Archiv Donnerstag, 26. Februar 2015

Ein Arbeitstag

Donnerstag, 26. Februar 2015

Februar, Grippezeit, in diesem Jahr besonders schlimm – drastisch dezimierte Klassen, dreizehn Kollegen fehlen beim Elternsprechtag, in der Woche danach sind es noch mehr. Man mag dem Vertretungsplaner gar nicht mehr unter die Augen treten, so reizbar ist er. Denn gleichzeitig zum täglichen Vertretungschaos muss er wegen zweier frischer Langzeitkranker einen neuen Stundenplan basteln, von dem er aber genau weiß, dass er nur drei Wochen lang gültig sein wird, weil nach den Osterferien zwei Kolleginnen aus der Elternzeit wiederkommen. Eine Vertretungslehrkraft muss er auch einbauen. Den Job möchte ich jedenfalls nicht haben.
Unser Vertretungsplaner macht seine Sache gut, aber manchmal hat er eben einfach keine Wahl. So kommt es, dass man manchmal in Vertretungsstunden zwei oder drei Klassen gleichzeitig betreuen muss. (Ein inzwischen pensionierter Kollege sagte immer: Das ist das Beste – du gehst am Anfang der Stunde in jede dieser Klassen und sagst, dass du noch zwei andere Klassen zu betreuen hast, dann gehst du zurück ins Lehrerzimmer und trinkst Kaffee für den Rest der Stunde.)
Und so kam es, dass ich heute fünf Stunden lang meine eigene Klasse, eine Sechste, bespaßen musste. Ich habe sie wirklich gern, aber fünf Stunden sind dann doch ein bisschen viel.
Als ich mich vorgestern scherzhaft beim Vertretungsplaner darüber beschwerte, gab er zu, dass ihm das gar nicht aufgefallen sei und schlug vor, einen Wandertag zu veranstalten. Als ich es gestern beiläufig meiner Klasse verkündete, die den Vertretungsplan offenbar nicht liest oder nicht richtig versteht, schlug mir geballter Zorn entgegen: Zwei Stunden Englisch und zwei Stunden Deutsch an einem Tag? Das machen wir nicht! Wir streiken! Was, da ist noch eine Klassenleiterstunde dabei? Uns total egal! Immer müssen wir mehr arbeiten als wir eigentlich sollten! UNGERECHT!
Es dauerte eine Weile, bis sie kapierten, dass ich erstens nichts dafür konnte und dass zweitens diese vielen Stunden an anderen Stellen ausfallen. Zu Hause taten vermutlich die Eltern ein Übriges, jedenfalls saß meine Klasse heute Morgen um 7:30 Uhr brav auf ihren Plätzen und harrte der Dinge.
In der ersten Stunde machten wir gnadenlos Englisch. Sie üben gerade den Unterschied zwischen present perfect und simple past, und weil ich weiß, dass sie so früh morgens nicht besonders redselig aber dennoch konzentriert sind, bekamen sie haufenweise schriftliche Übungen zum Thema – vergleichen, begründen, eine typische Übungsstunde.
In der zweiten Stunde tanzten wir Rock’n’Roll. Im Englischbuch der 6. Klasse gibt es einen Text über Elvis, zu dem ich immer die Hausaufgabe aufgebe, Eltern oder Großeltern zu fragen, wie man Rock’n’Roll tanzt. Normalerweise artet das in theoretische Diskussionen aus, aber heute probierten wir es einfach mal aus: ein YouTube-Erklärvideo, ein bisschen üben, dann tanzen zu Elvis‘ Jailhouse Rock. Die meisten hatten Spaß, nur die größten Großmäuler unter den Jungs trauten sich nicht. Vorhersehbar.
Im Anschluss unterrichtete ich mal kurz in einer anderen Klasse, dann stand die dritte gemeinsame Stunde an. Die deklarierten wir zur Klassenleiterstunde. Wir notierten den neuen Stundenplan, und dann spielten wir gemeinsam Fußball. Zwar spielten nicht alle in derselben Gruppe (einige Mädchen beklagten sich über Missachtung und eröffneten ein eigenes Spiel), aber es spielten alle Fußball (außer mir, ich bin wirklich nicht gut im Fußball).
Die beiden letzten gemeinsamen Stunden verbrachten wir mit Deutsch: Morgen werden wir ein Theaterstück sehen (das nahegelegene Schlosstheater besucht uns, das Theaterstück findet in der Aula statt); es handelt sich um Nathans Kinder, eine kindgerechte Fassung von Nathan der Weise).
Die gelesene Szene fanden sie interessant, den Religionskonflikt beschrieben sie adäquat. Am Ende der gemeinsam verbrachten fünf Stunden mussten wir noch einmal klären, warum sie jetzt relativ wenig Hausaufgaben aufhaben. Na ja. Ging doch einigermaßen.