Halbjahr
Mittwoch, 30. Januar 2013Heute gibt es Zeugnisse und dann etwas, was offiziell Ferien heißt, aber es sind bloß zwei Tage. Wir erwarten Besuch, wir planen einen Ausflug, und dann geht es weiter mit dem zweiten Halbjahr.
Aber die ewig zeternde Mathekollegin wird pensioniert, und im Lehrerzimmer wird etwas fehlen, wenn sie im nächsten Halbjahr nicht mehr da ist – das ewige Zetern nämlich. Es ist eine meiner ersten Erinnerungen an diese Anstalt, wie sie vor dem Vertretungs- plan steht und wie ein Rohrspatz über irgendeinen Schüler schimpft, unter anderem mit den Worten dumm wie Brot.
Uiuiui, dachte ich damals.
Bei Schülern war sie wegen ihrer spitzen Zunge und ihrer ironischen Art gefürchtet. Neulich rief sie im Unterricht empört: „Da geht mir doch das Messer in der Tasche auf!“, und am Nachmittag bekam sie einen Anruf von der Mutter des Kindes, mit dem sie bei der Gelegenheit gesprochen hatte, die ihr mitteilte, ihre Tochter fühle sich von ihr bedroht.
Ein anderes Mal rief die Mutter eines Fünftklässlers an, um ihr vorzuwerfen, sie habe ihren Sohn beleidigt. Sie stritten eine Weile herum, bis herauskam, dass sie zu ihm gesagt hatte: „Ich habe dich akustisch nicht verstanden“ und anscheinend weder Sohn noch Mutter wussten, was akustisch bedeutet. Darüber wurde dann im Lehrerzimmer ausgiebig gezetert. Vor Jahrzehnten hat sie tatsächlich mal einen Schüler geohrfeigt, das ist auch eine ziemlich lustige Geschichte.
Jetzt also geht sie und hat das gesamte Kollegium inklusive Schulleitung brüskiert, weil sie sich einer offiziellen Verabschiedung verweigert. Begründung: Bei solchen Gelegenheiten werde sowieso nur aus der Personalakte vorgelesen, und die kenne sie doch selbst. Wer ihr etwas zu sagen habe, könne ja einen Brief schreiben. Bedauernde Worte ob ihres künftigen Fehlens kommentiert sie standardmäßig mit „Ich sterbe ja nicht“. Und wehe dem, der zu fragen wagt, was sie denn nach ihrer Pensionierung zu tun gedenke: Sie tue nichts anderes als vorher auch, nur dass sie eben nicht mehr zur Arbeit gehe!
Am letzten Freitag habe ich sie zum allerersten Mal ein paar Augenblicke lang sprachlos erlebt; dass mir das noch vergönnt war, freut mich sehr. Da war ihr nämlich nicht klar, dass jener Freitag ihr allerletzter Arbeitstag war, weil sie alle Stunden der nächsten Woche schon vorgezogen hatte. Und als ihr der Vertretungsplaner dies mitteilte, kam die völlige Überraschung eine Weile nicht gegen ihre gewöhnliche Schlagfertigkeit an. Sprachlos. Das nächste Wort, das sie dann sagte, war „Nein!“ – das war die Antwort auf die Frage, ob sie denn in der nächsten Woche noch einmal vorbeikomme.
Sie muss dann aber doch noch mal dagewesen sein, denn gestern lag am Vertretungsplan eine gelbe Karte, auf der standen zwei knappe Sätze und ihre Unterschrift. Einer war: Ich bin dann mal weg.
Tja. Tschüss.
(Brief oder Blogeintrag, das ist doch fast dasselbe. Außerdem kennt sie diese Geschichten ja alle schon, sie hat sie schließlich selbst erlebt.)
Kürzlich sahen wir ja den alten österreichischen Film