Archiv 2013

Die Mühen der Ebene (16. Dezember)

Montag, 16. Dezember 2013

Heute und morgen ist Seminarfachmesse, da stellt der Jahrgang 12 die Ergebnisse der Facharbeiten in Form von Messeständen in der Aula vor. Die Facharbeit dient der Einübung wissenschafts- propädeutischen Arbeitens, die Messe ist eher, sagen wir, populärwissenschaftlich ausgerichtet – sie richtet sich außer an die zensierenden Seminarfachlehrer an ein paar interessierte Kollegen, ein paar interessierte Eltern und an eine ungeheure Masse interessierter Schüler, die mit massiver Werbung, Wettbewerben und Bonbons angelockt wird und diese Gelegenheit flugs als Chance begreift, dem schnöden Unterricht zu entfliehen.
Mag sein, dass die Jüngeren trotzdem etwas lernen, mag sein, dass sie sich von den souverän vortragenden Oberstufenschülern etwas abgucken, und jeder sieht ein, dass die Zwölftklässler Publikum brauchen. Aber kein Schüler muss dort vier Stunden pro Tag verbringen. Also kämpft man an diesen zwei Tagen beständig mit Klassen um die Seminarfachmesse. Ich halte es so: Wenn es gerade so passt, gehe mit der Klasse dort hin, wenn nicht, mache ich normalen Unterricht.
Sechs von fünfzehn Zehntklässlern beschlossen heute allerdings, dass sie mich nicht konsultieren müssten, um diese Frage zu klären. Anstatt also mit mir und dem Rest der Klasse über Sex Analphabetismus zu reden (wir schreiben gleich nach den Weihnachtsferien eine Klassenarbeit über den Vorleser), nahmen sie eigenständig und selbstbestimmt an der Messe teil – wie auch schon in den zwei Stunden zuvor – und schneiten mit halbstündiger Verspätung in die Deutschstunde herein. Ein solches Verhalten ist natürlich ganz und gar indiskutabel.
Leider ist mir in der halben Stunde nicht mehr eingefallen, als die Schüler im Klassenbuch als fehlend einzutragen (das hat null Konsequenzen), sie eisig auf ihren Trugschluss hinzuweisen und der Klassenlehrerin, Kollegin K., Bescheid zu sagen, auf dass sie eine geeignete Bestrafung ersinne. Tja, leider nicht so besonders originell.

Limerick (102)

Sonntag, 15. Dezember 2013

There was an old man with a beard.
A funny old man with a beard.
He had a big beard.
A great big old beard.
That amusing old man with a beard.

Die Mühen der Ebene (14. Dezember)

Samstag, 14. Dezember 2013

Nebel und Nieselregen, Sofawetter.
Jochen Missfeldts Storm-Biografie Du graue Stadt am Meer beginnt mit einer Ortsbeschreibung: Wie sieht es aus zwischen zwei Meeren, auf dem Deich bei Husum, im Wattenmeer, in den Salzwiesen, der Geest, der Stadt Husum, die sich, von oben gesehen, „wie ein Komet […] in die Nordsee“ stürzt?
An der Landschaft hat sich seit dem 19. Jahrhundert nicht viel geändert, am Meer und am Wind schon gar nicht: So hat auch Theodor Storm diese Meereslandschaft vom Deich aus gesehen, so hat auch Storm den Wind gespürt und den Meer- und Schafsgeruch in der Nase gehabt. Ein Anfang im Raum – sehr überzeugend, man bekommt sofort Lust, dort hinzufahren. So hat auch Storm die Wolken gesehen.
Biografie ist ja ein ganz schwieriges Genre. Andrew Wilson, der erste Biograf Patricia Highsmiths (Beautiful Shadow), beschreibt im Epilog seines Buches, wie er im Verlauf seiner Recherchen Highsmiths alten Morgenmantel geschenkt bekommt. Obwohl an dessen Kragen der Zettel einer Reinigung angeheftet ist, riecht er ein bisschen moderig, und wenn man genau hinschaut, sieht man graue Haare an ihm haften. Wilson zieht den Morgenmantel an:

Now I was inhabiting her private space, slipping on an item of clothing which once would have brushed against her bare skin.

Ein gutes Bild – aber auch ein bisschen unheimlich.

Die Mühen der Ebene (13. Dezember)

Freitag, 13. Dezember 2013

Schon der zweite Freitag, der 13. in dem knappen halben Jahr, das meine Klasse und ich einander kennen – das erste Mal wollten sie ausführlich über schlechte Omen und Aberglauben diskutieren, heute sagen sie nur: Wie gut, dass wir den Grammatiktest in Deutsch schon gestern geschrieben haben. Abgebrüht.
Die Referendarin, die gerade in meiner Klasse Englisch unterrichtet, hat heute zum ersten Mal Besuch von ihrer Ausbilderin, und als die Schüler und ich in der Deutschstunde vorher noch einmal besprechen, wie man sich benimmt, wenn Besuch da ist, wollen sie wissen: Ist das eine kleine Prüfung oder eine große Prüfung? Kleine Prüfung, sage ich, aber benehmt euch trotzdem ordentlich. Tun sie dann auch. Wer sich nicht ordentlich benimmt, sind die Ausbilderin und ich; wir sitzen hinten drin und tauschen flüsternd Neuigkeiten über Schule und Studienseminar aus. Dass das geht, liegt auch am Unterricht der Referendarin.
In den letzten beiden Stunden muss ich schon wieder mit Schülern über Sex reden. Nicht mit den Zehntklässlern diesmal, sondern mit dem Elfer-Deutschkurs. Zur Unzeit begehen wir die Walpurgisnacht und klamüsern die Rehzwillinge, die unter Rosen weiden, das Zwillingspaar aus „Wald und Höhle“ und die beiden Äpfel am Apfelbaum auseinander. Schlange! Schlange! Wir reden über Löcher und Pfropfen, Goethes Selbstzensur, ein bisschen Diebsgelüst, ein bisschen Rammelei. Einmal auf der Spur, interpretiert man jeden einzelnen Vers in diese Richtung, auch ist man ein bisschen albern wegen des unmittelbar bevorstehenden Wochenendes. „Fasse wacker meinen Zipfel“ ist ja nun ganz und gar anders gemeint.

Die Mühen der Ebene (12. Dezember)

Donnerstag, 12. Dezember 2013

Fortbildung am Nachmittag. In fünf unserer Klassenräume hängen seit diesem Schuljahr hochaktuelle Versionen digitaler Whiteboards, die man ja auch bedienen können möchte. Ganz erstaunlich, was man mit denen alles machen kann. In Filme reinschreiben beispielsweise, einzelne Tabellenfelder zuklappen oder schnurgerade Linien und exakte Winkel zeichnen.
Am vielleicht erstaunlichsten ist, dass die teure Technik da inmitten der Siebt- und Achtklässler herumsteht und -hängt, und das einzige, was passiert, ist, dass ab und zu ein USB-Stecker in einer Pultschublade versteckt wird. Dann geht die Tastatur nicht, und man kann dem Lehrer ein bisschen dabei zugucken, wie er sich verzweifelt müht. In der nächsten Stunde steckt der Stecker wieder – und diese Technik ist doch wirklich ein einziges Rätsel.

Die Mühen der Ebene (11. Dezember)

Mittwoch, 11. Dezember 2013

Tag des untätigen Herumsitzens.
Zunächst zwei Stunden in Klausur, derweil mein Deutsch-Leistungskurs sich mit der Gretchenfrage beschäftigte, dann eine Freistunde, dann eine Stunde hinten drin in meiner Klasse, während vorne die Referendarin sich mühte, dann eine Stunde in der Mensa (na gut, das war nicht untätig, da hab ich gegessen), dann eine Vertretungsstunde in einer mir unbekannten 7. Klasse. Erst danach, in der 9. und 10. Stunde, zwischen halb drei und vier, durfte ich endlich mit den Zehntklässlern über Sex reden selber unterrichten. Eigentlich ist dieser Beruf alles Mögliche, nur nicht langweilig. Ganz selten gibt es Ausnahmen.
Und in der Mensa war heute Suppentag, das wollen wir doch mal festhalten.

Die Mühen der Ebene (10. Dezember)

Dienstag, 10. Dezember 2013

Dienstags habe ich vier Stunden in meiner eigenen fünften Klasse. Ich mag meine Klasse, aber das ist denn doch ein bisschen viel: Eine Stunde Englisch, eine Doppelstunde Deutsch und dann noch eine so genannte Klassenleiterstunde, in der am sozialen Klima gearbeitet und Konfliktlösung betrieben wird.
Weil es nicht immer Konflikte gibt und ich auch nicht so gut im Ausdenken gemeinschaftsfördernder Spielchen bin, funktionieren wir diese Stunden bisweilen zu Vorlesestunden um. Vorgelesenem konzentriert zuzuhören, mündlich erzählten Geschichten zu folgen und sich das Gehörte im Kopf vorzustellen, ist ohnehin etwas, das ich wichtig finde, wobei man unter Garantie etwas lernen kann, und das im Deutschunterricht zu kurz kommt. Womöglich auch in manchen Haushalten mit Kindern.
Frau L. erzählt immer, dass sie das gesamte Nibelungenlied auf diese Weise kennengelernt hat. Mir wurde in der 5. Klasse Ronja Räubertochter vorgelesen, in Stunden, die im Stundenplan als Religionsunterricht ausgewiesen waren. Die Rumpelwichte murren und seufzen für mich seither mit der Stimme der Religionslehrerin: „Wiesu tut sie su? Wiesu denn bluß?“
Meiner Klasse lese ich gerade Die Brüder Löwenherz vor, und die dritte Stunde am Dienstag ist die einzige in der Woche, an deren Ende ich höre: „Ooch, schaaade.“ Natürlich müssen die Schüler nur dasitzen und still sein, und wer abschalten will, kann das tun, ohne Sanktionen befürchten zu müssen. Aber dann habe ich nach der sechsten Stunde Busaufsicht, plaudere ein bisschen mit den Mädels aus meiner Klasse, und eine von ihnen redet plötzlich scheinbar zusammenhangslos davon, dass sie schon einmal Gras gegessen hat. Es braucht eine Weile, bis ich darauf komme, dass Krümel Löwenherz im heutigen Vorleseabschnitt darüber nachgedacht hat, Gras essen zu müssen, wenn sein Proviant alle ist.
A propos vorlesen: Bei der Vorbereitung auf die Vorleser-Doppelstunde morgen in der zehnten Klasse finden sich erste konkrete Belege für meine Abneigung gegen Schlinks Sprache: „Manchmal empfand ich, als leide sie selbst unter ihrem Erkalten und Erstarren.“ Da stimmt doch was nicht.