Die Mühen der Ebene (9. Dezember)

Die Grußformel in einer Kolleginnenmail von gestern versetzt mich in leichte Panik („einen schönen ersten Advent“) – aber nein, die Kollegin hinkt der Zeit hinterher, und es sind nur noch zwei, nicht drei Wochen bis zu den Weihnachtsferien. Zeit zum Tagebuchbloggen. Wie immer ist alles frei erfunden.
In Klasse 10 fangen wir gerade mit dem Vorleser an, und ich mag das Buch nicht (nicht das Thema, sondern die Art, wie es geschrieben ist). Ich habe es 1999 zum ersten Mal gelesen und mochte es nicht, und es wurmt mich seither, dass ich nicht genau sagen kann, warum. „Michael Berg“ und „Hanna Schmitz“ sind blöde Figurennamen, und „Blumen-“ und „Bahnhofstraße“ blöde Straßennamen – das sind ja wohl kaum gute Gründe. Ich habe den Roman bisher nie im Unterricht behandelt, aber vielleicht bekomme ich im Verlauf der Lektüre Aufschluss. Das war, ehrlich gesagt, eins der Motive, diesen Roman auszuwählen.
Die Vorgabe lautet nur „Roman oder längere Erzählung des 20. Jahrhunderts“, da könnten wir sonstwas durchnehmen (wie Frau L. sagen würde), Katharina Blum oder Unterm Rad oder Sansibar (das mag ich auch nicht, ebenfalls aus unerfindlichen Gründen) oder die Schnachnovelle. Mit Der Richter und sein Henker habe ich mal schlechte Erfahrungen gemacht, da musste ich irgendwann androhen, dass der nächste, der „Bärlauch“ anstatt „Bärlach“ sagt, etwas in die Klassenkasse zahlt. Dasselbe mit „Kommissar“ und „Kommissär“.
Ein anderes Motiv, den Vorleser auszuwählen, war das vermutete Interesse der Schüler für den Stoff, zumindest für die Liebesgeschichte. Und so ist es auch: Jemand bemerkt nebenbei, aber doch gut hörbar für mich, dass, wo immer man diesen Roman aufschlage, die Rede von Sex sei, und gibt anschauliche Hörproben zum Besten. Warum das so sei, frage ich, und dann sind sie plötzlich auf dem richtigen Weg. Vielleicht macht das doch Spaß.


  1. Oh, wir mußten damals in der 10. Klasse Sansibar lesen und ich mag es auch nicht. Kann aber daran liegen, daß der Lehrer alles tat um es uns zu vermiesen. (”Markiert im 2.(?) Kapitel alle Farbnennungen - was fällt euch auf?”)

    Dienstag, 10. Dezember 2013, 11:12 Uhr von streckenweise

  2. Na ja, manchmal muss man Schüler zwingen, Dinge zu tun, die sie nicht gern tun…

    Dienstag, 10. Dezember 2013, 13:57 Uhr von nicwest

  3. In der Blumenstraße, um die es in dem Buch geht, habe ich viele Jahre lang gewohnt, jetzt wohne ich wieder in der Nähe, um die Ecke, und an der anderen Ecke ist die Bahnhofstraße (in der es übrigens keinen Bahnhof gibt, der ist in den 50-er Jahren ein Stückchen stadtauswärts gezogen.

    Dienstag, 10. Dezember 2013, 20:39 Uhr von Extramittel

  4. Ja, Heidelberg, ich weiß, ich mag es trotzdem nicht, es ist irrational, ich kann es nicht erklären.

    Mittwoch, 11. Dezember 2013, 7:35 Uhr von nicwest

  5. Na ja, der Heidelberg-Bezug allein ist ja auch kein Grund, das Buch zu mögen. Ich bin mir auch nicht ganz sicher, ob ich es mag. Für Schüler aber sicher verdaulicher als viele andere.

    Mittwoch, 11. Dezember 2013, 9:12 Uhr von Extramittel

  6. Wo kann ich einen Kurs / eine Klasse bestellen, mit denen ich Moby Dick durchnehme?

    Donnerstag, 12. Dezember 2013, 16:08 Uhr von kaltmamsell

  7. Och. Sie müssten nur behaupten, das brauche man im Abi unbedingt.

    Donnerstag, 12. Dezember 2013, 18:21 Uhr von nicwest

  8. Wir durften uns “Die Abenteuer des Werner Holt” von Dieter Noll oder “Wie der Stahl gehärtet wurde” lesen(DDR). Dazu gab es praktischerweise die passenden Verfilmungen im Fernsehen. Ich hab ja wirklich jedes Schulbuch gelesen aber beim Stahl habe ich lieber eine 5 kassiert, das war zu viel rote Propaganda.

    Sonntag, 15. Dezember 2013, 13:19 Uhr von Neli

  9. Uh ja, das stelle ich mir auch ganz übel vor.

    Sonntag, 15. Dezember 2013, 16:56 Uhr von nicwest

  10. Wir haben den “Vorleser” seinerzeit im Leistungskurs als Kombination zur “Deutschstunde” von Lenz gelesen, und meine Güte, im Vergleich zu diesem platten Käse ist Schlink geradezu ein vielschichtiges Meisterwerk gelungen. Soll heißen: Nur Mut, es könnte schlimmer sein.

    (Persönlich hätte ich die “Blum” allerdings bevorzugt; kombiniert Zeitgeschichte und Gegenwart deutlicher und hat unmittelbareren Erkenntniswert für den Lebensalltag der SuS.)

    Sonntag, 15. Dezember 2013, 20:46 Uhr von Andi

Kommentar schreiben

Powered by WP Hashcash