Die Mühen der Ebene (16. Dezember)

Deutsch, Klasse 6: Den Vorlesewettbewerb haben wir hinter uns, die zweite Klassenarbeit, das Diktat, auch, was machen wir in den verbleibenden drei Stunden bis zu den Weihnachtsferien? Wir beschäftigen uns mit dem Zauberlehrling. Den sollen sie in den Ferien auswendig lernen, und vorher muss geklärt sein, worum es geht und was den Zauberlehrling gefühlsmäßig umtreibt, denn das Lernziel ist ein angemessener Gedichtvortrag.
Immer wieder faszinierend, wie diese Ballade, über 200 Jahre alt, heutige geerdete Zwölfjährige in ihren Bann zu schlagen vermag. Natürlich gibt es ein paar Verständnisschwierigkeiten („verrucht“, „Ausgeburt der Hölle“), aber der Lauf der Handlung und die Lehre, die dieses Gedicht vermittelt, sind ihnen trotz Goethescher Sprache ganz und gar klar: „Wenn du es nicht bringst“, schreibt eine Schülerin in etwas anderer Rechtschreibung, „lass es.“
Sie sind sehr bei der Sache, sie gucken genau in den Text, und sie können sich ziemlich gut in den Zauberlehrling hineinversetzen. Das macht mir auch Spaß. Dass ihnen dieses Programm blüht, wissen sie noch nicht.

Die Mühen der Ebene (15. Dezember)

Am Abend traditionelles Kollegiums-Grünkohlessen, mit Glühweinerhitzen in der Lehrerzimmerküche, Wanderung mit Bollerwagen und Glühwein durch den dunklen, matschigen Wald ins Nachbardorf, mit trefflicher Personalratsrede über die Atmosphäre im Kollegium, die mit der Tatsache zusammenhängt, dass viele Leute Dinge tun, die ihnen nicht unmittelbar etwas nützen, und mit Bregenwurst. Hach.

Die Mühen der Ebene (14. Dezember)

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Die Mühen der Ebene (13. Dezember)

So ein schönes Papier. Zwiebeln und Mais gab’s nicht (oder der Strich beim Mais ist verrutscht). Das sind die Leute, die mit Kugelschreiber in der Hand einkaufen gehen.

Frühere Folgen: 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10, 11, 12, 13, 14, 15, 16, 17, 18

Die Mühen der Ebene (12. Dezember)

Gleich zu Beginn der Englischstunde in der 9. Klasse meldet sich jemand und erkundigt sich höflich, ob wir fünf Minuten früher Schluss machen könnten, sie würden in der nächsten Stunde Mathe schreiben und seien alle so aufgeregt. Na klar, sage ich und meine das ironisch, frage mich aber nicht zum ersten Mal, was das eigentlich ist mit Mathe. Schon oft habe ich Klassen betreten, die gerade eine Mathearbeit geschrieben oder zurückbekommen hatten, in denen sich Szenen der Massenhysterie abspielten, inklusive kollektiven Heulens und absoluter Unempfänglichkeit für anderen Unterricht. Das will ich auch mal! Noch nie hat jemand während eines Diktats geheult!
Tatsächlich sind die Neuntklässler in der Englischstunde nicht recht zu gebrauchen, und ich bin froh, dass ich eine lockere Stunde mit ein bisschen Grammatik-Wiederholung und einer Mediation-Aufgabe geplant habe. Mediation ist Übersetzung, aber nur sinngemäß, und immer schön in einen lebensweltlichen Kontext eingebettet. Der total realistische Kontext in dieser Aufgabe aus dem Schulbuch lautet:

You are visiting your English exchange partner and have brought the family a present. You know that the whole family is very interested in fitness, so you have chosen a special kind of scales that weigh and compare your body fat to the water in your body. The instructions are only in German.

Es folgt eine detaillierte Bedienungsanleitung auf Deutsch („Zeigt die Waage 0.0 zusammen mit dem passenden Geschlechtssymbol an, Waage betreten. Gewicht wird angezeigt. Bitte ruhig stehen bleiben bis zum Ende der Analyse“) plus Fragen, die die Gastfamilie an die Waage hat: Can more than one person put their information into the scales? Diese Fragen sollen die Schüler beantworten, auf Englisch natürlich, aber unter Zuhilfenahme der deutschen Bedienungsanleitung.
Schon bald werde ich in erbittert geführte Diskussionen verwickelt: Bedienungsanleitungen sind doch nie nur auf Deutsch, oder? Es ist doch total blöd, so ein Geschenk auszusuchen, wenn man genau weiß, dass man noch richtig viel erklären muss, noch dazu auf Englisch! Man liest Bedienungsanleitungen sowieso nie, sondern probiert das einfach mal aus, und irgendwann hat man es raus. Und was heißt Geschlecht auf Englisch, und was ist der Unterschied zwischen sex und gender?
Über solche Fragen diskutieren wir ein bisschen, und dann ist es Zeit für die Mathearbeit.

Die Mühen der Ebene (11. Dezember)

Heute steckte ich in so einem blöden Beamtendilemma fest: Donnerstags in der zweiten großen Pause habe ich Pausenaufsicht auf einem unserer beiden Schulhöfe; in der Stunde danach war ich dann eingeteilt zur Klausuraufsicht im Kurs einer Kollegin, die ich ablösen musste, weil der Kurs drei Stunden lang schrieb. Am gerechtesten ist es, wenn diese Ablösung in der Mitte der Pause stattfindet, damit beide gleich viel von ihr haben. Ich hatte ja aber Aufsicht bis zum Ende der Pause. Was also tun, die Kollegin um ihre Pause bringen oder meine Aufsichtspflicht verletzen?
Ich sach jetzt mal nicht, wie ich das entschieden habe.
Und heute hat es fast ununterbrochen geregnet, das wollen wir doch mal festhalten.

Die Mühen der Ebene (10. Dezember)

Ich habe nie Latein gelernt. Ein Wunder bei meinen Fächern, aber die geschickte Wahl der Studienorte machte es möglich. Ich kann ganz gut Französisch (sieben Jahre Schulfranzösisch plus etliche Frankreich-Urlaube), aber es liegt mir nicht, ich mag es nicht – weder die Sprache an sich noch die Denkungsart, die dahinter steckt. Ich finde ja ohnehin: Entweder Englisch oder Französisch, beides geht nicht. Und da bin ich nun eindeutig auf der englischen Seite.
In Französisch war ich immer gut, und es machte mir auch Spaß, aber Latein hätte mir erheblich mehr Spaß gemacht, glaube ich; die Logik der Grammatik, die Angemessenheit der Übersetzung, das Herumpuzzeln mit der Sprache – das wäre genau mein Ding gewesen. Auf meine Vorwürfe (eher scherzhaft, denn wer will schon beurteilen, ob ein zwölfjähriges Kind eher Französisch oder eher Latein lernen können wird, vor allem, wenn es mathematisch-logisch eher nicht so interessiert ist), antwortet meine Mutter immer: Du konntest nie stur Sachen einfach auswendig lernen, du brauchtest immer einen Zusammenhang. Nun gut, sage ich dann stets, aber in Französisch musste ich auch stur Vokabeln auswendig lernen.
Wie dem auch sei – ich finde Latein einfach großartig. Die Kollegin mit T gibt mir öfter mal ihre Klassenarbeiten und Klausuren zum Übersetzen. In Klasse 6, erstes Lernjahr, habe ich schon einmal ohne Wörterbuch eine zwei geschrieben. In einer mündlichen Abiturprüfung war ich mit Wörterbuch besser als einer der Prüflinge (na gut, er war ziemlich schlecht). Gestern hatte ich Aufsicht in einer ihrer Klausuren im Jahrgang 12, da habe ich ohne Wörterbuch völlig versagt; ich konnte quasi nur einzelne Wörter raten. Und jetzt liegt hier vor mir eine Arbeit für Klasse 10, für die ich alle Zeit der Welt habe und natürlich ein Wörterbuch – da packt mich doch glatt der Ehrgeiz…