Zeiten

Im gesprochenen Deutsch gehen wir mit Präsens und Perfekt so inflationär um, dass der chronisch falsche Gebrauch des Plusquamperfekts eigentlich kein Grund zur Aufregung sein sollte. Dennoch gibt es Leute, die sind pikiert, wenn jemand einfach so sagt „gestern war ich im Kino gewesen“, ohne dass da eine Vorzeitigkeit vorläge.
Allerdings habe ich mal eine Situation erlebt, in der das Plusquamperfekt ohne Vorzeitigkeit total angemessen war: Im Bus wollte jemand am Wismarplatz aussteigen, hatte auch ordnungsgemäß rechtzeitig den Knopf gedrückt, allein – der Busfahrer war in Gedanken und fuhr aus Versehen einfach an der Haltestelle vorbei. Anstatt zu brüllen „Ey, anhalten!“ oder „Idiot, ich will hier aussteigen!“ sagte dieser Fahrgast sehr trocken, aber im ganzen Bus vernehmlich: „Das war der Wismarplatz gewesen.“ Unumstößliche Tatsache: An dieser Haltestelle ist vorbeigefahren worden, das mit dem Wismarplatz ist vollendete Vergangenheit, das können wir endgültig vergessen. (Es war dann gar nicht so; der Busfahrer entschuldigte sich umgehend, hielt gegen alle Regeln zwanzig Meter hinter der Haltestelle an und ließ die Frau aussteigen.)
Ich würde so ein unzeitgemäßes Plusquamperfekt nicht benutzen, aber ich finde es eher amüsant, ebenso wie das doppelte Perfekt („wir sind bis dort vorgedrungen gewesen“) oder das doppelte Plusquamperfekt („das hatte ich mir fast schon gedacht gehabt“). Perfekt II, Super-Perfekt, Ultra-Perfekt – vom kreativen Umgang mit der deutschen Sprache.
Das epische Präteritum ist genauso super. In meiner Klasse (einer achten; die sind ungefähr 14 Jahre alt) stellte kürzlich jemand scherzhaft den aus einem längeren erzählenden Text stammenden Satz „sein Name war Andrej“ in Frage: „Wie jetzt, hat er seinen Namen inzwischen geändert, oder was?“. Ich, sofort hellwach, zitierte umgehend Käte Hamburger: „Morgen war Weihnachten.“ Folgte eine lebhafte Diskussion über die grammatische Funktion des Präteritums und dessen Gebrauch in der Literatur. Den Unterschied verstehen auch Vierzehnjährige.
Großartig, was Sprache alles kann.


  1. Ach guck, ich kenne als Beispielsatz für erlebte Rede “Morgen begann der Krieg”, weiß aber nicht, von wem der stammt.

    Montag, 22. April 2013, 14:02 Uhr von isabo

  2. Ich glaub, ich weiß, woher du den kennst.

    Montag, 22. April 2013, 15:28 Uhr von nicwest

  3. Kennen tue ich ihn aus einem Übersetzerseminar, aber ich weiß die Quelle nicht.

    Dienstag, 23. April 2013, 12:53 Uhr von isabo

  4. (Gerade gegoogelt: Kuckstu. Tja. Immer noch nicht schlauer.)

    Was meinst Du denn, woher ich ihn kenne?

    Dienstag, 23. April 2013, 12:55 Uhr von isabo

  5. Aus dem Übersetzerseminar, auf das man stößt, wenn man den Satz googelt :-)

    Dienstag, 23. April 2013, 13:18 Uhr von nicwest

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