen Seelen der Kinder in sich aufnehmen, wenn wir sie der ständigen Einwirkung der Schmöker ausliefern“.

Die Liste der Anti-Comic-Argumente sieht so aus:

  • Kompensationslektüre für Minderwertigkeitsgefühle
  • Autorität der Erwachsenen wird in Frage gestellt
  • Darstellung einer unwirklichen, verlogenen Welt
  • Verherrlichung von Gewalt, Brutalität, Sadismus
  • schlechte Vorbilder als Ursache für Jugendkriminalität
  • Besonders übel ist es, wenn zur Rehabilitierung des „Helden“ zwischen ein paar Gewalttaten schnell ein Muster von Kameradentreue, ein Beispiel von Hilfsbereitschaft oder ein Gebet am Grabe des – natürlich ermordeten und nun zu rächenden – Vaters eingeschoben werden.

  • Vamp als dominierendes Frauenbild
  • Übergänge zur Pornografie
  • sprachliche Minderwertigkeit
  • “Blasendeutsch“
  • schablonenhafte Darstellungen
  • Warten auf die Fortsetzung lässt keinen Spannungsabbau zu
  • Leserbindung durch kommerzielle Zusatzangebote

Mir kommen einzelne Punkte dieser Liste bekannt vor, denn ich durfte als Kind keine Comics lesen. Das war ja nun 20 oder 30 Jahre später, aber obwohl (oder: weil) sich die Familien meiner Eltern in deren Kindheit keine Comics leisten konnten, haben anscheinend sowohl meine Mutter als auch mein Vater die Argumentations- muster ihrer Eltern übernommen und an ihre eigenen Kinder weitergegeben: Dieses Blasendeutsch kommt mir nicht ins Haus.

Obschon ja mittlerweile bekannt ist, dass sich Erika Fuchs als Übersetzerin unschätzbare Meriten erworben hat, hat die geliehene Micky-Maus-Lektüre in Ferienlagern und auf Musikfreizeiten nie genug kriminelle Energie in mir entfacht, um Comics zu Hause vom Taschengeld heimlich selbst zu kaufen. Und so kommt es, dass ich die Kulturtechnik des Comiclesens nicht erlernt habe und die Klassiker nicht kenne. Wird irgendwo Entenhausen erwähnt, muss ich passen; zitiert jemand Asterix, stehe ich lächelnd daneben und verstehe nichts. Heutzutage verbietet mir niemand, Comics zu lesen, allein – ich kann es nicht. Ich verstehe die Pointen erst mit einer halben Stunde Verspätung, grüble über der Reihenfolge der Sprechblasen, muss stundenlang auf die Bilder starren, um den Witz zu entdecken. Und es macht mir keinen Spaß.

Dabei ist die Verbindung von Bild und Text genau mein Ding, zumindest in der Fotografie. Und ich habe mit Entzücken und Andacht Scott McClouds großartiges Buch Comics richtig lesen studiert; auch zählen Graphic Novels heutzutage ja zur hohen Literatur. Aber Comics lesen? Eher nicht. Ich habe Alison Bechdels Fun Home gelesen (mit großer Bewunderung, die mich über die Schwierigkeiten beim Lesen hinweggetragen hat), außerdem Waltz with Bashir (aber erst, nachdem ich den Film gesehen hatte), und Gift von Peer Meter und Barbara Yelin. Durch Persepolis bin ich nicht mal halb durchgekommen, und alle weiteren Versuche waren noch weniger erfolgreich.

Für Comics bin ich verloren, fürchte ich. Wenn ich das heute meiner Mutter als gravierenden Erziehungsfehler vorwerfe, lacht sie und nimmt mich nicht ernst. Wie immer lässt sich mangels Vergleichs nicht sagen, ob mich das Comiclesen in irgendeiner prägenden Weise verändert hätte. Aber ich würde es doch gerne können.


  1. Lieber unglücklicher Comicleser!

    Bei Deinem Problem hilft nur noch Carl Barks!
    Versuche es doch einmal mit Band 12 der “Entenhausen-Edition”. (Kostet 5,95 Euro.)Dort findest Du fünf Donald Duck Geschichten aus der Feder des genialsten Comic-Künstlers aller Zeiten. Jede Geschichte hat zehn Seiten. Fange mit der Geschichte “Die Wette” an.
    Viel Spaß dabei wünscht: Peer Meter!

    Sonntag, 11. November 2012, 13:46 Uhr von Peer Meter

  2. Comics muss sicher nicht jeder. Aufgefallen ist mir, dass bei den genannten Comics aber eh nur solche dabei sind, die es ins Feuilleton schaffen. Die lese ich schon auch, aber richtig Vergnügen habe ich eher bei den, äh, populäreren Heften.

    Dass das in den 50ern bei uns auch so wild war, wusste ich gar nicht. Ich kenne die gleichen Argumente nur aus den USA, als besorgte Mütter heimlich die Comisammlungen ihrer Kinder wegwarfen.

    Sonntag, 11. November 2012, 17:12 Uhr von Herr Rau

  3. Danke für die Tipps. Ich werde weiterhin versuchen, Comics zu lesen, ich weiß nur nicht, ob ich erfolgreich sein werde…

    Sonntag, 11. November 2012, 17:42 Uhr von nicwest

Kommentar schreiben

You must be logged in to post a comment.