Eier-Emma

Über Eichmann haben viele geschrieben, Eier-Emma lebt nur in der oral history weiter – so lange, bis sich niemand mehr an sie erinnern kann. Dabei belegen die Geschichten von Frau L. und ihrer Mutter (letztere wurde extra ausführlich zu dem Thema befragt), dass Eier-Emmas Besorgungen durchaus erinnernswert sind.

Eier-Emma, links im Bild, auf der Dorfstraße in Sülze. Mit dieser Schubkarre transportierte sie ihre Eier.

Eier-Emma war eine alleinstehende Frau, die nach dem Krieg zusehen musste, wie sie über die Runden kam. Ihre Haupteinnahmequelle war der Handel mit Eiern, die sie unter anderem dem untergetauchten Hühnerzüchter Adolf Eichmann abkaufte und an die Displaced Persons in Bergen-Belsen weiterverkaufte. Außerdem besaß sie Ziegen und ein Schwein.
Die Ziegen ließ sie am Wegesrand grasen, der niemandem gehörte, und pflegte, offensichtlich multitaskingfähig, die Angewohnheit, beim Ziegenhüten dicke schwarze Socken zu stricken. Sie ging mit ihren Ziegen am Wegesrand entlang und strickte Socken, und währenddessen rutschte das Wollknäuel aus ihrer Tasche und hüpfte hinter ihr her, manchmal meterweit entfernt, sehr zur Freude der zuständigen Katzen.
Die Ziegen dienten ihr auch als Heizung, wenn es in ihrem Haus zu kalt war. Zweimal brannte es bei ihr – sie selbst vermutete Brandstiftung, weil sie die Einnahmen aus dem Eierverkauf nicht sofort zur Bank brachte, sondern erstmal zu Hause lagerte. Einmal waren davon Mieter betroffen, die ihre Habseligkeiten im Garten versammelten, bis das Haus wieder bewohnbar war, darunter auch einen großen Spiegel, den sie an den Apfelbaum lehnten. Einer von Eier-Emmas Ziegenböcken erblickte sich selbst in diesem Spiegel, nahm einen gewaltigen Anlauf und zertrümmerte das Glas mit seinen Hörnern, in dem festen Glauben, einen Rivalen auszustechen.

Beim Eierverkauf in Celle, in den 70er Jahren. Den Handwagen ließ sie sich in den Zug heben und am Bahnhof Celle Vorstadt (gibt es nicht mehr) wieder hinaus.

Frau L. berichtet, dass Eier-Emma gewaschen aussah wie eine Großmutter aus dem Märchen, rotwangig und proper, ungewaschen aber eher wie die böse Hexe, und leider wusch sie sich nicht so oft. Das Schwein war zum Essen da und wurde öfter ausgetauscht, hieß aber immer Hans, und sie richtete es ab, so dass es sich auf den Befehl „Hans, mach mal tot“ auf den Boden warf, die Augen schloss und sich nicht mehr rührte. Das war jedes Mal besonders praktisch für den Schlachter.
Ansonsten wusste man nicht genau, ob Eier-Emma paranoid war oder neurotisch oder nur berechtigt ängstlich wegen ihres Geldes. Das Land, auf dem ihre Ziegen grasten, ist heute jedenfalls längst verkauft, ihre Nichten und Neffen profitierten von den Einnahmen. In Sülze gibt es eine Sitzbank, auf der steht „Emmas Eck“, in Erinnerung an diese Frau, und in Bergen im Rathaus hängt ein Foto von ihr und einer ihrer Ziegen.
In Frau L.s Fotoalbum, aus dem diese Bilder stammen, gibt es übrigens auch Kinderbilder von Georgette Dee.

Nachtrag: Nachruf auf Eier-Emma, Autor und Erscheinungsort unbekannt

Jümmer wenn’k wan von Zegen hüür, – lees, – rüük oder blots een so’n Deert to sehn krieg, steiht mi forts dat Bild von „Eier-Emma“ vör Ogen.
Akroot seggt, hett se jo „Emma Dora Hermine Steg“ heeten. – Un wat de feinen Damens weern, de op ’n Markt bi ehr inköffen, de wüssen, wat sik schickt und snacken Emma mit „Fröllein Steg“ an. So möch se dat ok opleevst hüürn, wiel se do groten Weert op leggen dä, wegen datt jedereen weten schöll, wat se mit Mannslüüd nix nich in Sinn harr.
„Nolopen sünd se mi“, – sä Föllein Steg. – „Mihr as ’n Dutz harr’k afkregen, wenn’k man henlangt harr!“ Kiek, – un liekers is se alleen bleven. –
Dat heet, mit ehr Zegen un veel Lüttveih, un hett negenunsömtig Johr, söben Moonden un veer Doog in Freden leevt. Dootbleven is se in’n Oktobermoond Negenteihnhunnertachzig. Un all, de to ehr Gräffnis mitgohn sünd, günnen Emma Freden för ewig Tieden.
So wüß de Paster dat ok to seggen, as he de Bibelwöör Hebräer 13,14 utleggen dä: „…denn wi hebbt hier keen blieven Stadt, man de tokomen söökt wi.“ – Of Emma dorno socht hett, weet ik nich. – Se is nich mihr ünner us. –
Wokeen sik op ehr besinnt, höögt sik un vertellt geern ut ehr wunnerlich Leven. Föllein Steg hüür numol mit to de olen Dörpsbiller. Hett sik sülms ’n Dinkmool sett, wonehm een driest op hinwiesen dröff.
Liggt se ok al lang „ünner“ de Eer, so wüllt wi nich spöttsch „över“ ehr snacken. Ne, in ’n gootmenen Afsich „von“ ehr un ehr egen vigeliensche Oort. –
Spoorsom, arm utsehn, un mitünner wat smuddelig weer se jo, over schiens glücklicher un mihr tofre’en, as mannigeen, de höhnsch över ehr lachen deit.

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