My Cousin Rachel

So, ich muss jetzt mal was loben und was tadeln, und ich fange mit dem Tadel an. Dieser Spiegel-Artikel aus dem Jahr 1962, hier als PDF mit Bildern, ist ja wohl das Allerletzte. Es handelt sich offenbar um die journalistische Gattung des Porträts; die Porträtierte ist die britische Schriftstellerin Daphne du Maurier, der Anlass das Erscheinen der deutschen Übersetzung von My Cousin Rachel (im Original 1951 veröffentlicht). Der Name des Journalisten ist nicht erwähnt, es ist aber mit Sicherheit ein Mann und womöglich kein Literaturkritiker. Er benutzt du Mauriers Namen durchgehend herabsetzend mit Artikel – obgleich man „die du Maurier“ kaum aussprechen kann – und beruft sich bei literarischen Urteilen häufig auf Fremdmeinungen:

„Zünftige Literaten nehmen sie nicht ernst.“

„‚Times Literary Supplement‘, Englands wichtigste literarische Zeitschrift, tut ihre Romane neuerdings in zehn bis zwanzig verächtlichen Zeilen ab. Andere Rezensenten ihrer Romane sprechen von ‚Liegestuhl-Lektüre‘ und ‚unwiderstehlichem Kitsch‘“.

„Trotzdem bescheinigen ihr sogar die strengsten literarischen Richter, daß man ihre Bücher kaum ungelesen aus der Hand legen kann. Sie becirct, sie verzaubert. Mit einfachen, oft sogar zu einfachen Strichen schafft sie Situationen, Stimmung und Charaktere, die man schon von anderswo kennt, von Leonardo da Vincis Palette oder von Nebenfiguren Dickensscher Romane, so daß man sofort im Bilde ist.“

Alle diese Zitate sind gefärbt von der nervtötenden Herablassung, die den gesamten Text durchzieht. Zum Beispiel hat Daphne du Maurier nicht einfach ein altes Schloss in Cornwall gemietet (von dem nur ungefähr ein Dutzend Zimmer benutzbar, aber trotzdem kaum heizbar war), sondern sie „spielt […] Schloßherrin auf Menabilly, einem Jahrhunderte alten Bau mit 70 Zimmern“. Sie versteht nicht etwa ihr Handwerk, sondern „hat ihre kleinen wirksamen Mittel, ihre Berufstricks“. Ihre Themen sind mitnichten interessant, denn sie setzt sich „fleißig mit Problemen auseinander[…], die nur noch in England als Probleme betrachtet werden: vor allem den Problemen der ‚Society‘ und […] denen der Gesellschaft an sich“.
Es ist vom „Frauenroman“ Rebecca die Rede, das ist aber ebenso abwertend gemeint wie das Urteil über My Cousin Rachel: „Und so können sich die Leserinnen - in einiger Zeit auch die Filmbesucherinnen - bei Tee und kleinem Gebäck stundenlang über den wahren Charakter von Mona Lisa-Rachel-Olivia de Havilland streiten.“
Dahinter steht eine zutiefst männlich-arrogante Haltung: Eine Frau, die nicht schreiben kann, wird eben von Frauen gelesen, die nicht wissen, was gute Literatur ist. Aber naja, sie alle dürfen ein bisschen mitspielen im literarischen Betrieb, in dem der Mann, ein zünftiger Literat, den Ton angibt. (Dass man frönen ohne H schreibt, hätte dieser Mann allerdings wissen müssen.)

So, jetzt kommt das Lob. Über diesen Spiegel-Artikel bin ich ja überhaupt nur gestolpert, weil ich gerade My Cousin Rachel wiedergelesen habe. Das ist ein wirklich guter Roman. Okay, sprachlich ist er 19. Jahrhundert – aber der Plot. Es handelt sich um eine Art Doppelgeschichte, in der quasi zweimal dasselbe passiert; sie wird aber erzählt aus der Perspektive nur eines der drei Beteiligten, und es stellt sich zusehends heraus, dass es sich um einen höchst unzuverlässigen Erzähler handelt. Unzuverlässige Erzähler sind sowieso immer großartig.
Hier führt die Unzuverlässigkeit dazu, dass der Leser am Ende gut und böse, schuldig und unschuldig überhaupt nicht definieren kann, weil der Erzähler nur schwarz und weiß kennt, nur uneingeschränkte Huldigung oder absolutes Misstrauen. Mit beidem wird die Protagonistin, Rachel (die nicht die Erzählerin ist), bedacht, und so kommt es, dass man sie entweder als ganz und gar liebenswürdig oder als gewiefte Mörderin wahrnimmt. Man weiß es einfach nicht und wird bis zum Schluss nicht aufgeklärt – psychologisch ist das bestrickend.
Darüber hinaus handelt es sich um einen feministischen Roman. Rachel erwähnt oft, dass sie in einer männlich geprägten Welt als Witwe Probleme hat, über die Runden zu kommen. Vielleicht ist es das, was den Spiegel-Kritiker so abschreckte: Die Tatsache, dass dieser Roman die weibliche Perspektive so unabhängig von der männlichen darstellt. Ich mag dieses Buch sehr.
Der Film (von 1952) ist übrigens auch gut.

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