Grünes Band (1) – Sie wandern, oder?

GB steht diesmal nicht für Großbritannien, sondern für Grünes Band. Der Mitwanderer ist aber derselbe wie letztes Jahr.

In diesem Jahr jährt sich der Mauerfall zum 25. Mal – ein guter Anlass, um ein Stück an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze entlangzuwandern. Was aussieht wie perfekte Planung, ist in Wirklichkeit purer Zufall, und das Grüne Band ist auch mehr als eine frühere Grenze; es ist gleichzeitig ein Naturschutzprojekt einmal längs durch ganz Deutschland hindurch. Denn weil außer den Grenzsoldaten auf der Ostseite niemand den Grenzstreifen betrat, konnten sich dort in aller Ruhe seltene Pflanzen und Tiere ansiedeln, die zu schützen sich die betroffenen Bundesländer nach der Wende schnell einigten. Auch dass dort Leute zum Spaß und in ihrer Freizeit entlangwandern oder -radeln würden, ahnte man bald. Einige Regionen, z.B. der Harz und Thüringen, vermarkten den Weg sehr offensiv und geschickt, andere finden, es reiche, wenn man ab und zu mal ein Schild aufstellt.

Das Schild zeigt es schon: Radfahrer sind die bevorzugte Klientel.

Wir suchten uns also die rund 300 Kilometer zwischen Lübeck und Wittingen aus und rechneten dafür 15 Tage plus zwei Reisetage (das ist ja nicht weit von uns, wir nahmen aber extra langsame Bummelzüge, stiegen möglichst oft um, um schon mal das Tempo zu reduzieren und verbrachten den ersten Tag mit der Besichtigung Lübecks) – warum ausgerechnet dort, weiß ich nicht mehr, und warum ausgerechnet von Norden nach Süden, weiß ich auch nicht mehr. Als die Grobplanung fertig war, erschien dieses Buch, das den Weg von Süden nach Norden beschreibt, das nahmen wir mit und übten uns im Rückwärtslesen.

Alle Übernachtungsstationen: Lübeck, Römnitz am Ratzeburger See, Roggendorf, Zarrentin, Langenlehsten, Lauenburg, Neu Wendischthun, Hitzacker, Dömitz, Lenzen, Schnackenburg (die sechs letzten alle an der Elbe), Zießau am Arendsee, Wustrow, Dahrendorf, Wittingen. Die Quartiere haben wir vorher gebucht, das wäre aber meist nicht nötig gewesen.

Auch war uns nicht klar, dass in Norddeutschland fast niemand wandert, weshalb wir von Kindern mit großen Augen und offenen Mündern angestarrt und von Erwachsenen in seltsame Dialoge verwickelt wurden:

Tag 2, neben uns auf der Straße hält eine Frau im Auto.
Sieso: Hallo! Sie wandern, oder?
Wirso: Jo.
Sieso: Kann ich Sie ein Stück mitnehmen? Ich fahre auch in diese Richtung.
Wirso: Nö.
Sieso: Ach so, Sie wandern, oder?
Wirso: Jo. Aber danke für das Angebot.

Tag 14, neben uns auf der Straße hält ein Mann im Auto.
Erso: Hallo! Geht’s noch oder soll ich euch ein Stück mitnehmen?
Wirso: Geht noch. Wir gehen mit Absicht zu Fuß.
Erso: Ach so.
Wirso: Aber danke für das Angebot.

Tag 9, Ruhetag in Hitzacker, beim Friseur, Unterhaltung mit blonder Friseuse.
Ichso: Wir wandern. 300 Kilometer an der ehemaligen innerdeutschen Grenze entlang.
Sieso: Nur zu Fuß? Oder auch mit Bus und Bahn?
Ichso: Nee, nur zu Fuß.
Sieso: [Denkpause] Auf der Autobahn kann man ja nicht wandern.
Ichso: Genau, da muss man andere Wege nehmen.
Sieso: Krass! Dass es das überhaupt gibt, so kleine Wege, auf denen man zu Fuß gehen kann.
Ichso: ??!!

Im letzten Jahr in England haben wir gates und stiles gezählt, die gibt es hier nicht, aber irgendwas müssen wir zählen, also zählten wir Fernwanderer und -radfahrer. Ergebnis: Radfahrer gab es „überabzählbar viele“ (Ausdruck des Mitwanderers, stammt angeblich aus der Mathematik) und Wanderer trafen wir genau zwei. Weil wir uns auch jeden Tag trafen, zählten wir uns mit und kamen dann auf vier. Vier!
Dabei ist das Zu-Fuß-Gehen viel besser mit einer Besonderheit des Grünen Bandes vereinbar – dem Kolonnenweg. Der Kolonnenweg war eine Art Behelfsstraße, parallel zum Grenzzaun, auf der sich die DDR-Grenzer fortbewegten. Er existiert nicht mehr überall, aber an vielen Stellen ist er das einzig sichtbare Überbleibsel der Grenze.

Kolonnenweg, gut erkennbar an den gelochten Betonplatten. Zu Fuß kein Problem, mit dem Fahrrad schwierig. Diese Löcher sind nämlich manchmal richtig tief.

Kommentar schreiben

Powered by WP Hashcash