Die Mühen der Ebene (12. Dezember)

Gleich zu Beginn der Englischstunde in der 9. Klasse meldet sich jemand und erkundigt sich höflich, ob wir fünf Minuten früher Schluss machen könnten, sie würden in der nächsten Stunde Mathe schreiben und seien alle so aufgeregt. Na klar, sage ich und meine das ironisch, frage mich aber nicht zum ersten Mal, was das eigentlich ist mit Mathe. Schon oft habe ich Klassen betreten, die gerade eine Mathearbeit geschrieben oder zurückbekommen hatten, in denen sich Szenen der Massenhysterie abspielten, inklusive kollektiven Heulens und absoluter Unempfänglichkeit für anderen Unterricht. Das will ich auch mal! Noch nie hat jemand während eines Diktats geheult!
Tatsächlich sind die Neuntklässler in der Englischstunde nicht recht zu gebrauchen, und ich bin froh, dass ich eine lockere Stunde mit ein bisschen Grammatik-Wiederholung und einer Mediation-Aufgabe geplant habe. Mediation ist Übersetzung, aber nur sinngemäß, und immer schön in einen lebensweltlichen Kontext eingebettet. Der total realistische Kontext in dieser Aufgabe aus dem Schulbuch lautet:

You are visiting your English exchange partner and have brought the family a present. You know that the whole family is very interested in fitness, so you have chosen a special kind of scales that weigh and compare your body fat to the water in your body. The instructions are only in German.

Es folgt eine detaillierte Bedienungsanleitung auf Deutsch („Zeigt die Waage 0.0 zusammen mit dem passenden Geschlechtssymbol an, Waage betreten. Gewicht wird angezeigt. Bitte ruhig stehen bleiben bis zum Ende der Analyse“) plus Fragen, die die Gastfamilie an die Waage hat: Can more than one person put their information into the scales? Diese Fragen sollen die Schüler beantworten, auf Englisch natürlich, aber unter Zuhilfenahme der deutschen Bedienungsanleitung.
Schon bald werde ich in erbittert geführte Diskussionen verwickelt: Bedienungsanleitungen sind doch nie nur auf Deutsch, oder? Es ist doch total blöd, so ein Geschenk auszusuchen, wenn man genau weiß, dass man noch richtig viel erklären muss, noch dazu auf Englisch! Man liest Bedienungsanleitungen sowieso nie, sondern probiert das einfach mal aus, und irgendwann hat man es raus. Und was heißt Geschlecht auf Englisch, und was ist der Unterschied zwischen sex und gender?
Über solche Fragen diskutieren wir ein bisschen, und dann ist es Zeit für die Mathearbeit.

Die Mühen der Ebene (11. Dezember)

Heute steckte ich in so einem blöden Beamtendilemma fest: Donnerstags in der zweiten großen Pause habe ich Pausenaufsicht auf einem unserer beiden Schulhöfe; in der Stunde danach war ich dann eingeteilt zur Klausuraufsicht im Kurs einer Kollegin, die ich ablösen musste, weil der Kurs drei Stunden lang schrieb. Am gerechtesten ist es, wenn diese Ablösung in der Mitte der Pause stattfindet, damit beide gleich viel von ihr haben. Ich hatte ja aber Aufsicht bis zum Ende der Pause. Was also tun, die Kollegin um ihre Pause bringen oder meine Aufsichtspflicht verletzen?
Ich sach jetzt mal nicht, wie ich das entschieden habe.
Und heute hat es fast ununterbrochen geregnet, das wollen wir doch mal festhalten.

Die Mühen der Ebene (10. Dezember)

Ich habe nie Latein gelernt. Ein Wunder bei meinen Fächern, aber die geschickte Wahl der Studienorte machte es möglich. Ich kann ganz gut Französisch (sieben Jahre Schulfranzösisch plus etliche Frankreich-Urlaube), aber es liegt mir nicht, ich mag es nicht – weder die Sprache an sich noch die Denkungsart, die dahinter steckt. Ich finde ja ohnehin: Entweder Englisch oder Französisch, beides geht nicht. Und da bin ich nun eindeutig auf der englischen Seite.
In Französisch war ich immer gut, und es machte mir auch Spaß, aber Latein hätte mir erheblich mehr Spaß gemacht, glaube ich; die Logik der Grammatik, die Angemessenheit der Übersetzung, das Herumpuzzeln mit der Sprache – das wäre genau mein Ding gewesen. Auf meine Vorwürfe (eher scherzhaft, denn wer will schon beurteilen, ob ein zwölfjähriges Kind eher Französisch oder eher Latein lernen können wird, vor allem, wenn es mathematisch-logisch eher nicht so interessiert ist), antwortet meine Mutter immer: Du konntest nie stur Sachen einfach auswendig lernen, du brauchtest immer einen Zusammenhang. Nun gut, sage ich dann stets, aber in Französisch musste ich auch stur Vokabeln auswendig lernen.
Wie dem auch sei – ich finde Latein einfach großartig. Die Kollegin mit T gibt mir öfter mal ihre Klassenarbeiten und Klausuren zum Übersetzen. In Klasse 6, erstes Lernjahr, habe ich schon einmal ohne Wörterbuch eine zwei geschrieben. In einer mündlichen Abiturprüfung war ich mit Wörterbuch besser als einer der Prüflinge (na gut, er war ziemlich schlecht). Gestern hatte ich Aufsicht in einer ihrer Klausuren im Jahrgang 12, da habe ich ohne Wörterbuch völlig versagt; ich konnte quasi nur einzelne Wörter raten. Und jetzt liegt hier vor mir eine Arbeit für Klasse 10, für die ich alle Zeit der Welt habe und natürlich ein Wörterbuch – da packt mich doch glatt der Ehrgeiz…

Die Mühen der Ebene (9. Dezember)

Gestern hatte jemand den Altpapiercontainer auf dem Schulhof spektakulär angezündet, immerhin so, dass die Feuerwehr kommen musste, und heute war es – egal ob in Klasse 6 oder Klasse 9 – ein beliebtes Ablenkungsmanöver zu fragen, ob man nicht den Tatort besichtigen könne. Mitten im Unterricht natürlich, dabei steht der in jeder Pause der Besichtigung offen.
Die Sechstklässler (meine Klasse; die war zur fraglichen Zeit in der Turnhalle beschäftigt und hatte zu ihrem Leidwesen von der ganzen Aufregung gar nichts mitbekommen) besichtigten in der Fünf-Minuten-Pause der Doppelstunde den Container sehr gewissenhaft, stellten Beweismaterial sicher (der Täter hatte die Tüte mit den Silvesterböllerverpackungen einfach ins Gebüsch geschmissen – „Ey, und jetzt sind da deine Fingerabdrücke drauf, denk doch mal nach, was das bedeutet!“) und stanken hinterher so, dass alle Fenster geöffnet werden mussten.
Die Neuntklässler machten sich einen Spaß draus und schritten scheinbar ernsthaft zum Container, kamen dann aber rennend zurück, und diejenigen, denen es vorher mit der Besichtigung am dringlichsten gewesen war, schrien am lautesten: Boah, stinkt der!
Der Täter ist schulweit bekannt, er hatte wohl auch mit seiner Tat angegeben.

Die Mühen der Ebene (8. Dezember)

Heute hat mir eine E-Mail gute Laune bereitet. Sie kam von einem Juristen, dem Leiter des Rechtsamts einer deutschen Großstadt, der nebenbei freiwilliges und nicht-germanistisches Mitglied der Uwe-Johnson-Gemeinde ist. Ich habe ihn, als ich an meiner Doktorarbeit schrieb, auf diversen Tagungen und Symposien getroffen und mich oft mit ihm unterhalten. Er war Besitzer einer mühselig erarbeiteten Liste aller in den Jahrestagen vorkommenden Ortsnamen, die ich gut gebrauchen konnte, und die er mir umstandslos überließ. Dafür erscheint er auch in der Danksagung meiner Arbeit.
Ich bezeichne ihn immer scherzhaft als meinen einzigen Leser, weil er mein Buch tatsächlich aus freien Stücken, nur aus Interesse, von vorn bis hinten durchgelesen hat. Er hat es sogar mit Anmerkungen versehen und mir eine detaillierte Rückmeldung gemailt. Wegen der erwähnten Liste war das auch so ein bisschen sein Baby, und er war sehr stolz darauf.
Das letzte Mal hatten wir 2008 Kontakt, da wollte er wissen, was ich als Doctrix so treibe. Heute schrieb er nun, um mir mitzuteilen, dass die soeben erschienene neueste Dissertation über Uwe Johnson meine Arbeit häufig und zustimmend zitiere (er nennt das „mit Sinn und Verstand zur Kenntnis nehmen“), und dass er sich darüber freue. Darüber freute ich mich nun wiederum, obgleich ich der Wissenschaft gänzlich abhanden gekommen bin – ich lese jedes Jahr das Johnson-Jahrbuch, und das wars.
Germanistische Dissertationen lesen – schickes Hobby.

Die Mühen der Ebene (7. Dezember)

Kollegin G. hatte heute zum 2.-Advent-Chili-con-carne-Essen zu sich eingeladen. Offizielle Begründung: Sie habe keine Lust, vier Mal davon zu essen, sondern sei froh, wenn alles auf einmal aufgegessen werde. Sie kocht das nämlich nach dem Kochbuch „Blitzgerichte“, wenn ich das richtig behalten habe, in nur 16 Minuten, kann aber offenbar nur eine einzige Menge davon herstellen (eine größere).
Ähnlich wie ich hat auch Kollegin G. ein schwieriges Verhältnis zum Kochen, stellt dabei aber, anders als ich, ihr Licht immer ein bisschen unter den Scheffel. Ihr Bohneneintopf zum Beispiel ist legendär, und ich habe bei ihr auch schon sehr guten Spargel gegessen.
Mit ein paar Kollegen haben wir die Angewohnheit, jeden Freitag nach Schulschluss gemeinsam essen zu gehen, um die Arbeitswoche Revue passieren zu lassen und das Wochenende einzuläuten. Weil hier im Ort das große Restaurantsterben herrscht (das große Geschäftesterben allgemein; es steht unglaublich viel Ladenfläche leer), gibt es im Moment nur noch den Chinesen, den man aber aus Gründen nicht jede Woche erträgt, und ein weiteres Restaurant, das früher mal unser Stammlokal war, bis wir es wegen Unfähigkeit der Angestellten nicht mehr aufsuchen konnten. Natürlich könnte man in irgendwelche Nachbardörfer fahren, aber das ist umständlich.
Und weil Kollegin G. Ende Januar pensioniert wird, versuchen wir sie schon seit Monaten zu überreden, unseren Freitagsmittagstisch zu übernehmen: Wir würden sie weiterhin regelmäßig sehen, könnten von ihr die neuesten Neuigkeiten aus der Schule erfahren (alte Regel: die Pensionäre wissen immer mehr über uns als wir selbst), würden gediegen essen und natürlich auch dafür bezahlen. Inzwischen steht sie der Idee halbwegs aufgeschlossen gegenüber.
Ein bisschen Überredung braucht es allerdings noch, und weil ich weiß, dass sie hier mitliest, muss ich jetzt noch mal das heutige Chili loben – es war tatsächlich köstlich, wir haben alles aufgegessen, und außerdem gab es Salat und Nachtisch und Kaffee und gute Unterhaltung.

Das mit dem 2. Advent und dem Chili ist eine so absurde Kombination, das sollte man, finde ich, für künftige Jahre als Tradition bewahren.

Die Mühen der Ebene (6. Dezember)

Dies ist ein Weihnachtsstock. Man kann ihn nicht anders nennen. Er ist ungefähr 15 cm hoch, vier Finger dick und etwas ungelenk bemalt, z.B. ist der Bart ein bisschen verrutscht. Die Freundlichkeit des Weihnachtsmanns ist aber gut erkennbar. Der Weihnachtsstock ist mir vor Jahren einmal von einer Fünftklässlerin geschenkt worden und seitdem bildet er die Weihnachtsdekoration in diesem Hause. Traditionell wird er nicht am 1. Dezember und nicht am 1. Advent aufgestellt, sondern am Nikolaustag. Man muss nicht mühsam auf Dachböden klettern oder in finstere Keller hinabsteigen, um ihn hervorzuholen, sondern man greift einfach in die Schublade, in der er den Sommer verbringt. Da steht er dann, der Weihnachtsstock, und andere Weihnachtsdekoration kommt mir nicht ins Haus. Und ich habe am 6. Dezember Namenstag, übrigens, aber den feiere ich auch nicht.