Die Hübschigkeit der Schauspieler
Weil es in dem Heideort, in dem wir alle wohnen müssen, kein Kino gibt, haben wir beschlossen, einen Filmclub zu gründen. Die Logistik ist großzügig: Riesensofa, Beamer und große weiße Wand.
Die Regeln sind einfach, und es gibt nur zwei:
1. Reihum zeigt jeder an einem Freitagabend einen Lieblingsfilm, den die anderen anschauen müssen – aufstehen und rauslaufen ist verboten. Das klingt simpel, ist es aber nicht, da die Filmgeschmäcker der Clubmitglieder sehr verschieden sind – alles dabei von Action über Sozialkomik, Science Fiction, Western bis zu 60er-Jahre-Operettenfilmen.
2. Nach dem Film gibt es Diskussion, möglichst gepfeffert.
Wie der Clubname Die Hübschigkeit der Schauspieler zustande kam, daran können wir uns nicht mehr erinnern.
13. August 2010
Witness (Der einzige Zeuge, 1985) mit Kelly McGillis, Harrison Ford, Lukas Haas, Viggo Mortensen.
Ein Mord, ein kleiner Junge als einziger Zeuge, ein beharrlicher Polizist, korrupte Polizeiobere, ein Versteck in einer Amischen Siedlung, eine Beinahe-Liebesgeschichte. „Amish“ wird offensichtlich [ˈɑːmɪʃ] oder [ˈæmɪʃ] ausgesprochen – beides ist im Film zu hören – aber nicht [ˈeɪmɪʃ].
Als Historikerin kann Kollegin K. einwandfrei Auskunft geben über Entstehung, Abspaltung, Verfolgung und Auswanderung der Amish People. Frau L. hört sich das an und kommentiert: „Hätte es die verdammte Reformation nicht gegeben, dann könnte heute nicht jeder Dahergelaufene in einem leerstehenden Warenlager eine Kirche gründen.“ – eine pointierte Zusammenfassung von 500 Jahren Religionsgeschichte, obgleich unklar bleibt, wie sie auf das Warenlager kommt.
Im Abspann ist ein dialect coach erwähnt, denn die Amish sprechen außer Englisch auch Pennsylvania Dutch oder Pennsylvaniadeutsch, ein pfälzisches Deutsch aus dem 18. Jahrhundert, gemischt mit englischen Lehnwörtern, die im dialektalen Text umherschwimmen wie Fliegen in der Suppe. Hier kann man das nachlesen, hier hören. Hach.
Der Film lebt natürlich vom Gegensatz zwischen der befriedeten Amisch-Welt und der bösen Moderne, die in das Idyll eindringt. Wir fragen uns, ob das womöglich ein Werbefilm für eine pazifistische und rückwärts gewandte Lebensweise ist. Ein bisschen vielleicht, denn immerhin wird der Oberschurke am Ende gemeinschaftlich und friedlich überwältigt und nicht vom Kind erschossen, wie jeder versierte Krimigucker getippt hätte. Immerhin wird ein Konflikt zwischen Vater und Tochter zumindest angedeutet. – Von Maiskörnern ermordet zu werden, ist hingegen ziemlich originell.
Große Diskussionen entfacht die Szene, in der sie mit der Pferdekutsche in die Stadt fahren, und hinter ihnen auf der Straße fährt zuerst ein riesenhafter Lastwagen, der nicht überholen kann, und dann eine kilometerlange Autoschlange. Es stellt sich heraus, dass der Lieblingskollege grundsätzlich nur 80 fährt auf der Landstraße, weil ihn das weniger stresst. Ob er nicht in der Fahrschule gelernt habe, dass man, wo man 100 fahren darf, auch 100 fahren soll, um kein Verkehrshindernis zu sein? Habe er, antwortet er mit großer Gelassenheit, aber das kümmere ihn gar nicht. Frau L. echauffiert sich und stellt die aparte These auf, die Heide sei die einzige Gegend in ganz Deutschland, wo man auf der Landstraße noch rasen könne. In der Bodenseeregion, wo sie in den Ferien war, ginge das schon allein wegen der Straßenverhältnisse gar nicht. „Und wo ich rasen kann, da will ich auch rasen!“
Über die Hübschigkeit der Schauspieler zu sprechen, haben wir vergessen. Harrison Ford ist hübsch, Kelly McGillis ist mehr als hübsch und sehr geeignet für die Rolle als besorgte und etwas naive country beauty. Und Viggo Mortensen hat nur eine winzige Nebenrolle, ist aber auch ziemlich hübsch.
16. April 2010
Taran und der Zauberkessel (The Black Cauldron, 1995) von Ted Berman und Richard Rich.
Lloyd Alexander ist ein Auto und ein Autor, von letzterem stammt die Vorlage für den Film, den diesmal Frau L. ausgesucht hat. Frau L. ist die mit den Rätseln, und zunächst haben wir den heimlichen Verdacht, ihre Wahl sei auf diesen Film gefallen, weil er sich auf der einzigen DVD befindet, die sie besitzt. Das stimmt zwar, aber von Willkür kann keine Rede sein, im Gegenteil: Die Vorbereitung ist gründlich, die literarische Vorlage wird mehrfach ausführlich zitiert, und die Diskussion nimmt schwindelerregende Wendungen.
Ein gruseliger Zeichentrickfilm war uns versprochen worden, und siehe da, das stimmt. Wir sehen den Film ausnahmsweise auf Deutsch, wegen des Musikkollegen, der beständig mit seinem schlechten Englisch kokettiert. Als
wir hinterher kurz in die Originalversion hineinschauen, merken wir, dass wir etwas verpasst haben – außer bei Gurgi (crunchings and munchings), den man kaum versteht, weil sie die Stimme irgendwie verfremdet haben. Gurgi erinnert uns darüber hinaus an einen Kollegen: freundlich und viele Haare. Außerdem kommt ein Möchtegern-Barde vor, der gerne mal übertreibt – stretching the truth nennt er das, sehr schön verbildlicht anhand seiner Harfe, deren Saiten sich bei zu viel Lügerei dehnen, bis sie reißen. Ein Schwein in Trance haben wir auch noch nie in einem Film gesehen, und wohl kennen wir Schweinehirten, jedoch keine Hilfsschweinehirten, assistent pig keepers.
Alle außer mir sehen sofort die Parallelen zum Herrn der Ringe – ein Auftrag, eine Gruppe Gefährten, eine Reise. Uralte Motive, immer wieder dasselbe. Die Männer bestehen die Prüfungen, die Frauen müssen befreit werden.
Fragen Sie mich nicht nach den genauen Zusammenhängen, aber von hier aus kommen wir, sanft gesteuert durch Frau L., zu allen möglichen anderen Themen: Zuerst zu den Nibelungen und der Frage, warum Siegfried und Brunhilde sich nicht kriegen, obgleich sie doch so offensichtlich füreinander bestimmt sind. Darüber haben wir uns übrigens schon einmal unterhalten.
Dann geht es zu T.H. White, The Once and Future King und der vom Dachs nacherzählten Schöpfungsgeschichte: Nach der ganzen Schöpferei versammelt Gott die neuen Lebewesen, um ihnen mitzuteilen, sie seien jetzt eigentlich fertig, aber jeder habe noch einen Wunsch frei; jemand wünscht sich ein dickeres Fell, jemand anders größere Pfoten und so weiter, und Gott gibt allen diesen Wünschen statt; nur der letzte sagt, er finde sich gut und möchte bleiben, wie er sei, woraufhin Gott sagt: Da hat jemand etwas verstanden. Frau L. erzählt das natürlich viel ausführlicher und schöner und kriegt auch die Pointe besser hin.
Von dort aus gelangen wir zum letzten Kapitel von Tolkiens The Return of the King, und ich kann wieder nicht mitreden. Es heißt The Grey Havens und schildert die Idylle nach, äh, dem, was immer da passiert ist, in sehr poetischen Metaphern:
The fruit was so plentiful that young hobbits very nearly bathed in strawberries and cream; and later they sat on the lawns under the plum-trees and ate, until they had made piles of stones like small pyramids or the heaped skulls of a conqueror, and then they moved on.
Die Metapher mit den Totenschädeln allerdings passt überhaupt nicht in die Idylle und stört Frau L., seit sie das zum ersten Mal las, und wer kann es ihr verdenken. Ich sowieso nicht, ich kann nur hilflos diese Deutung ergoogeln.
Zum Schluss reden wir über den Nibelungen-Film aus den 60er Jahren, in dem Siegfried von dem Hammerwerfer Uwe Beyer verkörpert wird, einem eher nicht so guten Schauspieler; auch kommt in diesem Film ein Drachen vor, der seine traktorbetriebene Künstlichkeit geradezu demonstrativ zur Schau stellt. Ganz zum Schluss reden wir über das Plagiat, übers Sampeln, über Helene Hegemann, und staunen noch kurz über Schüler, die englische Verben steigern können, den Nil in Niedersachsen vermuten und am Plural von Weltall interessiert sind.
Das war ein anspruchsvoller Filmabend. Dabei haben wir doch lediglich einen gruseligen Zeichentrickfilm gesehen. Und die Hübschigkeit der Schauspieler war überhaupt gar kein Thema.
29. Januar 2010
Wer früher stirbt ist länger tot (2006) mit Markus Krojer, Fritz Karl, Jule Ronstedt, Jürgen Tonkel.
Das letzte Treffen war im April letzten Jahres gewesen, danach war offensichtlich kein Termin mehr zu finden, an dem niemand nicht konnte.
Diesmal ist eine Reihe von Gästen anwesend, das Riesensofa ist geradezu überfüllt, zwei müssen auf dem Boden sitzen. Unter den Gästen ist auch jemand, die länger nicht zu Besuch war, weshalb das Gespräch sich um alles Mögliche dreht, aber nur selten um den Film. Außerdem gibt es Zombies, die uns schleichend betäuben, trotz Resteessens vorher. Immerhin bekommen wir mit, dass der Hübschigkeitsfaktor der Schauspieler ziemlich hoch ist.
„Nie nicht sterben“ will der Elfjährige, denn wer früher stirbt, muss länger im Fegefeuer braten. Wir können uns nicht recht einigen, ob die Hauptfigur dumm oder nur naiv ist. Die vielen anwesenden Norddeutschen haben Schwierigkeiten mit dem Bairischen, einer behauptet gar, da sei ja Schwyzerdütsch leichter zu verstehen. Ob die Beerdigungsmusik echte bayerische Volksmusik sei, will jemand wissen, das kann aber niemand beantworten.
Ausgehend von dieser Frage kommen wir auf den Begriff Inzidenzmusik, den die anwesenden Fachleute natürlich hervorragend erklären können. [Übrigens liebe ich ja Meta-Witze über Hintergrundmusik in Filmen: „Could someone please turn down that shrill music? I’m trying to commit mass murder here!“ Mehr Beispiele bei TV Tropes (examples, film).]
Wer wie ich glaubt, der Hauptdarsteller habe den ganzen Film hindurch dasselbe T-Shirt an, kann im Internetz nachlesen, dass es am Anfang hellblau ist und mit jeder weiteren Sünde dunkler wird. Der Physiker legt außerdem Wert auf die Feststellung, dass ein toter Hase nicht explodiert, wenn man versucht, ihn mit einem Stromschlag wiederzubeleben.
Ein sehr schöner Dialog ist dieser hier: „Dadn Sie eventuell mit mir vögeln?“ – „Was?“ – „Also ned oda?“
10. April 2009
Casablanca (1942), mit Humphrey Bogart, Ingrid Bergman, Paul Henreid, Claude Reins.
Die zentralen Sätze aus Casablanca zu zitieren, wäre langweilig. Auch kann man sich kaum noch wundern über die Übersetzungsfehler und die offensichtlichen inhaltlichen Ungereimtheiten: Warum zum Beispiel laufen Victor Laszlo und Ilsa Lund als gehetzte politische Flüchtlinge ständig in makellos blütenweißen Klamotten durch den Film? These der Kollegin: Weil es zu der Zeit keine Filme gab, in denen Männer keine Anzüge trugen. Warum nicht? Das müsste man mal näher untersuchen.
Die Mischung aus Melodrama, politischem Hintergrund und Witz ist immer wieder fesselnd. Dazu die hervorragenden Emigranten-Schauspieler noch in den kleinsten Nebenrollen. Die Deutschen sind noch nicht die fiesen, brutalen Nazis, sie sind einfach nur die Gegner. Ab wann änderte sich das Deutschen-Bild im angelsächsischen Kino?
Dass Ingrid Bergman bis Drehschluss nicht wusste, wer mit ihr ins Flugzeug steigen würde, kann man dem Film ansehen, es gibt ihm eine schwebende Qualität.
Die Filmmusik ist musterhaft ausgedacht, die deutsche Nationalhymne kommt in Moll vor, besonders gut ist natürlich die Szene, in der die Marseillaise die Wacht am Rhein schlägt. Aber: Spielt Dooley Wilson (Sam) eigentlich selbst Klavier? Und was ist mit der Lady, die nicht zu wissen scheint, wie man eine Gitarre bedient?
Bogey, der den ganzen Film über eine auffällig feuchte Unterlippe hat, erhält vom zuständigen Kollegen nur zwei von zehn Punkten auf der Hübschigkeitsskala, wobei der Begriff Hübschigkeit erst einmal definiert werden müsste.
Am Ende Quiz: Was erwidert Rick auf Major Strassers Frage nach seiner Nationalität? Wie lautet Sams Familienname? Wie heißen Ugarte, Berger und Ferrari mit Vornamen? Was ist Capitaine Renaults am wenigsten verwundbare Stelle? In welcher Stadt wollen sich Rick und Renault wiedertreffen?
“What watch?” “Ten watch.” “You’ll get along beautifully in America.”
20. Februar 2009
Hotel New Hampshire (1984), mit Rob Lowe, Jodie Foster, Nastassja Kinski, Beau Bridges.
Irritierend – der Kollege besteht auf diesem Wort – wirkt die Hübschigkeit der Schauspieler, insofern war es ein würdiger Auftaktfilm. Diese Röhrenjeans sind sowas von 80er Jahre.
„Keep passing the open windows“ ist natürlich der zentrale Satz des Films. Umstritten ist, ob John Irving kein richtiger Schluss eingefallen ist, oder ob auch am Ende das grundlegende Kompositionsprinzip gilt: Immer die am wenigsten wahrscheinliche Wendung nehmen.
Unklar ist auch, ob nicht zwischen der Aufforderung, sich nicht aus dem Fenster zu stürzen, und dem Gebot, ein glückliches und zufriedenes Leben zu führen, noch irgendwo ein Zusammenhang fehlt. („Da fehlt doch wo ein Zusammenhang!“)
Der Tod ist ein Motiv, aber gelitten und getrauert wird nur im Rahmen der Liebe. Schön traurig ist auch: „Can I get you anything? – Yesterday and most of today.”
Jeder Mensch sollte einen Bären in seinem Leben haben. Wiener Walzer kann auf Dauer nerven.