Milch und Blut

Heute waren wir auf einer Beerdigung. Es war, man kann es nicht anders sagen, ziemlich komisch.
Natürlich war es auch traurig. Die alte Dame war unerwartet und friedlich im Schlaf gestorben, ohne schwere Krankheit und ohne Schmerzen – ein Tod zwar, den man sich ganz angenehm vorstellt, der aber den Angehörigen keine Zeit zum Abschiednehmen lässt. Freilich hatte sie immer gesagt, neunzig Jahre alt wolle sie werden, und neunzig Jahre alt war sie im Januar geworden, aber wer sollte ahnen, dass sie das wirklich so meinte.
Das halbe Dorf drängte in die winzige Friedhofskapelle, und weil wir spät dran waren, bekamen wir keinen Platz mehr. Anstatt uns aber draußen in der Kälte stehen zu lassen, bot man uns einen Sitzplatz im Aufenthaltsraum der Totengräber an, mit Liveübertragung aus dem Gottesdienst. Da saßen wir dann mit sechs Sargträgern und zehn weiteren Trauergästen, eng gequetscht in einem winzigen Zimmer, und lauschten der Stimme des Pastors, denn mit dessen Mikrofon war der Lautsprecher verkabelt.
Er sagte: Man sieht sie vor sich, wie sie mit dem Fahrrad durchs Dorf fährt, einen Kuchen unter dem Arm. Ihre Sprache war das Plattdeutsche. Sie hat bis auf ein halbes Jahr ihr ganzes Leben hier verbracht. Sie liebte das Pfeifen, das sie auch mit den dritten Zähnen noch praktizierte.
Dann gab es ein Lied. Weil der Andrang so groß war, hatten wir auch keine Liedzettel mehr abbekommen – von den anderen beiden Liedern konnten wir wenigstens die erste Strophe mitsingen, von diesem nicht. Das konnten dafür aber alle Sargträger und alle mit uns in das winzige Zimmer gequetschten Dorfbewohner, und sie taten das mit Inbrunst. Es handelte sich um ein Heidjerlied; der Text stammt natürlich von Hermann Löns:

Auf der Lüneburger Heide
In dem wunderschönen Land
Ging ich auf und ging ich unter
Allerlei am Weg ich fand

Falleri, fallera, und jucheirassa, und jucheirassa,
bester Schatz, bester Schatz, denn du weißt du weißt es ja

Brüder lasst die Gläser klingen
Denn der Muskatellerwein
Wird vom langen Stehen sauer
Ausgetrunken muss er sein

Und die Bracken und die bellen
Und die Büchse und die knallt
Rote Hirsche woll‘n wir jagen
In dem grünen, grünen Wald

Ei du Hübsche, ei du Feine
Ei du Bild wie Milch und Blut
Unsere Herzen woll‘n wir tauschen
Denn du glaubst nicht, wie das tut

Dieses Lied klingt so und passt überhaupt nicht in einen Gottesdienst; der Pastor erwähnte gleich zweimal, wie ungewöhnlich es sei, der Organist musste eigens üben, es passte aber natürlich ganz hervorragend zu der Verstorbenen. (Nebenbei bemerkt, ich finde diese Version ja wesentlich interessanter.)
Dann folgte das Heraustragen des Sarges zu Strauß-Walzer-Klängen, das Asche zu Asche, das offizielle Kondolieren. Wir hatten es ein bisschen eilig, drehten uns um und fuhren zurück in unser Heimatkaff. Auf dem Rückweg im Auto schmetterten wir unseren neuen Heidjer-Ohrwurm und stellten interpretierende Fragen an den Text: Was, um Himmels willen, weiß der beste Schatz? Was will uns die Trinkerstrophe sagen? Was heißt eigentlich „Milch und Blut“, damit kann doch nur ein Heideschaf gemeint sein, oder?
So muss es sein: Man dreht sich um, und das Leben geht weiter.

Limerick (113)

There was a young man from Larkhall
who went to a masquerade ball
dressed up as a tree.
He had failed to foresee
his abuse by the dogs in the hall.

Die Hübschigkeit der Schauspieler (36)

Ae Fond Kiss, 2004, mit Atta Yaqub, Eva Birthistle, Gary Lewis

Am 12. Dezember letzten Jahres sollte der nächste Filmclub-Termin sein, der fiel aus irgendeinem Grund aus. Stattdessen starten wir im Februar dieses Jahres in die nächste Runde, es ist die achte. Fünfunddreißig Filme haben wir schon gesehen, und es ist erstaunlich, welche sich im Gedächtnis eingeprägt und welche wir komplett vergessen haben. Ich persönlich habe zwei fette Ohrwürmer davongetragen – die Zithermusik aus Der dritte Mann und diesen hier; letzteren so much so, dass sich automatisch die Melodie einfindet, wenn ich irgendwo das Wort forsake lese. –
Diesmal also Ae Fond Kiss, benannt nach einem berühmten Robert-Burns-Lied, das im Film auch jemand singt.

Ae fond kiss, and then we sever;
Ae fareweel, alas, for ever!
Deep in heart-wrung tears I’ll pledge thee,
Warring sighs and groans I’ll wage thee.
Who shall say that Fortune grieves him,
While the star of hope she leaves him?
Me, nae cheerful twinkle lights me;
Dark despair around benights me.

Der Film spielt in Glasgow, und die Leute reden mit schwer schottischem Akzent, was für mich heimatlich klingt und für alle anderen unverständlich. Aber es gibt ja Untertitel. Und der Hübschigkeit der Schauspieler tut dieser Film unbedingt Genüge, das wollen wir doch mal festhalten.
Zehn Jahre alt ist er und gleichzeitig aktuell und zeitlos, weil er sich mit der ewigen Frage beschäftigt, was passiert, wenn Leute in eine andere Kultur übersiedeln. Der alte Neoneorealist und Sozialkritiker Ken Loach behandelt diese Frage so, dass man die Antwort am Ende erst recht nicht weiß – er betrachtet sie von mehr als zwei Seiten und kann ihr tragische und komische Facetten abgewinnen.
Der Satz des Abends lautet: Wencke Myhre sieht spanischer aus als der Kollege Gastgeber. Was das mit dem Film zu tun haben soll, weiß ich nicht.

Ein Ausflug, ein Ausflug (9)

Wir befinden uns gerade in der sogenannten Zeugnisferie zwischen den Halbjahren, die so heißt, weil sie so kurz ist – ein Wochenende, das sowieso frei gewesen wäre, plus zwei Tage. Wenn man in diesen vier Tagen nichts unternimmt, sagt Frau L., verrinnen sie und sind dann einfach so vorbei. Darum machen wir einen Ausflug.
Wer auf die Idee kam, Schloss Reinbek zu besichtigen, weiß ich nicht mehr. Zumal „Reinbek bei Hamburg“, wie jener Verlag es nennt, ja Schleswig-Holstein ist, feindliches Ausland also, und der letzte Ausflug auch ein holsteinisches Schloss zum Ziel hatte. Egal.
Kollegin G. fährt, wie immer, Frau L. hat sich auf den Rücksitz geschmuggelt, um mir vorne den Vortritt beim Kartenlesen zu lassen, worin ich wahrlich keine Leuchte bin, aber heute geht es glücklicherweise glimpflich ab. Anders als sonst huppeln wir nicht nur über Landstraßen, sondern benutzen ein paar Mal die Autobahn, weil es praktischer ist.
Aber was wirklich anders ist als sonst und ab jetzt auch immer anders sein wird: Kollegin G. ist seit heute offiziell Pensionärin, so dass ich sie hier jetzt flugs in Ex-Kollegin G. umbenennen muss. Ex-Kollegin G. sagt merkwürdige Dinge, zum Beispiel: In zwei Wochen habt ihr ja Elternsprechtag, oder: Im Mai könnt ihr nicht, da habt ihr keine Ferien. Auch werden wir eine Weile brauchen, bis wir uns daran gewöhnt haben, Freizeitverabredungen nicht einfach bei der Arbeit besprechen zu können, sondern dafür extra telefonieren zu müssen.
Reinbek befindet sich im Kreis Stormarn, was ein komisches Wort ist. Vielleicht bedeutet es Sturmland, man weiß es nicht. Das Schloss selbst ist ein Renaissancebau, Nachfolger eines Zisterzienserinnen-Konvents. („Die Kellersche war für die Verpflegung zuständig, die Kemersche hatte für Bekleidung und Haushaltswäsche zu sorgen, die Kostersche gestaltete die kirchlichen Feierlichkeiten, die Seekmestersche war für die Kranken zuständig, die Scholemestersche unterrichtete, während die Sangmestersche die Arbeit des Klosterchores leitete. Dann gab es noch die Türhüterin.“)

Schloss Reinbek von außen. Typisch sind die Arkaden, die im 19. Jahrhundert zugemauert waren und später rekonstruiert wurden.

Weil das Schloss im 20. Jahrhundert zweckentfremdet war – z.B als christliches Erholungsheim und als Bundesforschungsanstalt für Forst- und Holzwirtschaft – ist von der alten Inneneinrichtung nichts mehr übrig. Überhaupt ist das ganze Gebäude eher leer.

Von innen: große leere Räume.

Man hat aber einen schönen Blick auf den Mühlenteich.

Das mit der Leere macht aber nichts; wir lernen trotzdem neue Wörter (Leibgedinge! Schlossgewese!) und geraten im zweiten Stock unerwartet in eine Ausstellung über das Hamburger Puppentheater Rhabarber, von dem wir noch nie etwas gehört haben.











Frau L. fällt dazu die Geschichte von jemandem ein, der es mit Kunst aus Schrott bis in eine Ausstellung im Centre Pompidou gebracht hat. („Aber der war mehr so ein Schweißer.“)

Das ist der große Glau.

Wer das ist, wissen wir nicht. Aber auf dem Kopf hat er einen Schuh.

Dann essen wir im Schlossrestaurant eine halbe Ente.
Weil es so nah ist, fahren wir anschließend ein kurzes Stück durch den Sachsenwald nach Friedrichsruh. Bismarck-Territorium. Die Bismarck-Stiftung im ehemaligen Bahnhofsgebäude ist historisch interessant, erschlägt einen aber ein bisschen mit Information. Es gibt ein berühmtes Gemälde, auf dem es so aussieht als besteige Bismarck auf dem Bahnhof Friedrichsruh einen Zug, aber das täuscht – zwar fuhr Bismarck durchaus mit der Eisenbahn, aber in Wirklichkeit hielten die Züge ein paar hundert Meter weiter direkt vor dem Schloss, so dass er es schön bequem hatte. Das ist die Bahnstrecke Hamburg – Berlin, auf der heute die ICEs durchrasen, so dass in beiden Museen die Wände wackeln.
Das zweite Museum nämlich ist das Bismarck-Museum; es enthält Dinge aus dem Besitz Bismarcks. Darunter sind besonders viele riesige Geschenke, zum Beispiel ein drei Meter langes Modell des Panzerkreuzers Otto von Bismarck in einer noch größeren Vitrine – wenn man mir so etwas schenken würde, ich wüsste gar nicht, wo ich das unterbringen sollte. Beeindruckend groß sind auch Bismarcks lederne Stulpenstiefel, die Ex-Kollegin G. bis zum Bauch reichen.
Auf dem Rückweg reden wir unter anderem über diese absonderliche Geschichte, die mir in der Bismarck-Stiftung angesichts einer Karte mit den deutschen Kolonien in Afrika wieder eingefallen ist.
Zum Abschied sagt Ex-Kollegin G.: Dann wünsche ich euch einen guten Start ins neue Halbjahr. Hmpf.

Omen

Ich habe am letzten Tag des alten Jahres zehn Euro auf der Straße gefunden und würde das jetzt gern so deuten, dass mir im neuen Jahr unermesslicher Reichtum widerfährt.
Vorschläge, wie man da einen Zusammenhang basteln könnte?

Das nächste, bitte

Leider geht schon wieder ein Jahr zu Ende. Es ist immer so schwer, sich an eine neue Jahreszahl zu gewöhnen. Auch wäre es besser, wenn Silvester zu Frühlingsbeginn stattfinden würde, dann hätte man mehr das Gefühl, es fängt etwas Neues an. Immerhin werden die Tage schon wieder länger.
Zwischen den Jahren ist gearbeitet worden, es ist gewaschen worden und gebügelt – alles Dinge, die man eigentlich nicht tut. Macht nix, heute Abend lassen wir die Puppen tanzen. Wir ziehen Bilanz und fassen Vorsätze. Und dann gucken wir, was passiert.
Wie immer darf kein Jahr zu Ende gehen, ohne dass der Liebe noch einmal ausgiebig gehuldigt wird:

Färrrtiesch? Dann setze ich mal mein Aluhütchen auf und fahre los. Kommen Sie gut ins neue Jahr.

My Cousin Rachel

So, ich muss jetzt mal was loben und was tadeln, und ich fange mit dem Tadel an. Dieser Spiegel-Artikel aus dem Jahr 1962, hier als PDF mit Bildern, ist ja wohl das Allerletzte. Es handelt sich offenbar um die journalistische Gattung des Porträts; die Porträtierte ist die britische Schriftstellerin Daphne du Maurier, der Anlass das Erscheinen der deutschen Übersetzung von My Cousin Rachel (im Original 1951 veröffentlicht). Der Name des Journalisten ist nicht erwähnt, es ist aber mit Sicherheit ein Mann und womöglich kein Literaturkritiker. Er benutzt du Mauriers Namen durchgehend herabsetzend mit Artikel – obgleich man „die du Maurier“ kaum aussprechen kann – und beruft sich bei literarischen Urteilen häufig auf Fremdmeinungen:

„Zünftige Literaten nehmen sie nicht ernst.“

„‚Times Literary Supplement‘, Englands wichtigste literarische Zeitschrift, tut ihre Romane neuerdings in zehn bis zwanzig verächtlichen Zeilen ab. Andere Rezensenten ihrer Romane sprechen von ‚Liegestuhl-Lektüre‘ und ‚unwiderstehlichem Kitsch‘“.

„Trotzdem bescheinigen ihr sogar die strengsten literarischen Richter, daß man ihre Bücher kaum ungelesen aus der Hand legen kann. Sie becirct, sie verzaubert. Mit einfachen, oft sogar zu einfachen Strichen schafft sie Situationen, Stimmung und Charaktere, die man schon von anderswo kennt, von Leonardo da Vincis Palette oder von Nebenfiguren Dickensscher Romane, so daß man sofort im Bilde ist.“

Alle diese Zitate sind gefärbt von der nervtötenden Herablassung, die den gesamten Text durchzieht. Zum Beispiel hat Daphne du Maurier nicht einfach ein altes Schloss in Cornwall gemietet (von dem nur ungefähr ein Dutzend Zimmer benutzbar, aber trotzdem kaum heizbar war), sondern sie „spielt […] Schloßherrin auf Menabilly, einem Jahrhunderte alten Bau mit 70 Zimmern“. Sie versteht nicht etwa ihr Handwerk, sondern „hat ihre kleinen wirksamen Mittel, ihre Berufstricks“. Ihre Themen sind mitnichten interessant, denn sie setzt sich „fleißig mit Problemen auseinander[…], die nur noch in England als Probleme betrachtet werden: vor allem den Problemen der ‚Society‘ und […] denen der Gesellschaft an sich“.
Es ist vom „Frauenroman“ Rebecca die Rede, das ist aber ebenso abwertend gemeint wie das Urteil über My Cousin Rachel: „Und so können sich die Leserinnen - in einiger Zeit auch die Filmbesucherinnen - bei Tee und kleinem Gebäck stundenlang über den wahren Charakter von Mona Lisa-Rachel-Olivia de Havilland streiten.“
Dahinter steht eine zutiefst männlich-arrogante Haltung: Eine Frau, die nicht schreiben kann, wird eben von Frauen gelesen, die nicht wissen, was gute Literatur ist. Aber naja, sie alle dürfen ein bisschen mitspielen im literarischen Betrieb, in dem der Mann, ein zünftiger Literat, den Ton angibt. (Dass man frönen ohne H schreibt, hätte dieser Mann allerdings wissen müssen.)

So, jetzt kommt das Lob. Über diesen Spiegel-Artikel bin ich ja überhaupt nur gestolpert, weil ich gerade My Cousin Rachel wiedergelesen habe. Das ist ein wirklich guter Roman. Okay, sprachlich ist er 19. Jahrhundert – aber der Plot. Es handelt sich um eine Art Doppelgeschichte, in der quasi zweimal dasselbe passiert; sie wird aber erzählt aus der Perspektive nur eines der drei Beteiligten, und es stellt sich zusehends heraus, dass es sich um einen höchst unzuverlässigen Erzähler handelt. Unzuverlässige Erzähler sind sowieso immer großartig.
Hier führt die Unzuverlässigkeit dazu, dass der Leser am Ende gut und böse, schuldig und unschuldig überhaupt nicht definieren kann, weil der Erzähler nur schwarz und weiß kennt, nur uneingeschränkte Huldigung oder absolutes Misstrauen. Mit beidem wird die Protagonistin, Rachel (die nicht die Erzählerin ist), bedacht, und so kommt es, dass man sie entweder als ganz und gar liebenswürdig oder als gewiefte Mörderin wahrnimmt. Man weiß es einfach nicht und wird bis zum Schluss nicht aufgeklärt – psychologisch ist das bestrickend.
Darüber hinaus handelt es sich um einen feministischen Roman. Rachel erwähnt oft, dass sie in einer männlich geprägten Welt als Witwe Probleme hat, über die Runden zu kommen. Vielleicht ist es das, was den Spiegel-Kritiker so abschreckte: Die Tatsache, dass dieser Roman die weibliche Perspektive so unabhängig von der männlichen darstellt. Ich mag dieses Buch sehr.
Der Film (von 1952) ist übrigens auch gut.