Archiv Oktober 2013

So/nicht

Dienstag, 29. Oktober 2013

Konferenz, Zeit für Listen.

So geht’s

Hörfunkförderung vom Harz bis an die Elbe – Sticks bewusst zu Hause lassen – Schule anschneiden – rosa Fledermäuse an der Decke – alle vier Wochen ansprechbar sein – nach dem Schlussapplaus doch noch mal was nachfragen – im Bild rumhängen – wirklich echt total komplett kostenfrei sein – Zoomtasten ignorieren – 007 hat alles – keine Drohungen gegenüber den Betroffenen – halloweenfarbenes Haar – auf der Tischdecke malen (während der Konferenz Sachbeschädigung betreiben) – jemanden mit Mikrofon in der Hand mal ein bisschen im Raum rumstehen lassen – Vorschläge in einer verbalen Sturmflut ertränken – Teilnehmerliste einstecken

So nicht

mit Muttibonus zu spät kommen – in der Schulleitungsriege Platz nehmen – die Mikrohand mit Ring und Armband schmücken – die Bedrohung durch Geister unterschätzen – zahnlose Hokkaidos – demonstrativ von dannen radeln – am Wochenende Wache schieben – grimmige Eulen, schüchterne Gespenster, boshafte Halloween-Katzen – eigentlich ausgeschildert sein – keine Lob-Kultur haben, aber Lob planen – im Namen der Kinder durch den Raum tanzen – zweiminütige Abstimmung

Limerick (100)

Sonntag, 27. Oktober 2013

Jen estis fraŭlin’ en Parizo;
ŝi dormis sen noktočemizo,
feliče ŝi havis
– kaj tio min ravis –
piǰamon en mia valizo.

Macht Kinder froh

Freitag, 25. Oktober 2013

Die Geschichte mit dem Kollegen Ehren-Klassensprecher ist noch nicht zu Ende. In Deutsch bin ich mit meiner Klasse gerade am Schluss einer Mini-Einheit zur Dudenbenutzung; was noch fehlte, war ein Übungsdiktat mit ein paar besonders schweren Wörtern, die sie erstmal raten und dann im Duden nachschlagen sollten. Schrieb ich mir also dieses Diktat:

Im Krankenhaus
Herr D. hatte sich den Arm gebrochen. Er lag im Krankenhaus und dachte an die 5… Sein linker Arm war eingegipst und tat bestialisch weh. Der Arzt hatte gesagt, es handele sich um eine komplizierte Fraktur mit Bänderruptur im Schultergelenk. Es kann Wochen dauern, bis das wieder zusammengewachsen ist.
Herr D. dachte an die 5… Er bedauerte die Unterversorgung im Fach Kunst. Er dachte auch an die Reliefs, die sie zusammen am Strand des Flüsschens geformt hatten, und an seine Ernennung zum Ehren-Klassensprecher. „Ach“, seufzte Herr D. nachdenklich, „wie könnte ich dieser netten Klasse eine Freude machen?“ Dann sank er wieder in die Kissen und trank seine tägliche Portion Rizinusöl.

Ohne etwas von den Gummibärchen verraten zu haben, diktierte ich ihnen das (Hä??? Was für Öl? Wenn Fraktur Bruch heißt, dann sagen Sie doch einfach Bruch! Wieso sang er? Ich weiß, wie er uns eine Freude machen könnte!), um dann nach der anstrengenden Rumblätterei im Duden schließlich das Päckchen hervorzuzaubern. Das waren mal hart erarbeitete Gummibärchen. Sie wurden mit Jubel empfangen und in Nullkommanix verschlungen.
Es gibt übrigens Deutsch-Didaktiker, die behaupten, Diktate müssten so langweilig wie möglich sein, damit die Schüler sich auf die Rechtschreibung konzentrieren anstatt auf den Inhalt. Ich habe das ausprobiert – es stimmt definitiv überhaupt gar nicht. Es ist vielmehr wie mit allen anderen Dingen auch: Je mehr ein Diktat mit den Schülern zu tun hat (und sei es nur, weil sie es lustig finden), desto mehr Spaß haben sie, desto mehr Mühe geben sie sich. Seit ich das weiß, verfasse ich Diktate meistens selbst.

Schokolade und Gummibärchen

Donnerstag, 24. Oktober 2013

Meine Klasse hat heute ein Päckchen vom darniederliegenden Kunstkollegen bekommen. Der war unsere Begleitperson gewesen bei den Kennenlerntagen in der nahegelegenen Jugendherberge. Als Großorganisator war er zwar nicht zu gebrauchen, das hatte ich vorher gewusst. Aber er formte mit den Fünftklässlern Relieffiguren am Strand des Flüsschens, spielte skurrile Tanzspiele mit ihnen und testete beständig, ob ihnen der Unterschied zwischen Ernst und Ironie schon geläufig sei. Meine Rolle dabei war stets die der Realistin: Glaubt dem kein Wort, warnte ich die armen Kinder, der meint nichts so, wie er es sagt.
Er war auch dabei, als wir in der Jugendherberge den Klassensprecher wählten. Natürlich machte er Wahlkampf – für sich selbst. Wählt mich, rief er, wer mich wählt, kriegt Schokolade und Gummibärchen! Schokolade und Gummibärchen! Macht das bloß nicht, warnte ich die armen Kinder, ihr verschenkt eure Stimme. Schokolade und Gummibärchen in rauen Mengen! – Es waren dann die Witzbolde unter den Schülern, die ihn tatsächlich wählten, allerdings hatte er keine Chance gegen den echten Klassensprecher.
Leider machte er nicht nur Kunst und Quatsch mit den Kindern, sondern spielte auch Fußball mit ihnen. Dabei rutschte er aus und brach sich den Arm. Deshalb hat meine Klasse im Moment keinen Kunstunterricht. Wir schrieben ihm einen Brief: Lieber Herr D., wenn Sie bald wieder gesund werden, ernennen wir sie zum Ehren-Klassensprecher. Und heute kam nun ein Päckchen von ihm, darin Gummibärchen in rauen Mengen und ein Brief: Liebe Klasse 5…, als Ehren-Klassensprecher möchte ich nun meine Schulden begleichen… Der wird es leicht haben mit der Klasse, wenn er wieder da ist.

Die Hübschigkeit der Schauspieler (27)

Sonntag, 20. Oktober 2013

Shine, 1996, mit Geoffrey Rush, Armin Mueller-Stahl, Noah Taylor, John Gielgud

Die wahre Geschichte eines Pianisten mit einer psychischen Krankheit – eine schreckliche Geschichte, vor allem die Vater-Sohn-Beziehung, aber ein Film, der sich allgemeiner Zustimmung erfreut. Das liegt sicher auch an der schönen Musik.
Der Theologe unter den Gästen sieht den tyrannischen Vater sofort als säkularisierte Form einer jahrhundertealten orthodoxen jüdischen Tradition, und die Mechanismen, die der Vater gebraucht, um seinen Sohn und seine ganze Familie zu Untertanen zu machen, werden im Film schonungslos offengelegt. Gruselig.
Dann ist da natürlich das 3. Klavierkonzert von Sergej Rachmaninow. Ich mag das Konzert; ich höre es oft beim Bügeln, in einer Live-Version mit Martha Argerich, und ich habe es auch schon einmal gespielt – im Orchester natürlich. Für das Orchester ist es nicht so schwer, aber die Musikerin unter den Gästen stört sich daran, dass der Film so tut als sei dieses Konzert für den Solisten das schwerste von allen und als habe David Helfgotts Nervenzusammenbruch nach dem Konzert in der Royal Albert Hall mit der Komplexität und interpretatorischen Herausforderung dieses Stücks zu tun. Das sei Quatsch; Mozart oder Bach seien oft viel schwerer zu spielen.
Frau L. will wissen, ob Leute mit der schizoaffektiven Störung, an der David Helfgott leidet, zum Reimen neigten, denn er reimt die ganze Zeit. Ein interessanter Aspekt. Befragt man dieses Internetz dazu, fragt es zuürck: Was reimt sich auf schizoaffektive Störung? Und Wikipedia sagt dazu nur, Leute mit dieser Erkrankung neigten zu „Danebenreden, zerfahrener Sprache, Neologismen“. Geoffrey Rush spielt das absolut überzeugend, das ist bestimmt sehr schwer.
Im Abspann steht, dass Geoffrey Rush im Film auch sein eigenes Hand-Double war, was an sich ja recht beeindruckend ist – liest man allerdings ein bisschen in Pianistenforen herum, erfährt man, wie viele falsche Töne da zu sehen sind: „The guy’s hitting the wrong keys all through the whole clip. I wonder if they made it on purpose for pianists to figure out?” Unerhört!
Eine abseitigere Diskussion, inspiriert von Vivaldis Motette Nulla in mundo pax sincera, die im Abspann zu hören ist, dreht sich um die Frage, ob man zweifelsfrei hören könne, ob ein Mann oder eine Frau singt. Alle meinen ja, Frau L. meint nein und behauptet, „Jane Edwards“ sei das Synonym eines Knabensoprans oder Countertenors. Dann allerdings erzählt sie, wie sie zum ersten Mal Jochen Kowalski gehört hat und dachte: Was ist das? Carolin Emcke hat dieses Erlebnis in Wie wir begehren so beschrieben:

Als das erste Mal diese Stimme erklang, konnte ich mich nicht mehr rühren. Ich saß in der Staatsoper, in der letzten Reihe der Loge, die an den Balkon im ersten Rang grenzt, wie erstarrt, und hörte zum ersten Mal in meinem Leben einen counter tenor. […] Ich hatte so eine Stimme noch nie gehört. Sie schien alles zu überschreiten, was ich kannte und was galt. Sie schien körperlos zu sein, nicht dingfest zu machen, schwebend, jenseits aller Geschlechter.

Man hört es eben.
Was ungeklärt bleibt, ist die Szene, in der David Helfgott seinen Vater zum letzten Mal sieht – ist das ein Traum oder real? Wir wissen es nicht.

Ein Ausflug, ein Ausflug (6)

Freitag, 18. Oktober 2013


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Zu Fuß durch die Stadt auf der Suche nach Steinwerken, der Kronleuchter im Friedenssaal des Rathauses, ein paar Kirchen, der Wind, im Dom ein Kind, die Platt sprechenden katholischen Geistlichen, das Schild des Literaturbüros Westniedersachsen unerwartet an einer Holztür, Fachwerkhäuser mit deutschen und lateinischen Inschriften, ein Einhorn. Varus, Varus, gib mir meine Legionen wieder.
Mittag bei Leysieffer, Abendessen im NATO-Grill, das ist schon wieder bei uns, in der Nähe des Truppenübungsplatzes. Alles sehr stilecht.
Wo waren wir?

Ein Ausflug, ein Ausflug (5)

Mittwoch, 16. Oktober 2013

Wenn wir nicht wollen, dass Ferien unversehens einfach verstreichen, weil wir entspannt im Sessel sitzen und die Tage, einen nach dem anderen, unbedarft passieren lassen, und am Ende sind die Ferien vorbei und wir können nichts anderes über sie sagen als sie waren sehr entspannend – wenn wir das nicht wollen, dann machen wir Ausflüge. Wir fahren umher in diesem Niedersachsen und gucken an, was es anzugucken gibt, und das ist erstaunlich viel. Kollegin G. zuckelt über die Landstraßen, Frau L. sitzt vorne und sagt den Weg an, und ich hocke hinten drin und höre mir an, was die beiden über Landschaft und Leute zu sagen haben.
Diesmal ist es anders, denn wir nehmen die Autobahn. Das Ziel ist Worpswede, wo wir alle schon einmal waren, aber das ist länger her. Der Ort ist seltsam unübersichtlich und erhebt sich aufgrund des Weyerbergs über die platte Umgebung, in der es großartige Birkenalleen gibt. Dass kreative Menschen einander befeuern und sich deshalb zusammenrotten, ist nur recht und billig. Wir gucken Kunst an und geben aus Versehen vier Euro aus, um einmal James Last zu streicheln.
Abends sehen wir die Nebel über dem Teufelsmoor. Wir suchen eine Kneipe, die Frau L. von früher kennt. Einen komischen Namen habe die, sagt Frau L., so etwas wie Jerusalem oder Paradies. Es ist dann Neu Helgoland. Neu Helgoland liegt an der Hamme, aus dem Fenster kann man das Moor sehen. Und aus den Wiesen steiget der weiße Nebel wunderbar.