Wimperntusche

Am vergangenen Freitag schrob mein Deutsch-Leistungskurs die sogenannte abiturvorbereitende Klausur. Sechsstündig, von 7:30 Uhr bis 12:45 Uhr, das ist ungefähr die Zeit, die sie für die Abiturklausur auch haben. Sie waren alle ganz aufgeregt, hatten Unmengen an Essen und Trinken dabei und saßen vorbildlich im Raum verteilt, als ich ihn betrat; sämtliche Smartphones lagen vorne auf dem Lehrerpult.
Ich hatte insgesamt drei Stunden Aufsicht in dieser Klausur, in der ersten, der fünften und der sechsten Stunde, und während dieser gesamten Zeit überlegte ich, warum die Schülerin J. so anders aussah als sonst. Also, ich überlegte das nicht ständig, ich las auch zwischendurch Zeitung und korrigierte Vokabeltests, aber ich überlegte das immer mal wieder.
Am Ende der sechsten Stunde, als die Schülerin J. ihre Klausur abgab, kam ich drauf: Sie hat normalerweise schwarze Wimpern, heute aber waren sie rotblond. Keine Zeit für Wimperntusche am Morgen, nehme ich an, oder aber: Mir doch egal, wie ich heute aussehe, es sieht mich niemand außer dem Kurs, der mich sowieso lange kennt. Einige kamen auch in Jogginghosen.
Ich bin sehr stolz darauf, dass ich den Unterschied überhaupt bemerkt habe. Normalerweise geht die äußere Erscheinung von Schülern (und allen anderen Leuten) komplett an mir vorbei. Kleidungsstücke von Leuten kann ich mir partout nicht merken. Ob jemand nach den gängigen Maßstäben cool aussieht oder nicht, ich kann es nicht beurteilen. Es interessiert mich einfach nicht, ob ich das gut finde oder nicht.
Diese Disposition ist im Umgang mit Schülern ganz praktisch, im wirklichen Leben ist sie manchmal eher störend. Insgesamt ist das alles total unwichtig.

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