Die Hübschigkeit der Schauspieler

Weil es in dem Heideort, in dem wir alle wohnen müssen, kein Kino gibt, haben wir beschlossen, einen Filmclub zu gründen. Die Logistik ist großzügig: Riesensofa, Beamer und große weiße Wand.
Die Regeln sind einfach, und es gibt nur zwei:
1. Reihum zeigt jeder an einem Freitagabend einen Lieblingsfilm, den die anderen anschauen müssen – aufstehen und rauslaufen ist verboten. Das klingt simpel, ist es aber nicht, da die Filmgeschmäcker der Clubmitglieder sehr verschieden sind – alles dabei von Action über Sozialkomik, Science Fiction, Western bis zu 60er-Jahre-Operettenfilmen.
2. Nach dem Film gibt es Diskussion, möglichst gepfeffert.
Wie der Clubname Die Hübschigkeit der Schauspieler zustande kam, daran können wir uns nicht mehr erinnern.

12. September 2014
To Be or Not to Be
(1942) mit Carole Lombard, Jack Benny, Robert Stack

Aus Gründen konnten wir uns fünf Monate lang nicht zum Filmgucken treffen, und außerdem liegen die Sommerferien hinter uns, so dass wir über alles Mögliche reden, nur nicht über den Film.
Dabei ist Sein oder Nichtsein ein durchaus würdiger Wiedereinstiegsfilm, eine Satire auf den Nationalsozialismus, sehr komisch, aber auch ernsthaft kritisch. Angesiedelt im Theatermilieu in Warschau 1939, spielt er mit der Tatsache, dass die NS-Schergen zwar nicht wenig gefährlich sind, dass ihre brutale und zugleich beflissen-feige Lächerlichkeit aber mit den Mitteln der überzeichnenden Schauspielerei ganz hervorragend imitiert werden kann. Und dass man ihnen damit nicht nur ein Schnippchen schlagen, sondern sie gleich ganz überlisten kann. Obgleich Ernst Lubitsch schon 1922 in die USA ausgewandert war, kannte er natürlich die Deutschen.
Jetzt beim Nachlesen stelle ich fest, dass ich eine Szene falsch verstanden habe: Als Fliegerleutnant Sobinski (dass Robert Stack in diesem Film ziemlich hübsch ist, hätten wir wenigstens erwähnen können) stutzig wird, weil Professor Siletzky die berühmte Warschauer Schauspielerin Maria Tura nicht kennt, habe ich das als Zeichen seiner verklärenden Verliebtheit gedeutet – in Wirklichkeit ist es ein Hinweis darauf, dass Siletzky als Doppelagent unterwegs ist und nie in Warschau gelebt hat. Sehr komisch, das wollen wir hier mal ausdrücklich anmerken, ist auch der Shakespeare-Subtext.
In der New York Times stand am 7. März 1942: „As it is, one has the strange feeling that Mr. Lubitsch is a Nero, fiddling while Rome burns.” Damit steht dieser Film in einer Reihe mit Chaplins Great Dictator (1940) und auch neueren Filmen wie Roberto Benignis Das Leben ist schön (1997) oder Wir müssen zusammenhalten (2000) von Jan Hřebejk. Aber nein, er ist nicht geschichtsklitterisch, er ist vor allem lustig.

03. April 2014
The Others
(2001) mit Nicole Kidman, Alakina Mann, James Bentley, Fionnula Flanagan

„So ein Schmarrn!“, ruft Frau L. aus, sobald der Film zu Ende ist. Damit meint sie aber nicht, dass er schlecht sei, sondern dass die Wendung, die die Handlung am Ende nimmt, doch ziemlich an den Haaren herbeigezogen ist. Allerdings hatte sich einer der zahlreich anwesenden Gäste zwischenzeitlich an The Sixth Sense erinnert gefühlt, und nach genau demselben Prinzip funktioniert auch The Others.
Diesen Film hat der Gastgeber ausgesucht. Auch er hatte ihn noch nicht gesehen – was übrigens ein klarer Verstoß gegen die Regeln ist, die besagen, dass man Filme auswählen muss, die einem in irgendeiner Weise viel bedeuten – aber nur, weil er sich nicht getraut hat, ihn alleine zu gucken. Ausgerechnet er fand den Film dann als einziger nicht gruselig, während sich andere zwischendurch die Augen zuhalten oder mal dringend aufs Klo gehen mussten, die Hasenherzen.
Hinterher können wir natürlich genau sagen, wie der Grusel funktioniert – Musik, Kameraeinstellungen, Schnitte, gute Schauspieler (dt. Wikipedia: „Ihre ersten Erfahrungen in der Schauspielerei machte Nicole [Kidman] im Alter von sechs Jahren bei einem Krippenspiel der Schule in der Rolle eines Schafes“) – und warum er gut gemacht ist. Trotz aller Schmarrnhaftigkeit der Handlung kommt man mit ernsthafter Interpretation auch relativ weit: Es geht um Isolation, Bigotterie und Aufklärung (Lichtmetaphorik!).
Der Film wurde größtenteils in Spanien gedreht, spielt aber in einem England, in dem es kein anderes Wetter gibt als Nebel und (Lichtmetaphorik!) ein bisschen Sonnenschein, wenn am Ende die Situation geklärt ist. Insgesamt klassischer Haunted-House-Horror mit wohligem Grusel ohne Blut und Gewalt, aus dem man lernen kann, wie sich Geister fühlen, wenn Menschen sich in ihren Häusern breitmachen.
Nächster Termin: 31. Juli 2014. Das ist ein Donnerstag.

07. März 2014
The Talented Mr. Ripley
(1999) mit Matt Damon, Jude Law, Gwyneth Paltrow, Cate Blanchett, Philip Seymour Hoffman

I always thought it would be better to be a fake somebody than a real nobody.

Ein Film zum Andenken an Philip Seymour Hoffman musste es diesmal unbedingt sein. Natürlich hätten wir Capote gucken können, an dem man seine Begabung studieren kann, sich gestische und sprachliche Manierismen fremder Leute virtuos anzuverwandeln – geradezu gespenstisch, sein Spiel mit Filmmaterial über den echten Truman Capote zu vergleichen. Andererseits: Das ist Handwerk. Zu Hoffmans Kunst gehörte es, auch in kleineren Rollen eine Präsenz zu entfalten, die nicht selten die Performance der Protagonisten überstrahlt und dem Zuschauer noch lange im Gedächtnis bleibt.
Das tat er im Krötenfilm als über die Maßen gutherziger Pfleger Phil (diesen Film mochte außer mir anscheinend niemand, und niemand erinnert sich daran, außer an die Kröten), und das tut er auch in The Talented Mr. Ripley. Dort spielt er Freddie Miles, einen reichen amerikanischen Schnösel, der nichts als sein eigenes Vergnügen im Kopf hat und trotzdem den Underdog Tom Ripley auf den ersten Blick entlarvt.

Tommy. How’s the peeping? Tommy, how’s the peeping? Tommy. Tommy. Tommy. Tommy. Tommy.

Der Film entfacht keinerlei Kontroversen; er ist einfach gut, obwohl er von Patricia Highsmiths Romanvorlage abweicht. Der moralisch fragwürdige Protagonist allerdings bleibt derselbe. Anthony Minghella, der das Drehbuch geschrieben und Regie geführt hat, ist nun auch schon seit sechs Jahren tot. Frau L. gibt vor, die psychologische Spannung nicht aushalten zu können, obgleich sie jeden Sonntag Tatort guckt – das können wir nicht recht glauben. Chet Baker singt mit einer androgynen Stimme. Und, ach ja, der Americano.

30. Januar 2014
Burn After Reading
(2008) mit John Malkovich, Frances McDormand, George Clooney, Brad Pitt

Wir haben Ferien und draußen ist es kalt, da können wir uns spontan gleich für den nächsten Filmabend verabreden. Kollegin G. ist an der Reihe und kündigt vorher an, mal die Skala der Genres erweitern zu wollen – Science Fiction sei schließlich noch nie dran gewesen. Das halten wir für eine gute Idee, aber als wir erwartungsvoll auf dem Sofa sitzen, hat sie außer Kubricks 2001 noch zwei andere Filme mitgebracht und kann sich erstmal wieder nicht entscheiden. Dann aber plötzlich doch, und zwar gegen die Odyssee im Weltraum, weil die Raumanzüge dort so nach den 60er Jahren aussehen. Also Burn After Reading – eindeutig kein Science Fiction Film.
Auch Geheimdienst-Komödie trifft es nicht, weil CIA-Geheimnisse nur in der Vorstellung von Linda und Chad eine Rolle spielen; es ist eher eine unterhaltsame, absurde Farce über die Dummheit. Die Coen-Brüder selbst nennen ihre drei Filme mit George Clooney ihre trilogy of idiots, aber auch in Fargo geht ja nur deshalb alles schief, weil die Kleinkriminellen so dumm sind. Zur Dummheit gesellen sich in Burn After Reading noch Selbstüberschätzung, Fitness- und Schönheitswahn und Murphy’s Law: Whatever can go wrong will go wrong.
Brad Pitt, normalerweise ganz oben auf der Hübschigkeitsskala, werden Punkte abgezogen wegen seiner Frisur, aber er bekommt, genau wie George Clooney und Frances McDormand, Schauspieler-Zusatzpunkte für die Bereitschaft, sich hochgradig lächerlich zu machen. Jemand stört sich an der kruden Fäkalsprache, jemand anders findet, mit Leichen dürfe man keine Scherze treiben, und bei den beiden Morden guckt man besser weg.
Unbestritten komisch aber ist der Schluss, der letzte Dialog zwischen zwei CIA-Offizieren, die rätseln, was denn nun eigentlich passiert ist:

– What did we learn, Palmer?
– I don’t know, sir.
– I don’t fuckin’ know either. I guess we learned not to do it again.
– Yes, sir.
– I’m fucked if I know what we did.
– Yes, sir, it’s, uh, hard to say.
– Jesus Fucking Christ.

Das hat Spaß gemacht. Und wir danken dem Gast für das viele Essen.

24. Januar 2014
Paint your Wagon
(1969) mit Lee Marvin, Clint Eastwood, Jean Seberg

Ende der 60er Jahre war die große Zeit des Westerns endgültig vorbei. Wer sich weiterhin mit dem Genre auseinandersetzen wollte, musste neue Wege finden, wie beispielsweise Robert Altman 1971 mit dem Anti-Western McCabe & Mrs. Miller. Joshua Logan hatte sich zwei Jahre früher für eine alberne Western-Parodie in Musical-Form entschieden, deren deutscher Titel Westwärts zieht der Wind lautet – und das, obwohl auch Musicalfilme zu dieser Zeit beim Publikum aus der Mode kamen. Das war aber bestimmt nicht der einzige Grund, warum dieser Film kein Kassenschlager wurde.
Der Film dauert gute zweieinhalb Stunden, inklusive einer vier Minuten und zwanzig Sekunden währenden Unterbrechung, die mit Musik und dem Wort „Intermission“ gefüllt ist. Das ist ganz praktisch, da muss man nicht erst auf die Pausentaste drücken, wenn man mal zur Toilette gehen möchte.
Die Figuren benehmen sich in einem fort politisch unkorrekt und stimmen zwischendurch Gesänge an, begleitet von unsichtbaren Streichorchestern oder Männerchören. In einer Szene zum Beispiel irrt Clint Eastwood, gewandet in eine rote Hippie-Bluse, Cowboyhut auf dem Kopf, einsam durch den Wald und singt I talk to the trees, während im Hintergrund ein Sinfonieorchester musiziert.
Jean Seberg war so clever, ihre Gesangsnummern synchronisieren zu lassen; Lee Marvin und Clint Eastwood singen selbst. Dass Marvin mit seinem Gebrummel in Großbritannien drei Wochen lang die Charts anführte und dabei die Beatles verdrängte, ist ein Skandal sondergleichen.
Neben der schwer erträglichen Länge und der Singerei stört an dem Film am meisten, dass – nachdem die christliche Familie im Haus war – die paar Anflüge von Anarchie und Anti, die es vorher gab, rasch getilgt werden und die heile Western-Welt wiederhergestellt wird: Die Ménage-à-trois löst sich zugunsten einer traditionellen Ehe auf, die Helden stellen ihre Gaunereien ein (sie hatten, anstatt rechtschaffen Gold zu schürfen, Gänge unter die Wirtshäuser der Stadt gegraben, um den durch die Dielen rieselnden Goldstaub aufzufangen) und No Name City, dieses Sodom und Gomorrha, verschwindet komplett vom Erdboden.
Mir wurde aufgetragen, über die Schauspieler zu schreiben, dass sie angemessen hübsch seien, obwohl weil sie schiefe Zähne und glatte Haut haben. Auch tragen sie keine Armbanduhren wie in Karl-May-Verfilmungen. Lee Marvin war nur sechs Jahre älter als Eastwood, sieht im Film aber viel älter aus. Angeblich trank er während der Dreharbeiten nicht schwarzen Tee wie alle anderen, sondern echten Whisky.
Den Film hat Frau L. ausgesucht. Sie kann die Songs auswendig mitsingen und quält uns damit noch auf der Rückfahrt im Auto. Das war ein recht anstrengender Abend.

16. November 2013
One, Two, Three
(1961) mit James Cagney, Horst Buchholz, Liselotte Pulver

Ein Klassiker, der Film schlechthin über den Kalten Krieg, ein Werbefilm für eine Brausefirma – und ein Film, in dem ausnahmslos alle durchgehend so schnell sprechen, dass man selbst auf Deutsch aufpassen muss wie ein Schießhund und hinterher ganz erschöpft ist.
Billy Wilder war als deutscher Hollywood-Regisseur natürlich prädestiniert für das Thema, und er inszenierte es voller Klischees aller beteiligten Nationen und politischen Lager. Ironischerweise machte ihm die Geschichte selbst mit dem Mauerbau einen Strich durch die Rechnung und er musste den unteren Teil des Brandenburger Tors in München nachbauen, um den Film abschließen zu können. Das passt alles ganz hervorragend zusammen.
Horst Buchholz hat nicht nur keine Socken an („wenn er keine anziehen will, malen wir ihm die Füße schwarz“), sondern auch gut sichtbare Fettflecken auf seinem schmuddeligen Wollpullover und schwarze Zähne. Über seine Hübschigkeit ließe sich nicht streiten, wären da nicht diese dreckigen Zähne. Am Ende sieht er aber ganz adrett aus.
Das Drehbuch ist so pointenreich, dass man jeden dritten Satz zitieren könnte. Das eindrucksvollste Bild ist vielleicht das des Kunstmalers, der während der halsbrecherischen Fahrt zum Flughafen aus der Beifahrertür hängt und das neue Familienwappen aufs Auto malt – die Zeit ist ein bisschen knapp geworden. Drinnen werden währenddessen Hüte anprobiert und eine zerrissene Hose genäht.
Am Ende ist natürlich alles gut. Was haben wir gelernt? Mit den Händen in den Hosentaschen kann man keine Kühe melken (altes russisches Sprichwort).

18. Oktober 2013
Shine
(1996) mit Geoffrey Rush, Armin Mueller-Stahl, Noah Taylor, John Gielgud

Die wahre Geschichte eines Pianisten mit einer psychischen Krankheit – eine schreckliche Geschichte, vor allem die Vater-Sohn-Beziehung, aber ein Film, der sich allgemeiner Zustimmung erfreut. Das liegt sicher auch an der schönen Musik.
Der Theologe unter den Gästen sieht den tyrannischen Vater sofort als säkularisierte Form einer Jahrhunderte alten orthodoxen jüdischen Tradition, und die Mechanismen, die der Vater gebraucht, um seinen Sohn und seine ganze Familie zu Untertanen zu machen, werden im Film schonungslos offengelegt. Gruselig.
Dann ist da natürlich das 3. Klavierkonzert von Sergej Rachmaninow. Ich mag das Konzert; ich höre es oft beim Bügeln, in einer Live-Version mit Martha Argerich, und ich habe es auch schon einmal gespielt – im Orchester natürlich. Für das Orchester ist es nicht so schwer, aber die Musikerin unter den Gästen stört sich daran, dass der Film so tut als sei dieses Konzert für den Solisten das schwerste von allen und als habe David Helfgotts Nervenzusammenbruch nach dem Konzert in der Carnegie Hall mit der Komplexität und interpretatorischen Herausforderung dieses Stücks zu tun. Das sei Quatsch; Mozart oder Bach seien oft viel schwerer zu spielen.
Frau L. will wissen, ob Leute mit der schizoaffektiven Störung, an der David Helfgott leidet, zum Reimen neigten, denn er reimt die ganze Zeit. Ein interessanter Aspekt. Befragt man dieses Internetz dazu, fragt es zuürck: Was reimt sich auf schizoaffektive Störung? Und Wikipedia sagt dazu nur, Leute mit dieser Erkrankung neigten zu „Danebenreden, zerfahrener Sprache, Neologismen“. Geoffrey Rush spielt das absolut überzeugend, das ist bestimmt sehr schwer.
Im Abspann steht, dass Geoffrey Rush im Film auch sein eigenes Hand-Double war, was an sich ja recht beeindruckend ist – liest man allerdings ein bisschen in Pianistenforen herum, erfährt man, wie viele falsche Töne da zu sehen sind: „The guy’s hitting the wrong keys all through the whole clip. I wonder if they made it on purpose for pianists to figure out?” Unerhört!
Eine abseitigere Diskussion, inspiriert von Vivaldis Motette Nulla in mundo pax sincera, die im Abspann zu hören ist, dreht sich um die Frage, ob man zweifelsfrei hören könne, ob ein Mann oder eine Frau singt. Alle meinen ja, Frau L. meint nein und behauptet, „Jane Edwards“ sei das Synonym für einen Knabensopran oder Countertenor. Dann allerdings erzählt sie, wie sie zum ersten Mal Jochen Kowalski gehört hat und dachte: Was ist das? Carolin Emcke hat dieses Erlebnis in Wie wir begehren so beschrieben:

Als das erste Mal diese Stimme erklang, konnte ich mich nicht mehr rühren. Ich saß in der Staatsoper, in der letzten Reihe der Loge, die an den Balkon im ersten Rang grenzt, wie erstarrt, und hörte zum ersten Mal in meinem Leben einen counter tenor. […] Ich hatte so eine Stimme noch nie gehört. Sie schien alles zu überschreiten, was ich kannte und was galt. Sie schien körperlos zu sein, nicht dingfest zu machen, schwebend, jenseits aller Geschlechter.

Man hört es eben.
Was ungeklärt bleibt, ist die Szene, in der David Helfgott seinen Vater zum letzten Mal sieht – ist das ein Traum oder real? Wir wissen es nicht.

20. September 2013
Gosford Park
(2001) mit Maggie Smith, Alan Bates, Kristin Scott Thomas, Jeremy Northam, Stephen Fry

Gosford Park also, auch wieder so ein Konsensfilm, mit dem man eigentlich nichts falsch machen kann. Die illustre Schauspielerriege, das komplexe Drehbuch, die Musik, die historische Akkuratesse, England – all das muss man einfach gut finden. Auch den Hauch Tragik, versteckt in einem klassischen murder mystery, in dem am Ende neben den Zuschauern nur zwei Figuren die ganze Wahrheit kennen.
Beim ersten Sehen ist dieser Film fast zu komplex; wir verbringen hinterher einige Zeit damit, einzelne Handlungsstränge aufzu- dröseln und noch einmal nachzuvollziehen, warum wer was tut oder sagt. Das ist ein Film, der reift – je öfter man ihn sieht, umso mehr kann man ihm abgewinnen. Sehr lohnend sind auch die Extras mit den Kommentaren von Regisseur Robert Altman und Drehbuch- autor Julian Fellowes. Dort erfährt man beispielsweise, dass es tatsächlich eine Klassenfrage war, ob man zuerst die Milch in die Tasse goss und dann den Tee oder umgekehrt.
Keine kontroverse Diskussion, keine Verfahrerei auf der Rückfahrt, alle sind sich einig – was soll ich da aufschreiben? Vielleicht noch ein paar Zitate.

Lady Sylvia: “Did you have an dreadful journey?“

Aunt Constance: “Me? I haven’t a snobbish bone in my body.“

Inspector Thompson: “I’m Inspector Thom…“

Aunt Constance: “Difficult colour, green.”

Lord Stockbridge: “Do stop snivelling - anyone would think you were Italian.”

Aunt Constance: “Bought marmalade. Oh dear, I call that very feeble.”

Lord Stockbridge: “The Englishman is never waited on at breakfast.”

Inspector Thompson: “Dexter, they have people to clear these things up. You get on with your own job.”

Mrs Wilson: “I’m the perfect servant; I have no life.

10. August 2013
Death at a Funeral
(2007) mit Matthew Macfadyen, Alan Tudyk, Jane Asher, Rupert Graves

Inzwischen ist es ja so: Der Filmgeschmack der Clubmitglieder ist bekannt, und beim Aussuchen eines Films weiß man ganz genau, wen man womit langweilen, verärgern oder erfreuen kann. Und dann muss man entscheiden: Möchte man die geschätzten Freunde und Kollegen für den Moment vergrätzen oder möchte man das lieber nicht?
Mit Sterben für Anfänger macht Kollegin G. alle glücklich, die Freunde des Slapstick ebenso wie die des schwarzen Humors. Die Grundidee ist sehr einfach – auf einer Beerdigung geht alles schief, was schiefgehen kann – aber man kann staunen über die Fülle von Einfällen, die jeder Katastrophe immer noch eins draufgesetzt, je vorhersehbarer, desto besser. Am Ende ist so viel passiert, dass die Figuren alle geläutert sind und fürderhin gute Menschen. Und es beginnt mit dem reisenden Sarg im Vorspann und der Frage „Wer ist das?“ beim Anblick der falschen Leiche, wo jeder andere gesagt hätte: „Das ist nicht mein Vater.“
Wir gucken den Film auf Deutsch, und Frau L. hört, wann immer der Reverend (Thomas Wheatley) auftritt, Friedhelm Ptok – wir müssen minutenlang googeln, bis wir herausfinden, dass sie Recht hat. Dann müssen wir minutenlang googeln, um festzustellen, dass Alan Tudyk (in der Rolle des Simon) in I, Robot den Roboter spielt, äh, spricht – kein Wunder, dass ihn niemand wiedererkennt. Mehr googeln wir nicht.
Beim Anschauen des englischen Trailers beschleicht einen das Gefühl, dass der Film auf Englisch doch noch besser gewesen wäre.
Über die Hübschigkeit der Schauspieler verliert wieder niemand ein Wort. Auf dem Rückweg verfahren wir uns ein weiteres Mal, wir Heidebewohner in der großen Stadt. Und wir haben keinen neuen Termin gemacht.

21. Juni 2013
Carmen
(1984) mit Placido Domingo, Julia Migenes, Ruggero Raimondi

Frau L. hatte wohl das Gefühl, man erwarte einen Musikfilm von ihr, und so zeigt sie Carmen von Francesco Rosi. Das ist keine abgefilmte Opernbühnenversion, sondern gedreht an Original-Schauplätzen in Andalusien – Oper in Landschaft, sozusagen –, die Stierkampfszenen zum Beispiel in der Arena in Ronda, die wir wiedererkennen, weil wir sie auf unserer Andalusien-Reise im letzten Jahr besichtigt haben. Kollegin K. hat wie immer mehr Mitleid mit den Tieren (in diesem Fall den Stieren) als mit den Menschen, aber auch wir anderen erinnern uns an die gereizte Stimmung bei jener Besichtigung: Ein Teil der Reisegruppe wollte wenigstens einmal en détail hören, wie so ein Stierkampf abläuft und was hinter den Kulissen passiert, und der andere Teil wollte dessen Ethik diskutieren.
Im Abspann erfährt man übrigens, dass der Bass-Bariton Ruggero Raimondi in den Stierkampfszenen ein Double hatte. Über die Hübschigkeit der Sänger reden wir nicht, wohl aber über deren hohe schauspielerische Qualität. Besonders Julia Migenes als Carmen ist ziemlich überzeugend. Und die Besetzung leuchtet unmittelbar ein; beispielsweise sieht Faith Eshams Micaëla genauso brav und bieder aus wie ihr Charakter ist.
Eher halbherzig wird diskutiert, ob Oper und Film in dieser Form zusammenpassen – treffen da nicht ein Illusionismus und ein Realismus aufeinander, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben? Das kann man wohl so oder so sehen.
Den Rückweg finden wir ganz allein, ohne Navi, ohne uns zu verfahren. Und Frau L. schläft bei ihrem eigenen Film, das wollen wir doch mal festhalten.

17. Mai 2013
Touch of Evil
(1958) mit Orson Welles, Charlton Heston, Janet Leigh

Touch of Evil, auf Deutsch Im Zeichen des Bösen, ist ein Film, der unsere Runde – nein, eigentlich ist es vor allem Frau L. – zum Sprechen über Körperteile anregt, obwohl die Hübschigkeit der Schauspieler mitnichten im Mittelpunkt steht.
Ein kleiner guter Film Noir in Schwarz-Weiß, den es in mehreren Fassungen gibt, weil das Universal-Studio Orson Welles’ Original-Drehbuch so stark gekürzt hatte, dass der sich wehrte – und danach nur noch in Europa drehte. Die Eingangsszene ist berühmt; ein dreieinhalb Minuten dauernder Schwenk, der, einem Auto folgend, die US-mexikanische Grenzstadt Los Robles vorstellt, in der vor allem dem Laster gefrönt wird.
Es ist eine Geschichte um Drogen und Korruption, bei der Gut und Böse bis zum Schluss nicht ganz auseinanderzuhalten sind. Nur dass Charlton Heston, obwohl Mexikaner und von oben bis unten mit Schuhcreme eingeschmiert, durch und durch gut ist, ist eindeutig. Orson Welles gelingt es, den durchtriebenen alten Polizisten mit der verlässlichen Intuition und der Skrupellosigkeit in Bezug auf Wahrheit und Beweise so zu spielen, dass man ihn abstoßend findet und gleichzeitig Mitleid mit ihm hat.
Hier kommen die Körperteile ins Spiel. Das sei doch nicht Orson Welles, ruft Frau L. aus, der habe doch nicht so eine Nase! Es ist ganz eindeutig Orson Welles, aber womöglich ist es tatsächlich nicht seine eigene Nase, wie man zum Beispiel in diesem Spiegel-Artikel nachlesen kann:

Alles an Orson Welles war mächtig und ausdrucksvoll, nur seine Nase nicht, sie blieb weich, flach, jungenhaft. Deshalb hat er im Lauf seines Lebens in Dutzenden von Rollen Dutzende von falschen Nasen getragen, zeitweise sogar einen eigenen Nasen-Mann beschäftigt, der ihm in alle Ecken der Welt angemessen imposante Attrappen lieferte, und deshalb war die Traumrolle, der er immer nachjagte, ohne sie je zu kriegen, der legendär langnasige Cyrano de Bergerac.

Ferner möchte Frau L. über Brüste reden. Solche Brüste wie die von Janet Leigh gebe es heutzutage nicht mehr oft, klein, spitz, nach außen zeigend. Wir wissen auch nicht so recht, Ernährung, BHs… Und dann ist da noch die Tatsache, dass Charlton Heston, der in diesem Film eigentlich eine Anzugrolle innehat, gelegentlich mit offenem Hemd agiert, so dass man seine schuhcremebeschmierte Brust sehen kann. Das erklärt sich allerdings leicht – er ist Mexikaner.
Das war ein netter Abend; und auf dem Rückweg haben wir uns nur ein winziges bisschen verfahren, mehr so aus Versehen. Wir werden immer besser.

05. April 2013
The Game
(1997) mit Michael Douglas, Sean Penn, Deborah Kara Unger

Zum Glück ist diesmal wieder der Haustheologe als Gast dabei; er liefert flugs eine Deutung des Films, mit der wir alle leben können: Es sei doch eine uralte religiöse Geschichte, sagt er, dass jemand durch negative Erfahrungen geläutert werde. Am Schluss stehe er als besserer Mensch da und habe auch eine neue Frau verdient. Der Satz des Bruders – „Ich musste etwas tun, du warst auf dem besten Weg, ein Arschloch zu werden“ – sei ein ultimativer Satz von jemandem, der sich kümmert. Solche Menschen wünsche man sich um sich herum.
So. Deutung fertig. So weit, so vorhersehbar.
Der Film lädt zudem dazu ein, über die Berechenbarkeit von Menschen nachdenken – aber das hieße zugleich, sich über den mangelnden Realismus zu beschweren. Das hat aber diesmal offensichtlich niemand vor, deshalb lassen wir das Thema aus.
Statt dessen reden wir über den Grusel – aushaltbar, selbst für die schreckhaften Gemüter unter uns – und darüber, ob die Ballereien und Verfolgungsjagden hätten fehlen können. Hätten sie.
Jemand ist krank, wer anders im Stress, wieder jemand anders hat ein Früchtebrot mitgebracht. Auf dem Rückweg verfahren wir uns wie immer. Etwas in uns sträubt sich, den richtigen Weg zu finden, aus Protest, weil der Kollege mit der großen Leinwand und dem Sofa jetzt so weit weg wohnt. Spät in der Nacht, die Straßenlaternen in unserem Dorf sind längst ausgeschaltet, sind wir endlich zu Hause.

08. März 2013
Being John Malkovich
(1999) mit John Malkovich, John Cusack, Cameron Diaz, Catherine Keener

Being John Malkovich ist verrückt, skurril und auf keinen Fall etwas anderes als eine Meta-Komödie. Oder vielleicht doch ein satirischer Horrorfilm? Bewundernswert, wer sich so Dinge wie das Stockwerk 7½ ausdenken kann, die Schimpansen-Psychoanalyse oder die wilde Jagd durch das Unterbewusstsein der Titelfigur.
Wer nach geordneten Verhältnissen dürstet, vermisst streckenweise die Logik der realen Welt und stört sich daran, dass „die Böse“ (Maxine) am Ende das große Glück einfährt. Dabei ist keiner der Protagonisten ein Sympathieträger (mit Ausnahme vielleicht des armen John Horatio Malkovich), und die „Entwicklungen“, die sie durchlaufen, und die „Gefühle“, die sie empfinden, sind allesamt nicht ernst zu nehmen – wie auch, wenn es im Film gar nicht in erster Linie um Menschen geht, sondern um abgedrehte Einfälle.
Deren philosophische Tiefe wird sofort wieder gebrochen durch den heiligen Ernst, mit dem die Figuren, besonders Craig, über sie dozieren: „Ich meine, da steigen doch tausend philosophische Grundfragen in einem auf, verstehen Sie, über das Wesen des Selbst, über die Existenz einer Seele. Bin ich ich? Ist Malkovich Malkovich? Ich hatte ein Holzbrett in der Hand, Maxine. Und jetzt ist es nicht mehr da. Wo ist es? Ist es noch in Malkovichs Hirn?“ Und dabei funkeln seine Brillengläser in einem irren Licht. Das alles findet der Kollege Gastgeber anstrengend, doof und nicht lustig.
John Malkovich heißt in Wirklichkeit übrigens nicht Horatio mit zweitem Namen, sondern Gavin. Er stand angeblich von Anfang an im Drehbuch, unter anderem deshalb, weil sein Nachname auch nach 350 Wiederholungen noch gut klingt. Und obwohl er in Verlauf des Films als „Person“ quasi verschwindet, weil alle möglichen anderen Leute von ihm Besitz ergreifen, scheint er keine Scheu gehabt zu haben, sich richtig zum Affen zu machen – auch das äußerst bewundernswert.

08. Februar 2013
Wenn die Gondeln Trauer tragen
(1973) mit Julie Christie, Donald Sutherland, Hilary Mason

Über den Film sei schon einmal gesprochen worden, sagte Kollegin G. vorher, machte es aber spannend und verriet den Titel nicht. Es war dann eine weitere Lektion in Filmgeschichte, nämlich Wenn die Gondeln Trauer tragen. Auf Englisch heißt der Don’t look now und basiert auf einer gleichnamigen Kurzgeschichte von Daphne du Maurier, was ja schon mal ein Hinweis auf Qualität und Grusel ist.
Zu Kollegin G. passt der Film gut, weil er zum größten Teil in Venedig spielt, wo sie schon oft war und immer wieder gerne hinfährt. Es handelt sich um ein Venedig, das man auch von Patricia Highsmith kennt: labyrinthisch, düster, unheimlich. Venedig kann sehr kalt sein.
Die Handlung ist so rätselhaft, dass man andauernd hä? sagen möchte, auch müssen wir hinterher erstmal auseinanderklamüsern, auf welcher Zeitebene sich was abspielt. Trotzdem bleiben die meisten Fragen offen: Sind die schottischen Schwestern Betrügerinnen oder warum sonst lachen sie so hämisch? Wieviel weiß der Polizeiinspektor? Kann es sein, dass die Leute in den 70er Jahren mehr Haare hatten? Was hat es mit der seltsamen Szene beim Bischof auf sich, was macht die Frau dort? Wie geht es am Ende weiter?
Diese inhaltliche Offenheit findet nicht bei allen Filmclubmitgliedern gleichermaßen Anklang, aber immerhin müssen alle anerkennen, dass der Film zusammengehalten wird durch eine bestimmte innovative Art von Montage, durch Symbole und Leitmotive. Zum Beispiel fällt in dem Film ziemlich viel herunter, Dinge wie Personen. Die berühmte zerschnittene Sexszene verdankt sich anscheinend auch dem Versuch, die amerikanische Zensur zu überlisten.
Wie so oft bei diesen Filmabenden müssen wir an einem bestimmten Punkt etwas nachschlagen, im Internetz oder ganz altmodisch im vielbändigen Brockhaus des Gastgebers. Diesmal war es das Alter Abraham Lincolns, als er ermordet wurde, denn zwischendurch war das Gespräch zu Lincoln abgedriftet: 56.
Über Wenn die Gondeln Trauer tragen war schon einmal gesprochen worden, als Frau L. erzählt hatte, wie sie ihn mal vor Jahrzehnten auf ihrem alten Schwarz-Weiß-Fernseher gesehen und für noch rätselhafter befunden hatte, ja, sie hatte ihn überhaupt gar nicht verstanden, weil die Farbe Rot als Leitmotiv nicht erkennbar war, der rote Regenmantel schon mal gar nicht. Da hatten wir es besser.

21. Dezember 2012
Der Engel mit der Posaune
(1949) mit Paula Wessely, Paul Hörbiger, Oskar Werner

Unsere Filmclubabende finden jetzt also in der Landeshauptstadt statt, wo man ja auch erstmal hinfahren muss. In der neuen Wohnung gibt es zwar nach wie vor das Riesensofa und den Beamer, nicht aber eine große weiße Wand, weshalb der Hausherr extra für uns eine ausziehbare Leinwand an der Decke befestigt hatte. Auch ist das Wohnzimmer viel kleiner, so dass bei vier anwesenden Gästen drei Leute auf dem Boden Platz nehmen mussten.
Der Engel mit der Posaune ist ein österreichischer Schwarz-Weiß-Schinken aus dem Jahr 1949. Frau L. hatte ihn ausgesucht und unter großen Mühen von einer Kollegin aus dem Fernsehen aufnehmen lassen – leider haben wir vergessen zu fragen, was genau sie an dem Film so fasziniert.
Es handelt sich um eine Familiensaga mit Anklängen an die Buddenbrooks, nur auf Österreichisch, die zwischen 1888 und 1945 spielt und private Familiengeschichte mit der großen National- geschichte verknüpft. Man muss ein paar Dinge über Österreich wissen, z.B. was Mayerling ist, und die Figuren haben Namen wie Hans und Franz, Otto-Eberhard und Martha-Monika. Das Auftreten jeder neuen Generation erhöht die Verwechslungsgefahr, die Posaune ist in Wirklichkeit eine Trompete, und zu alledem hat der Film auch noch Überlänge.
Insgesamt ein Lehrstück in Pathos und Verdrängung, in dem beispielsweise die Rede davon ist, dass Hitler „aus dem Nichts“ über die Welt kam, dabei kam er ja nun aus Österreich. Am Ende steht die nächste Generation in den Trümmern des Zweiten Weltkriegs bereit, um Handwerk und Kultur zu retten und zu neuer Blüte zu führen, dazu spricht der Erzähler salbungsvolle Worte aus dem Off.
Nun ja, wäre da nicht die Riege hochkarätiger Schauspieler (Paula Wessely, Attila und Paul Hörbiger, Maria Schell, Oskar Werner), wir würden das L-Wort in den Mund nehmen. Übrigens ist das nach dem Dritten Mann schon der zweite Film mit Paul Hörbiger, den Frau L. zeigt.
Aber der Vorfilm war super. Er handelte davon, dass die nagelneue Leinwand, als sie heruntergelassen werden sollte, mit Getöse von der Decke krachte, von Bohrmaschine, Staub und Federklapp- dübeln, von ehrgeizigen Heimwerkern, die stundenlang schwitzend mit erhobenen Armen auf Stühlen standen, von Traugott mit dem Kopfpantoffel, von Frau L., wie sie unverfroren charmant die Nachbarn von unten beruhigen ging, und von den Damen auf dem Sofa, die das ganze Geschehen mit den passenden Kommentaren versahen.
Als wir wieder zurückreisten in die Heide, durch Dunkelheit und Schneetreiben, hatte über die Hübschigkeit der Schauspieler niemand ein Wort verloren.

05. Oktober 2012
Cabaret
(1972) mit Liza Minelli, Michael York, Joel Grey, Fritz Wepper

Von den sieben Anwesenden kennen nur drei den Film, also ist das auch ein bisschen Nachhilfe in Filmgeschichte. Ziemlich kreative Schnitttechnik und Kameraführung, finden wir, die sehr toll gesungenen und choreografierten Cabaret-Nummern sind großartig, besonders die von Joel Grey. Auch die Hübschigkeit der Schauspieler ist angemessen hoch, nur die Krummigkeit der Nase von Michael York gibt Anlass zu Meinungsverschiedenheiten.
Das Gespräch kreist vor allem um eins: Der Hausherr – Besitzer des Riesensofas, des Beamers und der großen weißen Wand – wird am nächsten Morgen in die Landeshauptstadt umziehen, dies ist sein letzter Abend im ruralen Niedersachsen, und wir sind alle nicht einverstanden. Noch ist ungewiss, ob das Sofa überhaupt in die neue Wohnung passt, eine angemessen große weiße Wand gibt es dort auch nicht. Und überhaupt – die Entfernung!
Immerhin ist es eine logistische Meisterleistung, dass wir an diesem letzten Abend trotzdem noch irgendwo sitzen, irgendwas trinken und einen Film gucken können. Als Gegenleistung müssen wir allerdings ein paar Kisten packen.
Der Anlass des Umzugs ist nicht Goodbye to Berlin, sondern Auf Wiedersehen, Provinz, aber Cabaret ist trotzdem ein würdiger Abschiedsfilm. Der Abend endet mit Frau L. in stummem Protest in dem Sessel mit der steilen Lehne wie Wistler’s mother – sie ist nicht einverstanden.
(Der Umzug ist heute, während ich dies schreibe, und es regnet dauerhaft aus Kübeln. Wir wollen das mal lieber nicht als Strafe Gottes deuten.)

07. September 2012
Invictus
(1996) mit Morgan Freeman, Matt Damon, Tony Kgoroge

Invictus, das ist zuerst mal dieses kraftstrotzende Gedicht von William Ernest Henley, zuerst veröffentlicht im Jahr 1875:

Out of the night that covers me,
Black as the pit from pole to pole,
I thank whatever gods may be
For my unconquerable soul.

In the fell clutch of circumstance
I have not winced nor cried aloud.
Under the bludgeonings of chance
My head is bloody, but unbowed.

Beyond this place of wrath and tears
Looms but the Horror of the shade,
And yet the menace of the years
Finds, and shall find, me unafraid.

It matters not how strait the gate,
How charged with punishments the scroll.
I am the master of my fate:
I am the captain of my soul.

Die letzten beiden Verse kommen angeblich auch in Casablanca vor, das müsste man mal nachprüfen; hier jedenfalls ist eine gesprochene Fassung von Alan Bates in einem Werbespot – mir persönlich gefällt die besser als die monoton gemurmelte Version von Morgan Freeman im Film.
Der historische Stoff ist filmreif, soviel ist mal sicher: Die südafrikanische Rugby-Nationalmannschaft der Männer, die Springboks, wandelt sich anlässlich der WM im eigenen Land von einer Institution der Apartheid zum Symbol für Einheit und Versöhnung – benutzt, aber auch leidenschaftlich unterstützt von Nelson Mandela, dem Präsidenten höchstpersönlich. Fragt sich nur, ob der Film da nicht mehr hätte draus machen können.
Rugby ist ja nun ein ausgesprochen hässlicher Sport, besonders, wenn man die Regeln nicht kennt. Da wird gedrängelt und geprügelt, es erklingen seltsame Grunzgeräusche wie im Schweinestall, bei jedem Zusammenprall knackt und knirscht es als brächen den Spielern sämtliche Knochen, und in dieses Gemetzel hinein ruft Kollegin G. empört: Die ziehen sich ja dauernd gegenseitig am Hemd!
Nelson Mandela kommt ein bisschen pathetisch rüber, aber das darf er vielleicht auch. Die irreführende 9/11-Assoziation hätte fehlen können, und das entscheidende Endspiel ist unerträglich in die Länge gezogen – man weiß sowieso, wie es ausgeht, ebenso wie man weiß, dass Mandela keinem Attentat zum Opfer fällt, weshalb es der Bodyguard-Handlung etwas an Spannung gebricht.
Aber wir haben viel über südafrikanische Geschichte gelernt. Südafrika ist übrigens doch noch einmal Rugby-Weltmeister geworden: 2007.
Das war das erste Treffen seit fast acht Monaten, und wie es demnächst weitergeht, weiß kein Mensch – die Hauptperson, die große weiße Wand, sie wird fehlen.

20. Januar 2012
Fargo
(1996) mit Frances McDormand, William H. Macy, Steve Buscemi

Weil kein richtiger Winter ist, sehen wir einen Film, in dem richtig Winter ist. In dem man nicht entscheiden kann, wo der Schnee aufhört und der Himmel anfängt, und in dem man am unteren Bildrand einen winzigen Strich Straße sieht und oben drüber einen riesigen grauen Winterhimmel. Das veranlasst Frau L. zu der Aussage, in solchen Gegenden zu wohnen, sei unmenschlich: „Dort halten es nur Büffel und Indianer aus.“ Und nein, damit meine sie nicht, dass Indianer keine Menschen seien.
Wir reden wenig über den Film, er ist einfach gut. Über das Genre können wir uns nicht recht einigen – Krimikomödie hätte man früher gesagt, aber dafür sieht man einfach zu viel Blut. Der Hübschigkeitsfaktor ist eher gering, die Schauspielerqualität dafür hoch. Am eindrücklichsten ist natürlich die schwangere Polizistin Marge Gunderson, die gleichzeitig hinterwältlerisch, energisch, spießig und clever ist. Eine richtig plausible Erklärung für Mike Yanagita finden wir nicht, aber dafür gibt es dieses Internetz.
Die Behauptung des Vorspanns „THIS IS A TRUE STORY. The events depicted in this film took place in Minnesota in 1987“ ist gelogen und sollte nicht zu ernst genommen werden, das könnte böse enden. Oh yah.

17. Dezember 2011
Der Adler der Neunten Legion
(2010) mit Channing Tatum, Jamie Bell, Donald Sutherland

Der Adler der Neunten Legion, das Taschenbuch zum Film – ja nee, so ist es falschrum. Das Buch von Rosemary Sutcliff ist ein Jugendbuchklassiker, erschienen 1954, und der Film ist eine Hollywood-Produktion aus dem Jahr 2010.
Über das Buch habe ich in der siebten Klasse mal ein Referat gehalten, dessen Beginn meine kleine Schwester und ich bis heute auswendig können, weil ich anscheinend sie als Publikum benutzt habe, um das unendlich oft zu üben: „Rosemary Sutcliff wurde in einem kleinen Ort in Südengland geboren. Als kleines Kind erkrankte sie schwer und konnte einige Jahre lang keine Schule besuchen. Später befasste sie sich intensiv mit historischen Studien, die sie in ihren Romanen verarbeitete…“ Zudem steht das Buch total zerlesen im Bücherregal – schlechte Voraussetzungen für den Film also.
Der war im zentralen Kino des Provinzstädtchens angekündigt worden, in Vorschauen und auch in Gestalt einer lebensgroßen Pappfigur des römischen Centurio Marcus Flavius Aquila im Foyer. Er wurde dann dort nie gezeigt, und quasi aus Protest kaufte Kollegin G. die DVD, kaum war sie erschienen.
Es ist wieder mal die klassische Quest-Situation: eine Aufgabe, die erfüllt werden muss, an der die Mitwirkenden wachsen und die sie – das weiß man von Anfang an – natürlich meistern werden. Das Bemühen um historische Akkuratesse ist erkennbar, die Schauspieler sind leidlich hübsch (bis auf den Stiernacken des einen und die Segelohren des anderen), wenn man will, kann man schwulen Subtext entdecken.
Interessanter sind die Unterschiede zwischen Buch und Film. Das Drehbuch tut alles, um poetische Passagen zu nivellieren und die Dramatik zu steigern, und zwar die Dramatik von Kampfszenen. Da zersäbeln Streitwagen mit Sensenblättern an den Naben Männerbeine, da wird wild aufeinander eingestochen, kleinen Kindern die Kehle durchgeschnitten, Leute werden enthauptet. Und uns wird übel.
Die Altersfreigaben schwanken ziemlich: in Deutschland ab 12, in Italien ohne Beschränkung, in Großbritannien unter zwölf nur in Begleitung eines Erwachsenen, in Finnland ab 15, in Malaysia ab 18. Der anwesende Gast (40) meint, ab 41 wäre genau richtig.
2010 ist ein weiterer Film zum Thema des rätselhaften Verschwindens der Neunten Legion erschienen, Centurion von Neil Marshall – hier ist eine ganz kenntnisreiche Einordnung des Stoffs.

25. November 2011
Der dritte Mann
(1949) mit Joseph Cotten, Alida Valli, Orson Welles

Dam da dam da dammm da dammm… – das Harry-Lime-Theme ist ein ganz schlimmer Ohrwurm, der uns jetzt zwei Wochen lang verfolgen wird. Erstaunlicherweise beginnt er gar nicht mit Punktierten, sondern mit Triolen, wie man auf dem Grabstein des Komponisten und Zitherspielers Anton Karas nachlesen kann. (Links daneben liegt übrigens Strecki begraben.)
Alle erwarten einen Operettenfilm von Frau L., aber dann ist es der Dritte Mann. Anspruchsvolle klassische Unterhaltung ist genau das Richtige nach einem anstrengenden Elternsprechtag, auch wenn das heimliche Motiv hinter diesem Film ein belehrendes ist: Ach, wie DEZENT dieser Film doch sei, ruft Frau L. an mehreren Stellen demonstrativ aus. In der Tat sieht man weder die missgebildeten Kinder im Krankenhaus noch die Morde an Paul Hörbiger und Orson Welles, und selbstredend handelt es sich um ein besonders edles Exemplar der Kategorie Anzugfilm.
Die Straßenlampen müssen in diesem Wien von damals wohl dicht in Bodennähe befestigt gewesen sein, anders sind die riesigen Schatten nicht zu erklären. Zu welcher Jahreszeit der Film spielt, ist auch nicht ganz klar; manchmal sieht man eine Atemwolke vor den Schauspielermündern, manchmal nicht. Holly ist ein seltsamer Vorname für einen Mann. Die expressionistisch-schrägen Kameraperspektiven nennt Frau L. chinesisch, aber dieses Internetz kennt sie als Dutch angle. Die Hübschigkeit der Schauspieler ist ganz okay. Besser noch sind die schwarz-weiß-Töne und das grandiose Licht.
Hinterher blättern wir im Geschichtsbuch, um die Wissenslücken im Kapitel Besatzungsgeschichte zu schließen. Die Ergebnisse dieser Studien sind leider im Elternsprechtags-Müdigkeitsnebel verschwunden.

7. Oktober 2011
Adams Äpfel
(2005) mit Ulrich Thomsen, Mads Mikkelsen, Ole Thestrup

Es beginnt mit einer Flutkatastrophe beinahe biblischen Ausmaßes, passend zum Film. Erst als die Lappen zum Trocknen auf der Leine hängen, die Socken gewechselt und die Sofas wieder zurecht- gerückt sind, können wir uns dem Apfel widmen, der als einziger übrig bleibt. Nicht Evas diesmal, sondern Adams. Frau L. allerdings ist von Anfang an unwirsch; ihr gefällt der Film nicht, sie sagt aber nicht, warum.
Ein Film mit schönen und mit grausigen Bildern. Die Szenen latenter oder offener Grausamkeit sind originell, bewundernswert makaber und zudem nützlich, um die groteske Fallhöhe zur extrem naiven Weltsicht Ivans zu konstruieren. Das mit dem Kopfschuss und dem herausquellenden Gehirn allerdings hätte fehlen können.
Man weiß nicht so recht, ob dieser Film sich selbst ernst nimmt oder nicht. Die Botschaft am Ende scheint – wie auch die biblische Symbolik, mit der er operiert – so eindeutig, dass man den Film in kirchlichen Kaffeekränzchen zeigen könnte: Tue Gutes im Sinne der Bibel à la die eine und die andere Wange, und wenn du dabei die Realität komplett verkennst – macht nix.
Will man diese Botschaft auf eine säkulare Welt übertragen, in der nicht Gott regiert, sondern die Vernunft, kommt man nicht weit, denn mit Vernunft hat das alles überhaupt nichts zu tun. Vielleicht ist die Komik ein Resultat der auf diese Weise entstehenden Ratlosigkeit: Man weiß einfach nicht, was man anderes tun sollte als zu lachen. Eine Zumutung nennt Frau L. das – nicht das Schlechteste, was man über einen Film sagen kann.

3. September 2011
Trick
(1999) mit Christian Campbell, John Paul Pitoc, Tori Spelling.

Der Trend scheint im Moment in Richtung Nischenfilm zu gehen – diesmal also ein Low-Budget-Schwulenfilm von vor zwölf Jahren. Darin stehen die Twin Towers noch und sind wahrscheinlich symbolhaft zu deuten.
Die Hübschigkeit der Schauspieler ist über jeden Zweifel erhaben, und weil das so ist, wissen wir von vornherein, wie das Ganze ausgehen wird – wer so gut aussieht, kriegt sich am Ende, ganz klar. Nur dass Gabriel unbedingt überprüfen muss, ob Mark ihm die richtige Telefonnummer gegeben hat, wirft einen unnötigen Schatten des Misstrauens auf das junge Glück.
Dass Schwulenfilme den Bechdel-Test bestehen, verlangt ja niemand, aber eine der beiden mitspielenden Frauen redet so dermaßen viel und schnell, dass Frau L. sich bemüßigt fühlt, die Augen fest zuzukneifen und die Ohren zuzuhalten, wann immer diese Frau auf der Leinwand erscheint. Sehr nervig. Und am nervigsten ist, dass sie nur deshalb so nervig ist, weil sie in völliger Verkennung der Tatsachen immer noch glaubt, bei Gabriel Chancen zu haben.
Die andere Frau hingegen sitzt minutenlang mit entblößten Brüsten herum – eine ziemlich lustige Idee für einen Schwulenfilm. Am Ende droht sie, genau so auf die Straße zu gehen, sie habe das in Paris immer so gemacht, und sehr komisch ist der Bruchteil einer Sekunde, in dem Gabriel im Treppenhaus an ihr vorbei stürmt (natürlich um Mark hinterher zu rennen, den er vorher leichtfertig vergrätzt hatte), und in dem sie sich dann doch noch etwas überzieht. New York ist eben nicht in Frankreich.
Ansonsten sieht man ziemlich viele Männerkörper um ihrer selbst willen – mit T-Shirt oder ohne, aber jedenfalls nicht im Anzug, wie Frau L. bedauernd feststellt – und einen unerwartet amüsanten Abspann, auch wenn es natürlich nicht pc ist, über die seltsamen Namen der Mitwirkenden zu lachen.
Das war hübsch und unterhaltsam und fühlte sich überhaupt nicht nach Rache an.

1. Juli 2011
Magnolia
(1999) mit Jason Robards, Tom Cruise, Philip Seymour Hoffman, John C. Reilly, Melora Walters.

Wir sind in Runde drei angekommen, und so langsam zeigen sich die Vorlieben der Clubmitglieder deutlicher. Ich mag ja Filme, in denen man auch beim sechsten Mal noch Dinge entdeckt, die man vorher nie bemerkt hat, und wenn man dann ein bisschen im Internetz herumliest, dann ist da noch viel mehr, was man bis jetzt übersehen hat (die Ziffern 8 und 2 zum Beispiel). Und zu Kunst gehört auch, dass sie widerständige Reste zurücklässt, die sich nicht problemlos in einer runden Gesamtinterpretation unterbringen lassen. Auf die Frage beispielsweise, warum der Film Magnolia heißt, gibt es mindestens sechs mögliche Antworten.

Natürlich, Magnolia ist „hochgradig prätentiös“ und mit drei Stunden Länge und der extrem wechselnden Lautstärke des Soundtracks eine Zumutung. Aber zum Glück gibt es ja die Regel, dass niemand rauslaufen darf. Der Film sei so negativ, beschwerte man sich hinterher, er mache depressiv. Ja, aber das Leben ist auch so. Wir haben mit der Vergangenheit abgeschlossen, aber die Vergangenheit nicht mit uns.
Erbaulich ist das alles nicht, aber immerhin emotional so eindrücklich, dass es „Rache“gelüste weckt. So langsam geraten wir in die extremen Ecken der Geschmäcker – und das ist auch gut so.

10. Juni 2011
High Noon
(1952) mit Gary Cooper, Grace Kelly, Katy Jurado, Lloyd Bridges.

Lila Löffel zu roten Erdbeeren – da summt einem die Netzhaut. Gary Cooper sagt eiskalt zu seiner Frau, er müsse in die Stadt zurück, das sei nun einmal so. So fängt es an.
Natürlich kennen alle High Noon. Ein Film, in dem Erzählzeit und erzählte Zeit fast übereinstimmen; Uhren spielen eine wichtige Rolle. Die meiste Zeit passiert eher nichts; am Ende gibt es ein bisschen Versteckspiel mit Schießen. Wie weit der Bahnhof von der Stadt entfernt ist, kann man nur raten.
Die Haarfarben der Frauenfiguren sind klischeehaft – die Schwarzhaarige ist exotisch, lebenstüchtig und verrucht, sie hat hooded eyes, die ihr einen sündigen Ausdruck verleihen. Die Blonde dagegen ist gutgläubig, ein bisschen naiv und starrköpfig; die Wandlung von der Quäkerin zur Mörderin ist wenig plausibel, entspricht aber dem alten Klischee vom Nerd, der einmal eine Waffe bedienen muss, um zum Unterhemd-Helden zu werden. Das Beste am Menschen ist, dass er sich besinnt und wiederkehrt.
Die wirklich wichtige Frage ist natürlich: War Grace Kelly blondiert? Was die Hübschigkeit der Schauspieler angeht, so sind die Frauen hübsch, und die Männer sind Männer. In deren Nähe möchte man sich lieber nicht aufhalten – alle sehen unrasiert und ungewaschen aus und haben riesige Schweißflecken unter den Achseln. Warum sie in der Hitze Westen tragen, weiß kein Mensch.
Ansonsten haben wir noch über das Eistauchen gesprochen, über die Filmmusik, die Kameraführung (die berühmte Vogelperspektive, die zeigt, wie allein Will Kane in der Stadt ist) über Volkslieder und über die Frage, warum man dem Staat für nichts sein Leben schenkt.
Do not forsake me, oh my darling (“He made a vow out while in state prison/ Vowed it would be my life or his’n”).

6. Mai 2011
The Grass is Greener
(1960) mit Cary Grant, Robert Mitchum, Deborah Kerr, Jean Simmons.

Keine kleinen Jungs diesmal, kein Quest, sondern ein klassischer Erwachsenen-Film, eine Ehebruchsgeschichte mit Happy End, die zeitweise wirkt, als sei sie mit Zeitraffer gedreht worden. Wir beginnen auf Englisch, aber nach fünf Minuten gebietet Frau L., die den Film ausgewählt und in einer Hauruck-Aktion hat ordern lassen, man möge auf Deutsch umschalten – sie kenne diesen Film nun mal auf Deutsch, und auf Englisch komme ihr alles so komisch vor. Auf Deutsch trägt er den beknackten Titel Vor Hausfreunden wird gewarnt, wo er doch eigentlich Die Kirschen sind süßer oder so ähnlich heißen müsste.
Lustig sind die Szenen, in denen Touristen durch das Schloss geistern, und alle Auftritte des Butlers. Der beste Dialog entspinnt sich, als die Frauen den Schuss gehört haben, in den Salon stürmen und noch nicht wissen, dass gerade ein Duell stattgefunden hat:

Hilary: Was ist denn hier los?
Hattie: Sie tragen alle Brillen!

In der Tat tragen sie alle übertrieben dicke, schwarze 60er-Jahre Hornbrillen, weil sie nicht mehr die Jüngsten sind und sehen wollen, wo sie hinschießen – schließlich dürfen sie einander auf keinen Fall töten oder schwer verletzen.
Hinterher reden wir ziemlich viel über Unterwäsche. Frau L. äußert diese seltsame These: Je emanzipierter eine Frau, desto Schiesser-Feinripp die Unterwäsche. Die ist ganz sicher falsch. Auf die Unterwäsche kommen wir, weil es im ganzen Film nur eine einzige Szene gibt, in der ein Schauspieler nicht ganzkörperbedeckt ist. Auf genau diese Szene spielt die britische Schauspielerin Sophie Ward – sie besitzt ein wunderbares Blog, in das sie gelegentlich auch mal etwas hineinschreibt – mit den folgenden Worten an:

I was thoroughly enjoying reading the script until I got to the stage direction where I take off my coat and stand in my underwear. This only means one thing and regular readers will know it. No more donuts, dammit.

Was die Hübschigkeit der Schauspieler betrifft, ist Frau L.s Meinung ganz eindeutig: Cary Grant ist klassisch schön, Robert Mitchum hingegen grobschlächtig und verschlagen. Der Lieblingskollege schließt sich an, aber mit der eigenwilligen Begründung, das Grübchen in Robert Mitchums Kinn sei zu tief. Kollegin K. und ich finden das alles überhaupt nicht. Über die Frauen redet niemand.
Am nachdrücklichsten im Gedächtnis bleibt vielleicht die Szene, in der Jean Simmons sich in maßlos übertrieben gespielter Müdigkeit in einen Sessel sinken lassen muss. Uaaah.

26. März 2011
Kikujiros Sommer
(1999) mit Takeshi Kitano, Yusuke Sekiguchi, Kayoko Kishimoto.

Kollegin K. pflegt eine seltsame Vorliebe für Filme mit kleinen Jungs in der Hauptrolle, das gibt uns zu denken. Diesmal macht sich ein Achtjähriger auf, seine Mutter zu suchen; zusammen mit dem griesgrämigen Kikujiro fährt er von Tokio aufs Land, ohne Geld, ohne Plan, nur mit einer Adresse im Rucksack. Sie treffen allerlei skurrile Leute, tun seltsame Dinge, erleben Enttäuschungen und freunden sich an. Am Ende kommen sie zurück ins betonierte und menschenleere Tokio.
Frau L. hat sich extra aufrecht hingesetzt und weigert sich, ein Kissen als Rückenlehne zu akzeptieren, aus Angst, wieder einzuschlafen, wie beim letzten Mal. Darüber hinaus ist sie brastig, weil sie am nächsten Tag, einem Sonnabend, beim schriftlichen Abitur Aufsicht führen muss. Am Heiligen Wochenende! Statt über den Film reden wir über solche Sachen. Der Film nämlich lässt uns etwas ratlos zurück. Mit Realismus und Psychologie kommt man ihm nicht bei. Rationale Erklärungen für Verhaltensweisen gibt es nicht. Kollegin G. sieht Parallelen zu Tati, aber Tati ist lustig. Melancholisch und poetisch – hm, dazu ist er dann wieder zu albern. Das böse Wort Langeweile fällt. Jeder Schnitt kommt ein paar Sekunden zu spät, es gibt quälend lange Einstellungen ohne irgendein Geräusch, die Gedanken schweifen ab.
Dass sich die Kritik auch nicht einig ist, ob sie den Film mag oder nicht, sieht man hier sehr schön. Über die Hübschigkeit der Schauspieler reden wir nicht. Sie sind nicht hübsch. Allerdings mag ich, wie Kitanos Auge zuckt. Jemand fragt, was wir aus diesem Film gelernt haben. Dass Japans Landschaft so grün ist und fast aussieht wie hier. Und ich habe gerade eben gelernt, was es mit dem riesigen Tattoo auf Kikujiros Rücken auf sich hat.

18. Februar 2011
Stirb langsam 4.0
(2007) mit Bruce Willis, Justin Long, Timothy Olyphant.

Die Hard also hat der fürsorgliche Kollege für uns Banausen ausgesucht, die wir freiwillig im Kino keinen Actionfilm sehen würden. Dass wir trotzdem immer genau wissen, wie es weitergeht und das Ende schon nach fünf Minuten voraussagen können, ist bestimmt Zufall. Und sicher ist es dem anstrengenden Elternsprechtag geschuldet, den wir am Nachmittag zu absolvieren hatten, dass zwei von uns zwischenzeitlich mal kurz wegnicken. Frau L. verpasst auf diese Weise die zentrale Szene – den Kampf des Mannes gegen das Flugzeug (überflüssig zu erwähnen, dass der Mann gewinnt).
Der Sidekick-Nerd nervt ein bisschen, führt aber praktischerweise in seiner Umhängetasche passende Stecker für jede Gelegenheit mit sich. Klar, dass der am Ende eine Pistole bedienen muss, um zu einem echten Unterhemd-Helden zu werden. Dass die ihre Konflikte aber auch nicht gewaltfrei austragen können. Das Meister-Schüler-Motiv steckt darin, außerdem wieder der alte Herr der Ringe-Quest. Am Bechdel-Test scheitert dieser Film selbstverständlich grandios.
Hübsch ist nicht Bruce Willis, sondern sein böser Gegenspieler – dessen Erscheinung vernebelt Frau L. dermaßen die Sinne, dass sie von seiner Habgier nichts mitbekommt: „Wieso, der will doch nur die Welt verbessern…?“
Was wir nach dem Film reden, ist in einem Elternsprechtags-Müdigkeitsnebel verschwunden, aus dem zwei vereinzelte Felsbrocken herausragen: Erstens Madonna, von Frau L. beharrlich als „das dumme Stück“ tituliert, zweitens Sibirien, und was man dort an Winterabenden ohne Elektrizität täte (Frau L. würde Gedichte aufsagen, ich würde Romanhandlungen nacherzählen, Kollegin G. würde ihre Reisen rekonstruieren…). Und noch spät nachts habe ich mir die Zusammenfassung des Filmabends notiert: Das Böse frisst die Fische roh.
Fragen Sie nicht.

17. September 2010
Die Spielwütigen (2003) mit Prodromos Antoniadis, Constanze Becker, Karina Plachetka, Stephanie Stremler.

Die Hübschigkeit der Schauspieler spielt bei der Auswahl dieses Mal keine Rolle, sondern allein das Genre. Andres Veiel macht spannende Dokumentarfilme, soviel ist mal sicher. Die Großmutter von Karina Plachetka ist aber ziemlich hübsch, wie sie da so im Friseursalon sitzt, frisch frisiert und weise lächelnd. Den Friseursalon allerdings gibt es nicht mehr.
Eigentlich muss man diesen Film drei Mal sehen, das erste Mal so wie er ist, das zweite Mal mit dem Kommentar der vier Beteiligten, das dritte Mal mit dem Kommentar des Regisseurs. Interessant sind die Stellen, an denen die Grenze zwischen Dokumentar- und Spielfilm verschwimmt. Da verpfändet Prod in einem Pfandleihhaus am Kotti seine Gitarre – in Wirklichkeit nie passiert, aber total repräsentativ für seine Situation zu einem bestimmten Zeitpunkt seines Schauspielstudiums. Erlaubt oder absolut verboten für einen Dokumentarfilm?
Uns interessiert natürlich die Unterrichtssituation in der Schauspielschule, weil wir in einer vergleichbaren Position sind. Zwar sind wir kein Eliteinstitut wie die Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin, aber auch wir greifen ein in die Persönlichkeiten junger Menschen. Dürfen wir das überhaupt?
Ein Film über das Erwachsenwerden ist das in Wirklichkeit.

13. August 2010
Witness (Der einzige Zeuge, 1985) mit Kelly McGillis, Harrison Ford, Lukas Haas, Viggo Mortensen.

Ein Mord, ein kleiner Junge als einziger Zeuge, ein beharrlicher Polizist, korrupte Polizeiobere, ein Versteck in einer Amischen Siedlung, eine Beinahe-Liebesgeschichte. „Amish“ wird offensichtlich [ˈɑːmɪʃ] oder [ˈæmɪʃ] ausgesprochen – beides ist im Film zu hören – aber nicht [ˈeɪmɪʃ].
Als Historikerin kann Kollegin K. einwandfrei Auskunft geben über Entstehung, Abspaltung, Verfolgung und Auswanderung der Amish People. Frau L. hört sich das an und kommentiert: „Hätte es die verdammte Reformation nicht gegeben, dann könnte heute nicht jeder Dahergelaufene in einem leerstehenden Warenlager eine Kirche gründen.“ – eine pointierte Zusammenfassung von 500 Jahren Religionsgeschichte, obgleich unklar bleibt, wie sie auf das Warenlager kommt.
Im Abspann ist ein dialect coach erwähnt, denn die Amish sprechen außer Englisch auch Pennsylvania Dutch oder Pennsylvaniadeutsch, ein pfälzisches Deutsch aus dem 18. Jahrhundert, gemischt mit englischen Lehnwörtern, die im dialektalen Text umherschwimmen wie Fliegen in der Suppe. Hier kann man das nachlesen, hier hören. Hach.
Der Film lebt natürlich vom Gegensatz zwischen der befriedeten Amisch-Welt und der bösen Moderne, die in das Idyll eindringt. Wir fragen uns, ob das womöglich ein Werbefilm für eine pazifistische und rückwärts gewandte Lebensweise ist. Ein bisschen vielleicht, denn immerhin wird der Oberschurke am Ende gemeinschaftlich und friedlich überwältigt und nicht vom Kind erschossen, wie jeder versierte Krimigucker getippt hätte. Immerhin wird ein Konflikt zwischen Vater und Tochter zumindest angedeutet. – Von Maiskörnern ermordet zu werden, ist hingegen ziemlich originell.
Große Diskussionen entfacht die Szene, in der sie mit der Pferdekutsche in die Stadt fahren, und hinter ihnen auf der Straße fährt zuerst ein riesenhafter Lastwagen, der nicht überholen kann, und dann eine kilometerlange Autoschlange. Es stellt sich heraus, dass der Lieblingskollege grundsätzlich nur 80 fährt auf der Landstraße, weil ihn das weniger stresst. Ob er nicht in der Fahrschule gelernt habe, dass man, wo man 100 fahren darf, auch 100 fahren soll, um kein Verkehrshindernis zu sein? Habe er, antwortet er mit großer Gelassenheit, aber das kümmere ihn gar nicht. Frau L. echauffiert sich und stellt die aparte These auf, die Heide sei die einzige Gegend in ganz Deutschland, wo man auf der Landstraße noch rasen könne. In der Bodenseeregion, wo sie in den Ferien war, ginge das schon allein wegen der Straßenverhältnisse gar nicht. „Und wo ich rasen kann, da will ich auch rasen!“
Über die Hübschigkeit der Schauspieler zu sprechen, haben wir vergessen. Harrison Ford ist hübsch, Kelly McGillis ist mehr als hübsch und sehr geeignet für die Rolle als besorgte und etwas naive country beauty. Und Viggo Mortensen hat nur eine winzige Nebenrolle, ist aber auch ziemlich hübsch.

16. April 2010
Taran und der Zauberkessel (The Black Cauldron, 1995) von Ted Berman und Richard Rich.

Lloyd Alexander ist ein Auto und ein Autor, von letzterem stammt die Vorlage für den Film, den diesmal Frau L. ausgesucht hat. Frau L. ist die mit den Rätseln, und zunächst haben wir den heimlichen Verdacht, ihre Wahl sei auf diesen Film gefallen, weil er sich auf der einzigen DVD befindet, die sie besitzt. Das stimmt zwar, aber von Willkür kann keine Rede sein, im Gegenteil: Die Vorbereitung ist gründlich, die literarische Vorlage wird mehrfach ausführlich zitiert, und die Diskussion nimmt schwindelerregende Wendungen.
Ein gruseliger Zeichentrickfilm war uns versprochen worden, und siehe da, das stimmt. Wir sehen den Film ausnahmsweise auf Deutsch, wegen des Musikkollegen, der beständig mit seinem schlechten Englisch kokettiert. Als wir hinterher kurz in die Originalversion hineinschauen, merken wir, dass wir etwas verpasst haben – außer bei Gurgi (crunchings and munchings), den man kaum versteht, weil sie die Stimme irgendwie verfremdet haben. Gurgi erinnert uns darüber hinaus an einen Kollegen: freundlich und viele Haare. Außerdem kommt ein Möchtegern-Barde vor, der gerne mal übertreibt – stretching the truth nennt er das, sehr schön verbildlicht anhand seiner Harfe, deren Saiten sich bei zu viel Lügerei dehnen, bis sie reißen. Ein Schwein in Trance haben wir auch noch nie in einem Film gesehen, und wohl kennen wir Schweinehirten, jedoch keine Hilfsschweinehirten, assistent pig keepers.
Alle außer mir sehen sofort die Parallelen zum Herrn der Ringe – ein Auftrag, eine Gruppe Gefährten, eine Reise. Uralte Motive, immer wieder dasselbe. Die Männer bestehen die Prüfungen, die Frauen müssen befreit werden.
Fragen Sie mich nicht nach den genauen Zusammenhängen, aber von hier aus kommen wir, sanft gesteuert durch Frau L., zu allen möglichen anderen Themen: Zuerst zu den Nibelungen und der Frage, warum Siegfried und Brunhilde sich nicht kriegen, obgleich sie doch so offensichtlich füreinander bestimmt sind. Darüber haben wir uns übrigens schon einmal unterhalten.
Dann geht es zu T.H. White, The Once and Future King und der vom Dachs nacherzählten Schöpfungsgeschichte: Nach der ganzen Schöpferei versammelt Gott die neuen Lebewesen, um ihnen mitzuteilen, sie seien jetzt eigentlich fertig, aber jeder habe noch einen Wunsch frei; jemand wünscht sich ein dickeres Fell, jemand anders größere Pfoten und so weiter, und Gott gibt allen diesen Wünschen statt; nur der letzte sagt, er finde sich gut und möchte bleiben, wie er sei, woraufhin Gott sagt: Da hat jemand etwas verstanden. Frau L. erzählt das natürlich viel ausführlicher und schöner und kriegt auch die Pointe besser hin.
Von dort aus gelangen wir zum letzten Kapitel von Tolkiens The Return of the King, und ich kann wieder nicht mitreden. Es heißt The Grey Havens und schildert die Idylle nach, äh, dem, was immer da passiert ist, in sehr poetischen Metaphern:

The fruit was so plentiful that young hobbits very nearly bathed in strawberries and cream; and later they sat on the lawns under the plum-trees and ate, until they had made piles of stones like small pyramids or the heaped skulls of a conqueror, and then they moved on.

Die Metapher mit den Totenschädeln allerdings passt überhaupt nicht in die Idylle und stört Frau L., seit sie das zum ersten Mal las, und wer kann es ihr verdenken. Ich sowieso nicht, ich kann nur hilflos diese Deutung ergoogeln.
Zum Schluss reden wir über den Nibelungen-Film aus den 60er Jahren, in dem Siegfried von dem Hammerwerfer Uwe Beyer verkörpert wird, einem eher nicht so guten Schauspieler; auch kommt in diesem Film ein Drachen vor, der seine traktorbetriebene Künstlichkeit geradezu demonstrativ zur Schau stellt. Ganz zum Schluss reden wir über das Plagiat, übers Sampeln, über Helene Hegemann, und staunen noch kurz über Schüler, die englische Verben steigern können, den Nil in Niedersachsen vermuten und am Plural von Weltall interessiert sind.
Das war ein anspruchsvoller Filmabend. Dabei haben wir doch lediglich einen gruseligen Zeichentrickfilm gesehen. Und die Hübschigkeit der Schauspieler war überhaupt gar kein Thema.

29. Januar 2010
Wer früher stirbt ist länger tot (2006) mit Markus Krojer, Fritz Karl, Jule Ronstedt, Jürgen Tonkel.

Das letzte Treffen war im April letzten Jahres gewesen, danach war offensichtlich kein Termin mehr zu finden, an dem niemand nicht konnte.
Diesmal ist eine Reihe von Gästen anwesend, das Riesensofa ist geradezu überfüllt, zwei müssen auf dem Boden sitzen. Unter den Gästen ist auch jemand, die länger nicht zu Besuch war, weshalb das Gespräch sich um alles Mögliche dreht, aber nur selten um den Film. Außerdem gibt es Zombies, die uns schleichend betäuben, trotz Resteessens vorher. Immerhin bekommen wir mit, dass der Hübschigkeitsfaktor der Schauspieler ziemlich hoch ist.
„Nie nicht sterben“ will der Elfjährige, denn wer früher stirbt, muss länger im Fegefeuer braten. Wir können uns nicht recht einigen, ob die Hauptfigur dumm oder nur naiv ist. Die vielen anwesenden Norddeutschen haben Schwierigkeiten mit dem Bairischen, einer behauptet gar, da sei ja Schwyzerdütsch leichter zu verstehen. Ob die Beerdigungsmusik echte bayerische Volksmusik sei, will jemand wissen, das kann aber niemand beantworten.
Ausgehend von dieser Frage kommen wir auf den Begriff Inzidenzmusik, den die anwesenden Fachleute natürlich hervorragend erklären können. [Übrigens liebe ich ja Meta-Witze über Hintergrundmusik in Filmen: „Could someone please turn down that shrill music? I’m trying to commit mass murder here!“ Mehr Beispiele bei TV Tropes (examples, film).]
Wer wie ich glaubt, der Hauptdarsteller habe den ganzen Film hindurch dasselbe T-Shirt an, kann im Internetz nachlesen, dass es am Anfang hellblau ist und mit jeder weiteren Sünde dunkler wird. Der Physiker legt außerdem Wert auf die Feststellung, dass ein toter Hase nicht explodiert, wenn man versucht, ihn mit einem Stromschlag wiederzubeleben.
Ein sehr schöner Dialog ist dieser hier: „Dadn Sie eventuell mit mir vögeln?“ – „Was?“ – „Also ned oda?“

10. April 2009
Casablanca (1942), mit Humphrey Bogart, Ingrid Bergman, Paul Henreid, Claude Reins.

Die zentralen Sätze aus Casablanca zu zitieren, wäre langweilig. Auch kann man sich kaum noch wundern über die Übersetzungsfehler und die offensichtlichen inhaltlichen Ungereimtheiten: Warum zum Beispiel laufen Victor Laszlo und Ilsa Lund als gehetzte politische Flüchtlinge ständig in makellos blütenweißen Klamotten durch den Film? These der Kollegin: Weil es zu der Zeit keine Filme gab, in denen Männer keine Anzüge trugen. Warum nicht? Das müsste man mal näher untersuchen.
Die Mischung aus Melodrama, politischem Hintergrund und Witz ist immer wieder fesselnd. Dazu die hervorragenden Emigranten-Schauspieler noch in den kleinsten Nebenrollen. Die Deutschen sind noch nicht die fiesen, brutalen Nazis, sie sind einfach nur die Gegner. Ab wann änderte sich das Deutschen-Bild im angelsächsischen Kino?
Dass Ingrid Bergman bis Drehschluss nicht wusste, wer mit ihr ins Flugzeug steigen würde, kann man dem Film ansehen, es gibt ihm eine schwebende Qualität.
Die Filmmusik ist musterhaft ausgedacht, die deutsche Nationalhymne kommt in Moll vor, besonders gut ist natürlich die Szene, in der die Marseillaise die Wacht am Rhein schlägt. Aber: Spielt Dooley Wilson (Sam) eigentlich selbst Klavier? Und was ist mit der Lady, die nicht zu wissen scheint, wie man eine Gitarre bedient?
Bogey, der den ganzen Film über eine auffällig feuchte Unterlippe hat, erhält vom zuständigen Kollegen nur zwei von zehn Punkten auf der Hübschigkeitsskala, wobei der Begriff Hübschigkeit erst einmal definiert werden müsste.
Am Ende Quiz: Was erwidert Rick auf Major Strassers Frage nach seiner Nationalität? Wie lautet Sams Familienname? Wie heißen Ugarte, Berger und Ferrari mit Vornamen? Was ist Capitaine Renaults am wenigsten verwundbare Stelle? In welcher Stadt wollen sich Rick und Renault wiedertreffen?
“What watch?” “Ten watch.” “You’ll get along beautifully in America.”

20. Februar 2009
Hotel New Hampshire (1984), mit Rob Lowe, Jodie Foster, Nastassja Kinski, Beau Bridges.

Irritierend – der Kollege besteht auf diesem Wort – wirkt die Hübschigkeit der Schauspieler, insofern war es ein würdiger Auftaktfilm. Diese Röhrenjeans sind sowas von 80er Jahre.
„Keep passing the open windows“ ist natürlich der zentrale Satz des Films. Umstritten ist, ob John Irving kein richtiger Schluss eingefallen ist, oder ob auch am Ende das grundlegende Kompositionsprinzip gilt: Immer die am wenigsten wahrscheinliche Wendung nehmen.
Unklar ist auch, ob nicht zwischen der Aufforderung, sich nicht aus dem Fenster zu stürzen, und dem Gebot, ein glückliches und zufriedenes Leben zu führen, noch irgendwo ein Zusammenhang fehlt. („Da fehlt doch wo ein Zusammenhang!“)
Der Tod ist ein Motiv, aber gelitten und getrauert wird nur im Rahmen der Liebe. Schön traurig ist auch: „Can I get you anything? – Yesterday and most of today.”
Jeder Mensch sollte einen Bären in seinem Leben haben. Wiener Walzer kann auf Dauer nerven.