Archiv Dienstag, 10. Dezember 2013

Die Mühen der Ebene (10. Dezember)

Dienstag, 10. Dezember 2013

Dienstags habe ich vier Stunden in meiner eigenen fünften Klasse. Ich mag meine Klasse, aber das ist denn doch ein bisschen viel: Eine Stunde Englisch, eine Doppelstunde Deutsch und dann noch eine so genannte Klassenleiterstunde, in der am sozialen Klima gearbeitet und Konfliktlösung betrieben wird.
Weil es nicht immer Konflikte gibt und ich auch nicht so gut im Ausdenken gemeinschaftsfördernder Spielchen bin, funktionieren wir diese Stunden bisweilen zu Vorlesestunden um. Vorgelesenem konzentriert zuzuhören, mündlich erzählten Geschichten zu folgen und sich das Gehörte im Kopf vorzustellen, ist ohnehin etwas, das ich wichtig finde, wobei man unter Garantie etwas lernen kann, und das im Deutschunterricht zu kurz kommt. Womöglich auch in manchen Haushalten mit Kindern.
Frau L. erzählt immer, dass sie das gesamte Nibelungenlied auf diese Weise kennengelernt hat. Mir wurde in der 5. Klasse Ronja Räubertochter vorgelesen, in Stunden, die im Stundenplan als Religionsunterricht ausgewiesen waren. Die Rumpelwichte murren und seufzen für mich seither mit der Stimme der Religionslehrerin: „Wiesu tut sie su? Wiesu denn bluß?“
Meiner Klasse lese ich gerade Die Brüder Löwenherz vor, und die dritte Stunde am Dienstag ist die einzige in der Woche, an deren Ende ich höre: „Ooch, schaaade.“ Natürlich müssen die Schüler nur dasitzen und still sein, und wer abschalten will, kann das tun, ohne Sanktionen befürchten zu müssen. Aber dann habe ich nach der sechsten Stunde Busaufsicht, plaudere ein bisschen mit den Mädels aus meiner Klasse, und eine von ihnen redet plötzlich scheinbar zusammenhangslos davon, dass sie schon einmal Gras gegessen hat. Es braucht eine Weile, bis ich darauf komme, dass Krümel Löwenherz im heutigen Vorleseabschnitt darüber nachgedacht hat, Gras essen zu müssen, wenn sein Proviant alle ist.
A propos vorlesen: Bei der Vorbereitung auf die Vorleser-Doppelstunde morgen in der zehnten Klasse finden sich erste konkrete Belege für meine Abneigung gegen Schlinks Sprache: „Manchmal empfand ich, als leide sie selbst unter ihrem Erkalten und Erstarren.“ Da stimmt doch was nicht.