Die Hübschigkeit der Schauspieler

Weil es in dem Heideort, in dem wir alle wohnen müssen, kein Kino gibt, haben wir beschlossen, einen Filmclub zu gründen. Die Logistik ist großzügig: Riesensofa, Beamer und große weiße Wand.
Die Regeln sind einfach, und es gibt nur zwei:
1. Reihum zeigt jeder an einem Freitagabend einen Lieblingsfilm, den die anderen anschauen müssen – aufstehen und rauslaufen ist verboten. Das klingt simpel, ist es aber nicht, da die Filmgeschmäcker der Clubmitglieder sehr verschieden sind – alles dabei von Action über Sozialkomik, Science Fiction, Western bis zu 60er-Jahre-Operettenfilmen.
2. Nach dem Film gibt es Diskussion, möglichst gepfeffert.
Wie der Clubname Die Hübschigkeit der Schauspieler zustande kam, daran können wir uns nicht mehr erinnern.

29. Januar 2010
Wer früher stirbt ist länger tot (2006) mit Markus Krojer, Fritz Karl, Jule Ronstedt, Jürgen Tonkel.

Das letzte Treffen war im April letzten Jahres gewesen, danach war offensichtlich kein Termin mehr zu finden, an dem niemand nicht konnte.
Diesmal ist eine Reihe von Gästen anwesend, das Riesensofa ist geradezu überfüllt, zwei müssen auf dem Boden sitzen. Unter den Gästen ist auch jemand, die länger nicht zu Besuch war, weshalb das Gespräch sich um alles Mögliche dreht, aber nur selten um den Film. Außerdem gibt es Zombies, die uns schleichend betäuben, trotz Resteessens vorher. Immerhin bekommen wir mit, dass der Hübschigkeitsfaktor der Schauspieler ziemlich hoch ist.
„Nie nicht sterben“ will der Elfjährige, denn wer früher stirbt, muss länger im Fegefeuer braten. Wir können uns nicht recht einigen, ob die Hauptfigur dumm oder nur naiv ist. Die vielen anwesenden Norddeutschen haben Schwierigkeiten mit dem Bairischen, einer behauptet gar, da sei ja Schwyzerdütsch leichter zu verstehen. Ob die Beerdigungsmusik echte bayerische Volksmusik sei, will jemand wissen, das kann aber niemand beantworten.
Ausgehend von dieser Frage kommen wir auf den Begriff Inzidenzmusik, den die anwesenden Fachleute natürlich hervorragend erklären können. [Übrigens liebe ich ja Meta-Witze über Hintergrundmusik in Filmen: „Could someone please turn down that shrill music? I’m trying to commit mass murder here!“ Mehr Beispiele bei TV Tropes (examples, film).]
Wer wie ich glaubt, der Hauptdarsteller habe den ganzen Film hindurch dasselbe T-Shirt an, kann im Internetz nachlesen, dass es am Anfang hellblau ist und mit jeder weiteren Sünde dunkler wird. Der Physiker legt außerdem Wert auf die Feststellung, dass ein toter Hase nicht explodiert, wenn man versucht, ihn mit einem Stromschlag wiederzubeleben.
Ein sehr schöner Dialog ist dieser hier: „Dadn Sie eventuell mit mir vögeln?“ – „Was?“ – „Also ned oda?“

10. April 2009
Casablanca (1942), mit Humphrey Bogart, Ingrid Bergman, Paul Henreid, Claude Reins.

Die zentralen Sätze aus Casablanca zu zitieren, wäre langweilig. Auch kann man sich kaum noch wundern über die Übersetzungsfehler und die offensichtlichen inhaltlichen Ungereimtheiten: Warum zum Beispiel laufen Victor Laszlo und Ilsa Lund als gehetzte politische Flüchtlinge ständig in makellos blütenweißen Klamotten durch den Film? These der Kollegin: Weil es zu der Zeit keine Filme gab, in denen Männer keine Anzüge trugen. Warum nicht? Das müsste man mal näher untersuchen.
Die Mischung aus Melodrama, politischem Hintergrund und Witz ist immer wieder fesselnd. Dazu die hervorragenden Emigranten-Schauspieler noch in den kleinsten Nebenrollen. Die Deutschen sind noch nicht die fiesen, brutalen Nazis, sie sind einfach nur die Gegner. Ab wann änderte sich das Deutschen-Bild im angelsächsischen Kino?
Dass Ingrid Bergman bis Drehschluss nicht wusste, wer mit ihr ins Flugzeug steigen würde, kann man dem Film ansehen, es gibt ihm eine schwebende Qualität.
Die Filmmusik ist musterhaft ausgedacht, die deutsche Nationalhymne kommt in Moll vor, besonders gut ist natürlich die Szene, in der die Marseillaise die Wacht am Rhein schlägt. Aber: Spielt Dooley Wilson (Sam) eigentlich selbst Klavier? Und was ist mit der Lady, die nicht zu wissen scheint, wie man eine Gitarre bedient?
Bogey, der den ganzen Film über eine auffällig feuchte Unterlippe hat, erhält vom zuständigen Kollegen nur zwei von zehn Punkten auf der Hübschigkeitsskala, wobei der Begriff Hübschigkeit erst einmal definiert werden müsste.
Am Ende Quiz: Was erwidert Rick auf Major Strassers Frage nach seiner Nationalität? Wie lautet Sams Familienname? Wie heißen Ugarte, Berger und Ferrari mit Vornamen? Was ist Capitaine Renaults am wenigsten verwundbare Stelle? In welcher Stadt wollen sich Rick und Renault wiedertreffen?
“What watch?” “Ten watch.” “You’ll get along beautifully in America.”

20. Februar 2009
Hotel New Hampshire (1984), mit Rob Lowe, Jodie Foster, Nastassja Kinski, Beau Bridges.

Irritierend – der Kollege besteht auf diesem Wort – wirkt die Hübschigkeit der Schauspieler, insofern war es ein würdiger Auftaktfilm. Diese Röhrenjeans sind sowas von 80er Jahre.
„Keep passing the open windows“ ist natürlich der zentrale Satz des Films. Umstritten ist, ob John Irving kein richtiger Schluss eingefallen ist, oder ob auch am Ende das grundlegende Kompositionsprinzip gilt: Immer die am wenigsten wahrscheinliche Wendung nehmen.
Unklar ist auch, ob nicht zwischen der Aufforderung, sich nicht aus dem Fenster zu stürzen, und dem Gebot, ein glückliches und zufriedenes Leben zu führen, noch irgendwo ein Zusammenhang fehlt. („Da fehlt doch wo ein Zusammenhang!“)
Der Tod ist ein Motiv, aber gelitten und getrauert wird nur im Rahmen der Liebe. Schön traurig ist auch: „Can I get you anything? – Yesterday and most of today.”
Jeder Mensch sollte einen Bären in seinem Leben haben. Wiener Walzer kann auf Dauer nerven.