Die Hübschigkeit der Schauspieler (19)

Der Engel mit der Posaune, 1949, mit Paula Wessely, Paul Hörbiger, Oskar Werner

Unsere Filmclubabende finden jetzt also in der Landeshauptstadt statt, wo man ja auch erstmal hinfahren muss. In der neuen Wohnung gibt es zwar nach wie vor das Riesensofa und den Beamer, nicht aber eine große weiße Wand, weshalb der Hausherr extra für uns eine ausziehbare Leinwand an der Decke befestigt hatte. Auch ist das Wohnzimmer viel kleiner, so dass bei vier anwesenden Gästen drei Leute auf dem Boden Platz nehmen mussten.
Der Engel mit der Posaune ist ein österreichischer Schwarz-Weiß-Schinken aus dem Jahr 1949. Frau L. hatte ihn ausgesucht und unter großen Mühen von einer Kollegin aus dem Fernsehen aufnehmen lassen – leider haben wir vergessen zu fragen, was genau sie an dem Film so fasziniert.
Es handelt sich um eine Familiensaga mit Anklängen an die Buddenbrooks, nur auf Österreichisch, die zwischen 1888 und 1945 spielt und private Familiengeschichte mit der großen National- geschichte verknüpft. Man muss ein paar Dinge über Österreich wissen, z.B. was Mayerling ist, und die Figuren haben Namen wie Hans und Franz, Otto-Eberhard und Martha-Monika. Das Auftreten jeder neuen Generation erhöht die Verwechslungsgefahr, die Posaune ist in Wirklichkeit eine Trompete, und zu alledem hat der Film auch noch Überlänge.
Insgesamt ein Lehrstück in Pathos und Verdrängung, in dem beispielsweise die Rede davon ist, dass Hitler „aus dem Nichts“ über die Welt kam, dabei kam er ja nun aus Österreich. Am Ende steht die nächste Generation in den Trümmern des Zweiten Weltkriegs bereit, um Handwerk und Kultur zu retten und zu neuer Blüte zu führen, dazu spricht der Erzähler salbungsvolle Worte aus dem Off.
Nun ja, wäre da nicht die Riege hochkarätiger Schauspieler (Paula Wessely, Attila und Paul Hörbiger, Maria Schell, Oskar Werner), wir würden das L-Wort in den Mund nehmen. Übrigens ist das nach dem Dritten Mann schon der zweite Film mit Paul Hörbiger, den Frau L. zeigt.
Aber der Vorfilm war super. Er handelte davon, dass die nagelneue Leinwand, als sie heruntergelassen werden sollte, mit Getöse von der Decke krachte, von Bohrmaschine, Staub und Federklapp- dübeln, von ehrgeizigen Heimwerkern, die stundenlang schwitzend mit erhobenen Armen auf Stühlen standen, von Traugott mit dem Kopfpantoffel, von Frau L., wie sie unverfroren charmant die Nachbarn von unten beruhigen ging, und von den Damen auf dem Sofa, die das ganze Geschehen mit den passenden Kommentaren versahen.
Als wir wieder zurückreisten in die Heide, durch Dunkelheit und Schneetreiben, hatte über die Hübschigkeit der Schauspieler niemand ein Wort verloren.

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