Bargfeld Revisited

8. September 2013, Tag des offenen Denkmals – da kann man hier hinfahren und Arno Schmidts Wohnhaus besichtigen, ohne sich vorher anzumelden. Das machen wir, allerdings diesmal nicht mit dem Fahrrad, sondern in altbewährter Manier mit dem Auto – Kollegin G. huppelt über die Landstraße, Frau L. sagt den Weg an.
Die beiden Damen von der Arno-Schmidt-Stiftung, die eine im Stiftungshaus, wo es eine kleine Ausstellung über Arno Schmidt und das Radio gibt, die andere im Wohnhaus, wissen, wovon sie reden, und weil wir längere Zeit die einzigen Besucher sind, reden sie viel mit uns. Ich wusste zum Beispiel nicht, dass Arno und Alice Schmidt in der Bargfelder Zeit nicht mehr Tandem gefahren sind. Das Tandem allerdings gibt es noch, und wenn sie im Stiftungshaus mehr Platz hätten, würden sie es auch ausstellen.

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Rechts das Wohnhaus aus Holz, links das steinerne Archiv.

In Bargfeld ging eine Zeitlang ein Brandstifter um, und Arno Schmidt hatte Angst um seine Manuskripte. Als Jan Philipp Reemtsma 1977 als Mäzen auf den Plan trat (die Dame sagte: „er lauerte Schmidt am Badeteich auf“), ließ Schmidt das feuersichere Archiv bauen, in dem er auch eine Weile arbeitete. Die berühmte Neckermann-Wechselsprechanlage war in Wirklichkeit dafür da, nicht wegen jeder Kleinigkeit zwischen Archiv und Wohnhaus hin- und herlaufen zu müssen.
Das Wohnhaus ist so eingerichtet, wie es in den letzten Lebensjahren Arno Schmidts genutzt wurde: Er wohnte unten, weil er, herzkrank, keine Treppen mehr steigen konnte oder sollte, sie oben, die Falltür dazwischen haben wir auch gesehen. Sie hatten wohl am Ende sehr unterschiedliche Tagesabläufe; sie eher normal, er arbeitete gern frühmorgens in den kleinen Stunden.

Arbeitszimmer, unten. Üppig bestückt mit Büchern. Auf dem Schreibtisch zwei Brillen und zwei Lupen – Schmidt war sehr kurzsichtig.

Hach, Arbeitsplätze von Schriftstellern. Bei Arno Schmidt ist alles sehr ordentlich, das war nicht anders zu erwarten. Er besaß abseitige Bücher, beispielsweise hat er sich mit Hilfe eines damals schon veralteten amerikanischen Lexikons intensiv ins 19. Jahrhundert eingelesen, um Edgar Allan Poe zu übersetzen.

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Arno Schmidts Karl-May-Sammlung. Obenauf liegt sein eigenes Karl-May-Buch Sitara und der Weg dorthin. Eine Studie über Wesen, Werk & Wirkung Karl Mays.

In seiner Studie Sitara will Schmidt zwei von Karl Mays Werken (eine der Damen erwähnte sie, aber ich hab vergessen, welche es waren – nie Karl-May-Leserin gewesen) für die Hochkultur retten und außerdem Karl Mays angebliche latente Homosexualität anhand seiner Romane belegen. Das ist wissenschaftlich umstritten und seinerseits wohl auch nicht so ganz ernst gemeint.
Unten im Wohnhaus befinden sich außerdem noch Schlafzimmer (spartanisch eingerichtet) und Küche (Stilmischung 50er, 60er, 70er Jahre; der Kalender, den immer er umstellte, steht auf Donnerstag, 31. Mai., dem Tag, an dem er den Schlaganfall erlitt, der ihn letztlich das Leben kostete). Oben ist nicht zur Besichtigung freigegeben.

Nochmal der Arbeitsplatz. In Wirklichkeit ist es dort viel dunkler.

Dass es in dieser Lüneburger Heide, so weit ab, so viel Kultur gibt – wer hätte das gedacht.


  1. hat myNEN T:ag gemacht

    Sonntag, 15. September 2013, 21:35 Uhr von Stephan

  2. :-)

    Montag, 16. September 2013, 9:08 Uhr von nicwest

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