Nachbar Eichmann

Komische Koinzidenz: Im Kino läuft Hannah Arendt, in unserem Provinztheaterchen ein Stück namens Altensalzkoth, in beiden spielt Adolf Eichmann eine Hauptrolle. Bevor der nämlich mit Hilfe gut funktionierender Altnazi-Seilschaften nach Argentinien flüchtete, lebte er vier Jahre lang in dem winzigen Ort Altensalzkoth, gut zehn Kilometer entfernt von hier, südliche Lüneburger Heide. Unter dem Namen Otto Heninger war er zunächst als Waldarbeiter tätig, später wurde er Hühnerzüchter. 1950 hatte er genug Geld erwirtschaftet, um sich aus Deutschland absetzen zu können, wo ihm der Boden wohl doch zu heiß wurde.
Noch leben Leute, die ihn gekannt hatten und die, wie sie sagen, aus allen Wolken gefallen waren, als er gut zehn Jahre später plötzlich in einem Glaskasten sitzend vor den Augen der Weltöffentlichkeit (darunter die Hannah Arendts) wieder auftauchte.
In die Lüneburger Heide verliefen sich nach Kriegsende viele Fremde, die aus verschiedenen Gründen nicht dahin zurück konnten, wo sie ursprünglich herkamen. Allerdings ist Celle und Umgebung bis heute eine ziemlich braune Gegend, und es könnte ebenso gut sein, dass Eichmann genau deshalb gerade hier untertauchte. Man weiß nicht, wer was wusste und wird es wohl auch niemals herausfinden.
Eichmann jedenfalls züchtete Hühner und verkaufte die Eier für zwanzig Pfennig das Stück an „Eier-Emma“ (Frau L., aufgewachsen fünf Kilometer von Altensalzkoth entfernt, besitzt ein Foto, das sie als Kind junge Erwachsene mit Eier-Emma zeigt) – die wiederum trieb, Ironie der Geschichte, schwungvollen Handel mit den Insassen des Camps für Displaced Persons in Bergen-Belsen, gut 10 Kilometer von Altensalzkoth entfernt. Also mit den ehemaligen KZ-Insassen, an deren Vernichtung Eichmann so akribisch gearbeitet hatte. (Im Theaterstück kommt denn auch ein blöder Witz über „Hühner-KZs“ vor, über den das Publikum zum Glück nicht gelacht hat.)
Es gibt ein einziges Bild aus Eichmanns Zeit in Altensalzkoth, das Foto einer Hochzeit, aufgenommen am 12. September 1947. Ich wüsste gern, was das Brautpaar gedacht hat, als es erfuhr, wen es sich da eingeladen hatte.


Hintere Reihe, Dritter von links. (Quelle)


  1. Und gestern brachte Frau L. die Fotos von sich und “Ziegen-Emma” mit. Es sind nämlich eine ganze Reihe von Fotos, von denen sich einige gut als “Heideidylle damals” Postkarten verkaufen ließen.

    Freitag, 22. Februar 2013, 6:53 Uhr von Kollegin K.

  2. Ja, sehr idyllisch. Scheinbar.

    Freitag, 22. Februar 2013, 21:12 Uhr von nicwest

  3. Richtig. Scheinbar!

    Freitag, 22. Februar 2013, 23:01 Uhr von Kollegin K.

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