Ein Ausflug, ein Ausflug (9)

Wir befinden uns gerade in der sogenannten Zeugnisferie zwischen den Halbjahren, die so heißt, weil sie so kurz ist – ein Wochenende, das sowieso frei gewesen wäre, plus zwei Tage. Wenn man in diesen vier Tagen nichts unternimmt, sagt Frau L., verrinnen sie und sind dann einfach so vorbei. Darum machen wir einen Ausflug.
Wer auf die Idee kam, Schloss Reinbek zu besichtigen, weiß ich nicht mehr. Zumal „Reinbek bei Hamburg“, wie jener Verlag es nennt, ja Schleswig-Holstein ist, feindliches Ausland also, und der letzte Ausflug auch ein holsteinisches Schloss zum Ziel hatte. Egal.
Kollegin G. fährt, wie immer, Frau L. hat sich auf den Rücksitz geschmuggelt, um mir vorne den Vortritt beim Kartenlesen zu lassen, worin ich wahrlich keine Leuchte bin, aber heute geht es glücklicherweise glimpflich ab. Anders als sonst huppeln wir nicht nur über Landstraßen, sondern benutzen ein paar Mal die Autobahn, weil es praktischer ist.
Aber was wirklich anders ist als sonst und ab jetzt auch immer anders sein wird: Kollegin G. ist seit heute offiziell Pensionärin, so dass ich sie hier jetzt flugs in Ex-Kollegin G. umbenennen muss. Ex-Kollegin G. sagt merkwürdige Dinge, zum Beispiel: In zwei Wochen habt ihr ja Elternsprechtag, oder: Im Mai könnt ihr nicht, da habt ihr keine Ferien. Auch werden wir eine Weile brauchen, bis wir uns daran gewöhnt haben, Freizeitverabredungen nicht einfach bei der Arbeit besprechen zu können, sondern dafür extra telefonieren zu müssen.
Reinbek befindet sich im Kreis Stormarn, was ein komisches Wort ist. Vielleicht bedeutet es Sturmland, man weiß es nicht. Das Schloss selbst ist ein Renaissancebau, Nachfolger eines Zisterzienserinnen-Konvents. („Die Kellersche war für die Verpflegung zuständig, die Kemersche hatte für Bekleidung und Haushaltswäsche zu sorgen, die Kostersche gestaltete die kirchlichen Feierlichkeiten, die Seekmestersche war für die Kranken zuständig, die Scholemestersche unterrichtete, während die Sangmestersche die Arbeit des Klosterchores leitete. Dann gab es noch die Türhüterin.“)

Schloss Reinbek von außen. Typisch sind die Arkaden, die im 19. Jahrhundert zugemauert waren und später rekonstruiert wurden.

Weil das Schloss im 20. Jahrhundert zweckentfremdet war – z.B als christliches Erholungsheim und als Bundesforschungsanstalt für Forst- und Holzwirtschaft – ist von der alten Inneneinrichtung nichts mehr übrig. Überhaupt ist das ganze Gebäude eher leer.

Von innen: große leere Räume.

Man hat aber einen schönen Blick auf den Mühlenteich.

Das mit der Leere macht aber nichts; wir lernen trotzdem neue Wörter (Leibgedinge! Schlossgewese!) und geraten im zweiten Stock unerwartet in eine Ausstellung über das Hamburger Puppentheater Rhabarber, von dem wir noch nie etwas gehört haben.











Frau L. fällt dazu die Geschichte von jemandem ein, der es mit Kunst aus Schrott bis in eine Ausstellung im Centre Pompidou gebracht hat. („Aber der war mehr so ein Schweißer.“)

Das ist der große Glau.

Wer das ist, wissen wir nicht. Aber auf dem Kopf hat er einen Schuh.

Dann essen wir im Schlossrestaurant eine halbe Ente.
Weil es so nah ist, fahren wir anschließend ein kurzes Stück durch den Sachsenwald nach Friedrichsruh. Bismarck-Territorium. Die Bismarck-Stiftung im ehemaligen Bahnhofsgebäude ist historisch interessant, erschlägt einen aber ein bisschen mit Information. Es gibt ein berühmtes Gemälde, auf dem es so aussieht als besteige Bismarck auf dem Bahnhof Friedrichsruh einen Zug, aber das täuscht – zwar fuhr Bismarck durchaus mit der Eisenbahn, aber in Wirklichkeit hielten die Züge ein paar hundert Meter weiter direkt vor dem Schloss, so dass er es schön bequem hatte. Das ist die Bahnstrecke Hamburg – Berlin, auf der heute die ICEs durchrasen, so dass in beiden Museen die Wände wackeln.
Das zweite Museum nämlich ist das Bismarck-Museum; es enthält Dinge aus dem Besitz Bismarcks. Darunter sind besonders viele riesige Geschenke, zum Beispiel ein drei Meter langes Modell des Panzerkreuzers Otto von Bismarck in einer noch größeren Vitrine – wenn man mir so etwas schenken würde, ich wüsste gar nicht, wo ich das unterbringen sollte. Beeindruckend groß sind auch Bismarcks lederne Stulpenstiefel, die Ex-Kollegin G. bis zum Bauch reichen.
Auf dem Rückweg reden wir unter anderem über diese absonderliche Geschichte, die mir in der Bismarck-Stiftung angesichts einer Karte mit den deutschen Kolonien in Afrika wieder eingefallen ist.
Zum Abschied sagt Ex-Kollegin G.: Dann wünsche ich euch einen guten Start ins neue Halbjahr. Hmpf.


  1. der mit dem Schrott war Tinguely, nehme ich an. der hat heute ein ganzes Museum in Bern.

    Montag, 2. Februar 2015, 15:16 Uhr von Tine

  2. Nee, es war jemand, den sie persönlich kannte, der Freund einer Freundin. Kein professioneller Künstler, deshalb war das mit dem Centre Pompidou auch so ein großes Ding.

    Montag, 2. Februar 2015, 16:00 Uhr von nicwest

  3. oh, spannend!

    Dienstag, 3. Februar 2015, 13:56 Uhr von Tine

  4. Und dieser Freundinnenfreund, der Schweißer, wurde alsbald ersetzt durch den Sohn einer anderen Freundin der Freundin von Frau L., Miles. Miles war Deutscher, aber benannt nach Miles Davis, und das Ganze war ein Skandal sondergleichen.
    In diesen Liebeswirren diente Ex-Kollegin G. als verlässliche Beraterin für die Freundin von Frau L., und das ist Frau L. im Moment deshalb so präsent, weil sie es in ihrer Rede zum Abschied von Ex-Kollegin G. erwähnte (einer grandiosen Rede, nebenbei).
    Und was wurde aus der Freundin und Miles? „Die haben geheiratet, sind aber natürlich längst geschieden.“
    Sodom und Gomorrha, wie Frau L. zu sagen pflegt.

    Dienstag, 3. Februar 2015, 18:12 Uhr von nicwest

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