Das Knie

Eine Gedenkminute für Christian Morgenstern, der heute seinen hundertsten Todestag feiert. In der Zeitung kann man lesen, dass er der „berühmteste unter den verkannten“ Dichtern sei, ein „Proto-Loriot“ und das Beispiel „eines Autors, der sein eigenes Werk missversteht“.*
Ich verbinde mit Morgenstern vor allem zwei Zitate aus Uwe Johnsons Jahrestagen. Das erste handelt vom thüringischen Praktikanten Mathias Weserich, der im Schuljahr 1950/1951 einer elften Klasse in Mecklenburg gar gründlichen Deutschunterricht erteilt, indem er sie Schach von Wutenow lesen lässt. Und mit „lesen“ meint er „nachschlagen“ und „selber denken“. Als ein intelligenter und zugleich aufmüpfiger Schüler ihn mit der sozialistischen Doktrin gegenüber Fontane konfrontiert, reagiert der Kriegsversehrte so:

Der hörte zu, den Mund viereckig geöffnet, als horche er einem Schmerz nach. Bedankte sich, lieh sich das kostbar gedruckte Heft aus, stakte aus dem Raum auf seinem einen Bein. (Wenn der Rest des anderen ihn airgrierte, hatte er schon mal jenen Vers ausgesprochen von einem Knie, das geht einsam durch die Welt, es ist ein Knie, sonst nichts.)
Eine Woche war er auswärts.

Im dritten Satz sind Morgenstern und Fontane, der natürlich in dem „aigrierte“ steckt, direkte Nachbarn, Satznachbarn sozusagen. Das zweite Zitat stammt nicht aus dem vierten, sondern aus dem ersten Band Jahrestage und lautet:

Die Post besteht heute aus einem Brief mit sehr großen Marken. Dargestellt ist darauf jeweils eine Eiche sowie ein Mensch mit einem Buch.

Das ist eindeutig ein indirektes Zitat aus dem Palmström-Zyklus.

Palmström steht an einem Teiche
und entfaltet groß ein rotes Taschentuch:
Auf dem Tuch ist eine Eiche
dargestellt, sowie ein Mensch mit einem Buch.

Palmström wagt nicht sich hineinzuschneuzen.
Er gehört zu jenen Käuzen,
die oft unvermittelt-nackt
Ehrfurcht vor dem Schönen packt.

Zärtlich faltet er zusammen,
was er eben erst entbreitet.
Und kein Fühlender wird ihn verdammen,
weil er ungeschneuzt entschreitet.

Ebenso einsam wie das Knie ist auch das Hemmed:

Das Hemmed
Kennst du das einsame Hemmed?
Flattertata, flattertata.
Der’s trug, ist baß verdämmet!
Flattertata, flattertata.
Es knattert und rattert im Winde.
Windurudei, windurudei.
Es weint wie ein kleines Kinde.
Windurudei, windurudei.
Das ist das einsame
Hemmed.

* Alle Zitate aus der Süddeutschen Zeitung vom 31.03.2014, S. 12.

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