Archiv Dienstag, 17. Februar 2015

Milch und Blut

Dienstag, 17. Februar 2015

Heute waren wir auf einer Beerdigung. Es war, man kann es nicht anders sagen, ziemlich komisch.
Natürlich war es auch traurig. Die alte Dame war unerwartet und friedlich im Schlaf gestorben, ohne schwere Krankheit und ohne Schmerzen – ein Tod zwar, den man sich ganz angenehm vorstellt, der aber den Angehörigen keine Zeit zum Abschiednehmen lässt. Freilich hatte sie immer gesagt, neunzig Jahre alt wolle sie werden, und neunzig Jahre alt war sie im Januar geworden, aber wer sollte ahnen, dass sie das wirklich so meinte.
Das halbe Dorf drängte in die winzige Friedhofskapelle, und weil wir spät dran waren, bekamen wir keinen Platz mehr. Anstatt uns aber draußen in der Kälte stehen zu lassen, bot man uns einen Sitzplatz im Aufenthaltsraum der Totengräber an, mit Liveübertragung aus dem Gottesdienst. Da saßen wir dann mit sechs Sargträgern und zehn weiteren Trauergästen, eng gequetscht in einem winzigen Zimmer, und lauschten der Stimme des Pastors, denn mit dessen Mikrofon war der Lautsprecher verkabelt.
Er sagte: Man sieht sie vor sich, wie sie mit dem Fahrrad durchs Dorf fährt, einen Kuchen unter dem Arm. Ihre Sprache war das Plattdeutsche. Sie hat bis auf ein halbes Jahr ihr ganzes Leben hier verbracht. Sie liebte das Pfeifen, das sie auch mit den dritten Zähnen noch praktizierte.
Dann gab es ein Lied. Weil der Andrang so groß war, hatten wir auch keine Liedzettel mehr abbekommen – von den anderen beiden Liedern konnten wir wenigstens die erste Strophe mitsingen, von diesem nicht. Das konnten dafür aber alle Sargträger und alle mit uns in das winzige Zimmer gequetschten Dorfbewohner, und sie taten das mit Inbrunst. Es handelte sich um ein Heidjerlied; der Text stammt natürlich von Hermann Löns:

Auf der Lüneburger Heide
In dem wunderschönen Land
Ging ich auf und ging ich unter
Allerlei am Weg ich fand

Falleri, fallera, und jucheirassa, und jucheirassa,
bester Schatz, bester Schatz, denn du weißt du weißt es ja

Brüder lasst die Gläser klingen
Denn der Muskatellerwein
Wird vom langen Stehen sauer
Ausgetrunken muss er sein

Und die Bracken und die bellen
Und die Büchse und die knallt
Rote Hirsche woll‘n wir jagen
In dem grünen, grünen Wald

Ei du Hübsche, ei du Feine
Ei du Bild wie Milch und Blut
Unsere Herzen woll‘n wir tauschen
Denn du glaubst nicht, wie das tut

Dieses Lied klingt so und passt überhaupt nicht in einen Gottesdienst; der Pastor erwähnte gleich zweimal, wie ungewöhnlich es sei, der Organist musste eigens üben, es passte aber natürlich ganz hervorragend zu der Verstorbenen. (Nebenbei bemerkt, ich finde diese Version ja wesentlich interessanter.)
Dann folgte das Heraustragen des Sarges zu Strauß-Walzer-Klängen, das Asche zu Asche, das offizielle Kondolieren. Wir hatten es ein bisschen eilig, drehten uns um und fuhren zurück in unser Heimatkaff. Auf dem Rückweg im Auto schmetterten wir unseren neuen Heidjer-Ohrwurm und stellten interpretierende Fragen an den Text: Was, um Himmels willen, weiß der beste Schatz? Was will uns die Trinkerstrophe sagen? Was heißt eigentlich „Milch und Blut“, damit kann doch nur ein Heideschaf gemeint sein, oder?
So muss es sein: Man dreht sich um, und das Leben geht weiter.