Die Hübschigkeit der Schauspieler (34)

Rosemary’s Baby, 1968, mit Mia Farrow, John Cassavetes, Ruth Gordon

Das geht jetzt Schlag auf Schlag hier, wir haben schließlich was nachzuholen. Diesmal also Polanskis Grusel-Klassiker, dem unser kleiner Filmkreis zwiegespalten entgegensah: Die Älteren kannten den Film von früher, erzählten, dass sie damals nächtelang nicht hatten schlafen können, und konnten es dennoch kaum erwarten, ihn wiederzusehen; die Jüngeren hatten ihn noch nie gesehen, wohl aber von ihm gehört, und harrten der Vorführung mit banger Besorgnis. Ich zumindest bin ja ein echter Schisser, was gruselige Filme angeht.
Um das Ergebnis gleich vorwegzunehmen: Die Jungspunde fanden Rosemary’s Baby sehr viel weniger schauerlich als erwartet und beschwerten sich über die Vorhersagbarkeit der Handlung, woraufhin sie von den Alten verächtlich als „abgebrüht“ bezeichnet wurden. Mag sein, dass sich hier ein Generationenabgrund auftut, aber damit ist noch nichts über die Qualität des Films gesagt.
Zum Glück habe man das Baby nicht sehen müssen – dieser Seufzer der Erleichterung spiegelt eins der Kompositionsprinzipien des Films: Horror ist am wirkungsvollsten, wenn er sich in der Fantasie der Zuschauer abspielt, nicht auf der Leinwand. Das Prinzip Andeutung sorgt auch dafür, dass der stetige Zweifel, ob sich Rosemary das alles nicht vielleicht doch einbildet, bis kurz vor Schluss nicht verschwindet. Aber es stimmt: „This is no dream, this is really happening“.
Man kann diesen Film als missglückte Emanzipationsgeschichte lesen, als überhöhte Schwangerschaftserzählung, als Katholizismus-Satire, als Faust-Reminiszenz oder als Kommentar zu den gesellschaftlichen Verhältnissen in den USA der 60er Jahre – für jede dieser Interpretationen gibt es plausible Anhaltspunkte. Diese Vielfalt macht den Film natürlich groß.
Man kann aber auch einfach nur ein paar Details bemerken: Mousse au chocolat – bitten by a mouse – die geradezu mäuschenhafte Protagonistin; Schleichwerbung für Vidal Sassoon und Pall-Mall-Zigaretten; wo gibt es das heute noch, dass eine Schwangere auf ihre Schwangerschaft mit einem Glas Wein anstößt; es wird geraucht, was das Zeug hält, auch in Gegenwart Schwangerer; wie die übergriffige Nachbarin geschminkt ist und wie sie isst… Welche alten Filme würden nicht mehr funktionieren, wenn die Figuren Mobiltelefone hätten?
Auch sind wir stolz darauf, Anzeichen dafür entdeckt zu haben, dass das Baby nicht so teuflisch ist wie geplant: Rosemary isst das Mousse au chocolat, das sie vor der Vergewaltigung ohnmächtig machen soll, nur zum Teil und verweigert sich während der Schwangerschaft zeitweise den verabreichten Betäubungsmitteln. Vielleicht macht es ihr das leichter, ihr Kind am Ende anzunehmen.

Rosemary: Oh, God. Oh, God.
Laura-Louise: Oh, shut up with your ”Oh, Gods” or we’ll kill you, milk or no milk!

Zwischen den Zeiten

Vor einer Woche noch Garten, Holzbackofen, Bier; gestern drinnen, Zwiebelkuchen, Federweißer. Heute wieder Sonne und T-Shirt – ES kann sich nicht recht entscheiden, ob ES noch Sommer oder schon Herbst sein möchte. Die gestrige Tischdekoration jedenfalls bestand aus Herbstblumen, Kastanien, polierten Äpfeln und Physalis-Lampionhüllen; und wie immer war vorher die Sitzprobe gemacht worden: Können die Gäste einander über den Tisch sehen oder müssen die Blumen noch etwas gekürzt werden? Und es gab Messerbänkchen, das wollen wir doch mal festhalten.
Die Mühle, nun mahlt sie wieder, aber noch nicht auf allen Gängen. Es bleibt Zeit für die Philosophie und die Kunst und auch für das Fahrradfahren. Ein paar Komplimente machen, ein paar neue Wörter lernen – oder wussten Sie, was ein Beweinkauf ist? Wir nicht, wir mussten den Telefonjoker in Anspruch nehmen.
Am 1. Oktober beginnt die Heizperiode.

Die Hübschigkeit der Schauspieler (33)

To Be or Not to Be, 1942, mit Carole Lombard, Jack Benny, Robert Stack

Aus Gründen konnten wir uns fünf Monate lang nicht zum Filmgucken treffen, und außerdem liegen die Sommerferien hinter uns, so dass wir über alles Mögliche reden, nur nicht über den Film.
Dabei ist Sein oder Nichtsein ein durchaus würdiger Wiedereinstiegsfilm, eine Satire auf den Nationalsozialismus, sehr komisch, aber auch ernsthaft kritisch. Angesiedelt im Theatermilieu in Warschau 1939, spielt er mit der Tatsache, dass die NS-Schergen zwar nicht wenig gefährlich sind, dass ihre brutale und zugleich beflissen-feige Lächerlichkeit aber mit den Mitteln der überzeichnenden Schauspielerei ganz hervorragend imitiert werden kann. Und dass man ihnen damit nicht nur ein Schnippchen schlagen, sondern sie gleich ganz überlisten kann. Obgleich Ernst Lubitsch schon 1922 in die USA ausgewandert war, kannte er natürlich die Deutschen.
Jetzt beim Nachlesen stelle ich fest, dass ich eine Szene falsch verstanden habe: Als Fliegerleutnant Sobinski (dass Robert Stack in diesem Film ziemlich hübsch ist, hätten wir wenigstens erwähnen können) stutzig wird, weil Professor Siletzky die berühmte Warschauer Schauspielerin Maria Tura nicht kennt, habe ich das als Zeichen seiner verklärenden Verliebtheit gedeutet – in Wirklichkeit ist es ein Hinweis darauf, dass Siletzky als Doppelagent unterwegs ist und nie in Warschau gelebt hat.
Sehr komisch, das wollen wir hier mal ausdrücklich anmerken, ist auch der Shakespeare-Subtext.
In der New York Times stand am 7. März 1942: „As it is, one has the strange feeling that Mr. Lubitsch is a Nero, fiddling while Rome burns.” Damit steht dieser Film in einer Reihe mit Chaplins Great Dictator (1940) und auch neueren Filmen wie Roberto Benignis Das Leben ist schön (1997) oder Wir müssen zusammenhalten (2000) von Jan Hřebejk. Aber nein, er ist nicht geschichtsklitterisch, er ist vor allem lustig.

Einkaufslyrik (17)

Im Putzrausch.

Frühere Folgen: 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10, 11, 12, 13, 14, 15, 16

Grünes Band (6) – Lunchpakete und schöne Wolken

Letzte Folge: Dinge, die ich nicht vergessen möchte, und ein paar schöne Bilder nach all den Gebrauchsfotos.
Lunchpakete – in England letztes Jahr selbstverständlich, aber nicht billig; in diesem Jahr in Deutschland sorgte der Wunsch danach vielerorts für Befremden (nein, wir kommen wirklich an keinem Einkaufsladen vorbei). Deshalb wagten wir in einigen Unterkünften erst gar nicht danach zu fragen, in anderen durften wir beim Frühstück selbst Brote schmieren (kostete zwischen einem und sechs Euro), und in einigen Hotels stellte die Kaltmamsell liebevoll und kreativ Lunchpakete für uns her (von kostenlos bis fünf Euro). In dem kostenlosen waren fünf Brote drin, das war selbst dem Mitwanderer zu viel, in einem anderen frische, in handliche Stücke geschnittene Gurken, Tomaten, Ananas und Melone und ein Metalllöffel für den Joghurt. Das war der Hit.

Hier sind schon mal ein paar schöne Wolken drauf.

Natürlich haben wir auch wieder Unterkünfte bewertet, aus Spaß und des Rituals wegen. Eigentlich waren die nicht vergleichbar, weil von gediegenem Hotel bis Reiterhof alles dabei war. Der Mitwanderer zog willkürlich Punkte für niedrige Decken und schlechtes Fernsehprogramm ab, und ich vergab Pluspunkte für Pflaumenmus beim Frühstück. Und natürlich für gute Lunchpakete.

Eine Schwalbe. Schwalben erkennen wir zuverlässig.

Die Morgenstimmung ist immer am schönsten.

Morgens früh auf der Elbe. Hach. Herrlich.

Das geringe Tempo, in dem wir unterwegs waren, lud anscheinend dazu ein, uns in Pläuschchen zu verwickeln; auch hatten wir viele nette Gespräche mit Leuten, die uns irgendwo Pause machen sahen, fanden, dass das gemütlich aussah, und einfach ein bisschen plaudern wollten. Das Dorf Rade bei Wittingen war in dieser Hinsicht idealtypisch. In unserem Reisetagebuch, gewissenhaft geführt an den Abenden beim Essen, steht folgendes:

Rade enttäuschte uns zunächst, weil die einzige Einkehrmöglichkeit Ruhetag hatte. Die England-Gedächtnis-Sprite stand verlockend und verpackt im Hof, konnte aber nicht getrunken werden. Dann jedoch entdeckten wir die Schönheit Rades in Form einer Bank im Schatten. Dort zogen wir die Schuhe aus und entdeckten die Schönheit Rades erneut. Etwas später unterhielten wir uns längere Zeit mit einem älteren Landwirt, der seinen Trecker eigens vor unserer Bank zum Stehen brachte.

Also, lassen Sie’s sich gesagt sein: Dieses Rade ist ein wirklich schönes Dorf mit netten Bewohnern. Auffällig unhöflich hingegen waren viele Radfahrer auf dem Elberadweg.

Von Unhöflichkeit und Langeweile auf dem Elbdeich lenken Wolken wie diese erfolgreich ab.

Ganz großartig waren auch die Italiener im Wendland, mit drei Generationen am Werk. Der Opa stellte beim Frühstück eine riesige Kaffeekanne auf unseren Tisch, erkennbar für alle Übernachtungsgäste gedacht, und sagte mit ernster Miene und italienischem Akzent: Die müssen Sie jetzt austrinken.

Hier droht Regen. Wir waren aber untergestellt und blieben relativ trocken, anders als die Kühe da oben.

Falls Sie den Bahnhof Salzwedel besitzen möchten – bitteschön, er steht gerade zum Verkauf.

Gerade angekommen. Da kann es regnen, wie es will.

Ja, und dann hatte ich die ganze Zeit einen Kinderplatten-Ohrwurm: Feuerschuh und Windsandale. Kennen Sie das?

Zeit ist wichtig.

Grünes Band (5) – Landkarten

Der Mitwanderer ist ein sehr guter Kartenleser und hat uns häufig, wo Schilder fehlten, durch genaues Landschafts- und Kartenstudium auf den richtigen Weg gebracht. Ich hingegen wusste nur am Elbdeich ganz genau, wo es langging – immer geradeaus, Elbe muss rechts sein – lese aber trotzdem gern in Landkarten, zum Beispiel, um dort schöne Ortsnamen zu finden. GPS und solch neumodischen Schnickschnack kennen wir gar nicht.
Ein einziges Mal, am Tag 6, wussten wir überhaupt gar nicht mehr, wo wir waren, und mussten jemanden fragen. Der bat uns umständlich in seine Diele, nahm einen dicken schwarzen Filzstift und malte lauter Punkte in unsere Karte; dazu sagte er: „Also, wenn ich hier spazieren würde, ich würde dort (Punkt Punkt Punkt) langgehen – ach nee, da kommt man ja gar nicht über die Eisenbahn. Na, dann würde ich hier (Punkt Punkt Punkt) entlangspazieren – ach nee, geht auch nicht. Dann eben hier (Punkt Punkt Punkt) – auf jeden Fall müssen Sie hier (dicker, fetter Punkt) rauskommen.“ Mal abgesehen davon, dass wir nicht „spaziert“, sondern gewandert sind, erschien uns das alles so dubios, dass wir seinen einzig richtigen Tipp missachtet haben und zur Strafe einen Umweg gehen mussten.
Wie die DDR-Kartografen ihr Tun mit der Ehre ihrer Zunft vereinbarten, weiß ich nicht, aber auf DDR-Landkarten waren Gebiete jenseits der Westgrenze oft einfach leer, und grenznahe Flächen waren häufig nicht den geografischen Tatsachen entsprechend dargestellt – keine Unfähigkeit der Kartografen, sondern Manipulation und Zensur. Landkarten als Machtinstrument.

Im Westen ist nichts in Form einer riesigen Legende.

Nun zu den schönen Ortsnamen. Die finden meist nur Fremde schön – wir haben beispielsweise hier in der Nähe ein „Grauen“, das uns erst dann komisch vorkam, als wir Leute beim Fotografieren des Ortsschildes beobachteten. Herr Fried lässt grüßen.
Sehr schön fanden wir also Tag 11, an dem wir nacheinander durch Gaarz, Baarz, Besandten, Unbesandten und Mödlich kamen. Es muss ein Unterschied wie Tag und Nacht sein, ob man in Besandten oder in Unbesandten wohnt – quasi das Gegenteil. Der Ort Vier führte zu folgendem Dialog: „Und dann müssen wir nur noch durch Vier, und dann sind wir schon fast in Boizenburg.“ – „Hä? Durch was für vier?“ Dasselbe mit Viehle: „Gleich kommen wir durch Viehle.“ – „Viele was?“ Wiewohl und Deutsch lagen auch an unserer Strecke. Und dann gab es noch dieses nette Flüsschen:

Grünes Band (4) – Die Natur, die Natur

Dass wir uns für die Grenzgeschichten sehr und für die Natur eher weniger interessierten, lag an unserer Unfähigkeit, Tiere und Pflanzen zu bestimmen. Zweifelsfrei erkennen konnten wir Störche (davon haben wir viele gesehen; unvergessen der Tanz des Storches auf dem Blechdach in Kneese), Kormorane, Schwalben, Enten, Gänse und Graureiher sowie Pflaumenbäume und Brombeersträuche (na gut, Apfelbäume haben wir auch erkannt, aber die Äpfel waren noch nicht ganz reif).

Jungbullen. Die versuchen auch, uns zu bestimmen: Menschen. Zu Fuß. Alle bekloppt.

Zwar kamen wir an überabzählbar vielen Erklärungstafeln vorbei und fachsimpelten, wenn wir einen Frosch quaken hörten, darüber, ob es sich um eine Gelbbauch- oder eher eine Rotbauchunke handelte; wenn wir einen Raubvogel aufgescheucht hatten, erklärte ich im Brustton der Überzeugung: Das ist ein Mäusebussard!, und der Mitwanderer stellte eine Reihe bizarrer Theorien auf, die er sämtlich mit dem Totschlagargument begründete, seine Schwester habe Biologie studiert – er behauptete zum Beispiel, wir hätten Schwarzstörche gesehen, dabei waren das bloß die Silhouetten von Weißstörchen gegen die Sonne. Aber das konnte man alles nicht recht ernst nehmen.
Wir bedauerten durchaus, dass die Natur an uns so verschwendet war und stellten uns vor, wir hätten den Bio-Kollegen mitgenommen, der uns erklären könnte, was wir nicht wissen. Dann fiel uns ein, dass der Bio-Kollege drei Stunden benötigt für einen Spaziergang, für den normale Menschen eine halbe Stunde brauchen, aus lauter Begeisterung für die biologischen Entdeckungen, die er am Wegesrand macht. Daraufhin entwarfen wir das Bild, wie wir den Bio-Kollegen an einem Strick hinter uns herziehen, den Mund haben wir ihm mit Klebeband zugeklebt, das wir nur entfernen, wenn wir dringend etwas wissen wollen. Aber nein, das wäre nicht so nett – dann lieber unwissend durch die Gegend laufen.
Immerhin rufen wir Tag 4 zum Tag der internationalen Nacktschnecke und Tag 15 zum Tag des internationalen Pferdes aus. Und wir sehen Schafe – zwar viel weniger als letztes Jahr in England und alle eingezäunt, aber echte Schafe. Bei einigen diagnostizieren wir eine Fellkrankheit, bis wir genauer hingucken und feststellen, dass das alles Kletten sind.

Schafsmasern. Ach nee, doch Kletten. Wir sind eben unbegabt in Biologie.

Jetzt würde ich gern noch etwas Positives über unsere Naturerfahrungen schreiben, aber mir fällt nichts… ach doch: Wir wissen, was Qualmwasser ist.