London von oben

England ist auch nicht mehr das, was es mal war. Innerhalb eines Jahres war ich jetzt dreimal dort, und jedes Mal herrschte allerherrlichstes Sommerwetter mit Temperaturen bis zu 30 Grad, ohne jeden Regen. Regenjacke, Regenschirm – ganz umsonst mitgeschleppt.
Diesmal also London mit 15 Elftklässlern, einer ganz und gar pflegeleichten Truppe, verlässlich, pünktlich, mitdenkend, nett noch dazu. Ein bisschen überfordert vielleicht von den Strapazen der Großstadt, aber das kennen wir schon von unseren Provinzkindern – leichtes Spiel für uns, wenn sie abends zu fertig sind zum Ausgehen.

Der Kurs besteht aus 16 Mädchen (zwei sind nicht mit auf Kursfahrt) und einem Jungen. Letzterer hat auch am Tag der Abreise noch genug Energie, um auf dem U-Bahnsteig Vergänglichkeitskunst mit seinem Koffer herzustellen.

Der offizielle Name für diese Art von Reise lautet Studienfahrt, und das ist es für uns auch. Während die Parallelkurse Fotos vom Schnorcheln in Süditalien schicken, besichtigen wir Greenwich, die BBC, das Globe Theatre, die Tate Modern und das Londoner East End, das kaum ein Tourist sieht. Wir haben Spaß im Newham Bookshop und mit den Hammers, obwohl wir nur vage wissen, dass Thomas Hitzlsperger einmal für West Ham United gespielt hat („Hammers sign the Hammer“).
Ansonsten sehen wir London von oben.

Im London Eye war ich vorher noch nie. Wenn man da rausfotografiert, sind immer so hübsch unscharfe Stellen auf den Bildern, wegen der Krümmung im Plexiglas.

Westminster Bridge mit Commitments-Bus.

Am London Eye stört mich ein bisschen, dass man sich nicht aussuchen kann, wie lange man welchen Ausblick genießt. Das ist auf der Golden Gallery von St. Paul’s anders, da kann man so lange gucken, wie man will. Allerdings muss man vorher 528 Stufen erklimmen.

Am Fuße von St. Paul’s Cathedral: Paul.

Ungewollt und zufällig ist es auch eine Theaterfahrt – von vier freien Abenden verbringen wir drei im Theater. Das Musical Billy Elliot ist überhaupt gar nicht mein Geschmack, allerdings ist es ganz interessant, die Aufführung mit der Filmvorlage zu vergleichen: Kleidung, Choreografie und Haarschnitte der Protagonisten sind teilweise exakte Kopien, während ganze Teile der Handlung geändert wurden, um bestimmte Effekte zu erzielen. Zum Beispiel ist Billys Großmutter mitnichten dement, sondern lediglich komische Alte, und auch für Schwulenwitze ist man sich nicht zu schade.
Weit weniger enttäuschend ist Julius Caesar im Globe Theatre – kannte ich vorher nicht, ist auch bestimmt nicht Shakespeares bestes Stück, aber die Aufführung nutzt die Möglichkeiten der Spielstätte ganz großartig aus; auch wenn man es vorher noch nicht wusste, kapiert man sofort, was die Besonderheiten dieses Theaters sind.
Am beeindruckendsten ist The Crucible im Old Vic – intensives Theater und eine grandiose Ensembleleistung, da kann ein Richard Armitage mitspielen oder nicht. Hinterher verbeugen sich alle zusammen drei Minuten lang, und das war’s. Sehr cool und sehr unprätentiös.

Dies ist mein liebstes Von-Oben-Bild, und ich weiß nicht mal mehr, von wo ich das fotografiert habe. Könnte in der Tate Modern gewesen sein.

Es ist heiß, aber London ist fürsorglich und empfiehlt uns, immer eine Flasche Wasser dabeizuhaben: Keep calm and stay hydrated. Machen wir.

Einkaufslyrik (15)

Warum sind zwei Posten durchgestrichen? Wieso stehen hinter einigen die Preise und hinter anderen nicht? Was hat es mit der eigentümlichen Genauigkeits-Asymmetrie zwischen „Duschzeug“ und „Dove lotion“ auf sich? Und wer zum Teufel ist Jutta? Fragen über Fragen.

Frühere Folgen: 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10, 11, 12, 13, 14

Hit the road, Jack

Für Frau ohne T., die in diesem Jahr nicht dabei sein konnte.

Zu Beethovens Yorkschem Marsch schreiten sie in die Aula, die diesjährigen Abiturkinder, was im Vorhinein von den Pazifisten unter ihnen kritisiert worden war – meine Güte, es ist eben eins der Stücke, die das momentan führerlose Blasorchester in drei Proben einstudieren konnte, und von Marschieren kann ohnehin keine Rede sein.
Neben mir sitzt Frau L., die bei solchen Gelegenheiten für gediegene Unterhaltung sorgt, und lästert über die Kleidung der Abiturienten: Eine hat ein hinten viel zu tief ausgeschnittenes Kleid an, eine andere einen Rock, der zu paillettiert ist. Ein dritter sieht mit Lederjacke und Krawatte und neuer Frisur aus wie ein Polizist – das findet aber wiederum Frau L.s Gefallen; sie kann ihn sich im Winter gut als Kriminalkommissar mit bodenlangem Ledermantel vorstellen.
Dann gibt es Reden mit Metaphorik, die meisten haben mit dem Jahrgangsmotto „Die Götter verlassen den Olymp“ (stammt aus diesem Internetz) zu tun, einmal geht es um Zeit (Frau L. neben mir zitiert halblaut auswendig eine lange Passage über die Zeit aus dem Rosenkavalier), und die Vertreterin des Schulelternrats wählt Fußball als zentrale Metapher und schließt mit dem Satz: „Vielleicht können Sie später nicht nur sagen: 2014 haben wir Abitur gemacht, sondern auch: 2014 sind wir Weltmeister geworden.“ Das sind mal klare Prioritäten.
Der Vertreter der Goldenen Abiturienten macht eine seltsame Anspielung auf etwas, was er gegoogelt hat, aber nicht verraten will, und dessen Sinn sich mir im Zusammenhang seiner Rede auch nach heftigem Nachdenken nicht erschließt. Sollte er einen unlustigen Witz über einen Namen gemacht haben?
Zwischendurch gibt es zur Auflockerung Musik, und während zu meiner Linken Kollegin G. rätseln muss, aus welcher Werbung sie Karl Jenkins‘ Palladio kennt (die richtige Antwort wäre gewesen: Diamanten), brummelt von rechts Frau L., genauso einen Ostinato-Bass habe sie in einer 10. Klasse sitzen, einen Schüler mit tiefer Stimme, der ununterbrochen quatscht.
Die Überreichung von Zeugnissen, Urkunden und Prämien dauert ewig, nicht zuletzt, weil jede einzelne AG ihre Mitglieder ausführlich verabschiedet. Zwei Jungs aus der Ultimate-Frisbee-AG bekommen als Abschiedsgeschenk Frisbeescheiben (aber, hey, besondere, unverkäufliche), und weil es vorher schon ein paarmal die Situation gegeben hat, dass Abiturienten, die sich gerade wieder hingesetzt haben, erneut auf die Bühne gebeten werden, haben wir Spaß mit der Vorstellung, dass die Schulleiterin durchs Mikrofon ruft: „Bleiben Sie doch einfach sitzen“ und – zack, zack – mit geübtem Armschwung die Frisbeescheiben durch die Aula pfeffert. Das hätte für mehr Auflockerung gesorgt als die Kammermusik.
Wie jedes Jahr überlegen wir, warum mathematische, physikalische und chemische Gesellschaften Preise für sehr gute Leistungen im Abitur ausloben, nicht aber der Germanisten-, Anglisten- oder Historikerverband. Eine Theorie ist, dass die Naturwissenschaften mehr Geld haben.
Zum Abschluss singt der Chor Hit the road, Jack - ein wenig unpassend, würde man meinen – wie gut, dass die Musikkollegin noch einmal betont, es handele sich um den ausdrücklichen Wunsch der Abiturienten. Den Ohrwurm werde ich jetzt wieder tagelang nicht los.
Normalerweise ist die Abiturfeier fester Bestandteil des alljährlichen verzweifelten Tagebuchbloggens vor den Sommerferien, wenn mir nämlich vor lauter Entkräftung nichts anderes mehr einfällt als Alltag. Dieses Schuljahr in Niedersachsen jedoch ist tückisch, es zieht sich und zieht sich, und es sind immer noch zweieinhalb Wochen bis zu den großen Ferien. Zum Glück bin ich in der nächsten Woche noch einmal auf Studienfahrt. Danach beginnen die Mühen der Ebene.

Limerick (109)

Einst war eine Lady in Worcester,
an Keuschheit und Sitte ein Morcester.
Doch die Jugend verstrich
und die Tugend entwich.
Seither sündigt sie immer beworcester.

Wandertag

Eigentlich ist der ordentliche Schulwandertag erst Ende Juli, kurz vor Ferienbeginn, aber aus Gründen durfte die zehnte Klasse, die ich in Deutsch habe, schon heute ihren Wandertag veranstalten. Ich war nur Begleitung, deshalb war ich bei der Vorbesprechung nicht dabei, aber es war wohl so, dass keine vernünftigen, altersangemessenen Vorschläge unterbreitet wurden, die man hätte umsetzen können, weshalb Kollegin K., die Klassenlehrerin, irgendwann drohte: Wenn euch bis zum Ende der Stunde nichts Gescheites einfällt, dann wandern wir.
Und so kam es, dass diese bedauernswerte Klasse heute wandern musste. Eigentlich hätten wir alle Wanderstiefel, Kniebundhosen und fesche Hüte gebraucht – hatten wir nicht, aber ein Junge führte immerhin den Spazierstock seines Großvaters mit sich.

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Und ich hatte eine Landkarte dabei, die wir zwischendurch ernsthaft konsultierten. Auch fehlten nicht die Sprüche, die man von Kindern beim Wandern gerne hört: Wann sind wir da? Kann ich ein Eis? Ich muss mal.
Natürlich störten die Smartphones das Bild ganz erheblich, und eigentlich war es auch bloß ein Spaziergang. Aber dann konnten wir in einem Garten grillen, und sie hatten selbstständig Fleisch und Salate und Getränke organisiert, und weil noch Geld übrig war, hatten sie auch noch Chips und Weingummi gekauft, was sich als lohnende Investition für den Nachmittag erwies. Und das war alles sehr nett und gar nicht langweilig.
Ironisches Wandern mit Zehntklässlern – kann man machen.

Deppen und Idioten

Mit den Zehntklässlern rede ich gerade über Sprache; wir haben uns mit Bastian Sicks Sprachgefühl beschäftigt, sind uns einig geworden über den Unterschied zwischen Sprachwandel und Sprachverfall und wissen, was der VDS ist. Vom Gegensatzpaar richtiges vs. falsches Deutsch bewegen wir uns langsam in Richtung gutes vs. schlechtes bzw. angemessenes vs. unangemessenes Deutsch.
Heute beschäftigen wir uns mit diesem lesenswerten Artikel über das sogenannte Deppen-Apostroph. Lesenswert ist der Artikel deshalb, weil er nicht etwa die Apostroph-Unkundigen als Deppen und Idioten hinstellt, sondern erstens linguistisch plausibel erklärt, wie es zu den Fehlanwendungen kommt, und zweitens die Frage aufwirft, warum das Apostroph ein so gefährliches Zeichen ist, von dem sich selbsternannte Sprachschützer derart bedroht sehen, dass sie Hass-Seiten im Internet einrichten: „Warum tobt sich gerade auf diesem Feld arrogante Besserwisserei derart offen, ungeschützt und oberflächlich aus?“
Wir kommen zu dem Schluss, dass die Apostroph-Regel im Deutschen relativ leicht zu begreifen ist und dass Besserwisserei eine gewisse Befriedigung bereitet – auch schlichtere Gemüter können auf diesem Gebiet einmal einen Triumph feiern.
Dann ist noch Zeit und wir machen einen Rundgang durch unseren winzigen Ort und untersuchen jedes Schild auf falsche Apostrophe. Wie nicht anders zu erwarten, finden wir relativ viele. Die Schüler entwickeln ziemlich schnell einen Hang zur arroganten Besserwisserei – sie betreten unaufgefordert Bäckereien, Reisebüros und Cafés, um den Besitzern zu erklären, warum das Apostroph auf ihren Schildern falsch ist. So war das eigentlich nicht gedacht; wir wollten ursprünglich lediglich herausfinden, wie viele Fehler wir finden können.
Ein besonders störrisches Schild ist dieses:


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Ein Kleeblatt statt eines Apostrophs – ich hatte schon immer die Vermutung, dass sich da jemand nicht ganz sicher war. Und genauso ist es auch; die Inhaberin ist durchaus bereit, sich der Zehntklässlerkritik zu stellen, betont aber auch, dass das Platzhalter-Kleeblatt sie vor arrogant-besserwisserischen Sprachschützern schützt.
Wenn man nicht so richtig weiß – so sollte man es machen.

Pier works in progress

Mit 80 Achtklässlern und sechs Kollegen in einem riesigen Doppeldeckerbus nach England – wir dürfen höchstens 15 Kilo Gepäck in quetschbaren Reisetaschen mitnehmen, damit überhaupt alles hineinpasst. Oben oder unten? Oben sieht man mehr, unten ist die Luft besser.
Geburtstag auf Rädern, und der ganze Bus singt Happy Birthday To You, obschon ich dieses Lied ganz und gar nicht leiden kann.
Hastings ist hübsch und hässlich wie eh und je. Das Wetter ist ziemlich okay. Die Möwen mutieren im Lauf der Jahre zu großen wilden Raubtieren.

Möwenärsche. Gefährlich, gefährlich. Die Tiere haben überhaupt keine Skrupel, sich auf Restauranttischen im Freien über die Reste herzumachen, auch wenn das Essen noch gar nicht bezahlt ist. Im Fischladen am Hafen stehen sie auf der Türschwelle und trauen sich nur fast hinein – im nächsten Jahr dann ganz.

Not everyone loves the pier, but I do, und deshalb muss ich ihn natürlich fotografieren.

Hach. So staksig auf diesen dünnen Stelzenbeinen. Und so schön kaputt und verkokelt.

2010 ist er abgebrannt, und inzwischen hat man genug Spenden gesammelt, um mit den Renovierungsarbeiten zu beginnen. Dass da gearbeitet wird, sieht man, wenn man näher herangeht.

Männer in orangenen Anzügen arbeiten auf dem Pier.

Die Männer in den orangefarbenen Anzügen sind im Moment dabei, die eisernen Stützen zu stabilisieren und eine neue Auflage aus Holzbohlen zu montieren. Nächstes Jahr Ostern soll der wiederhergestellte Pier eröffnet werden.

Vermutlich wieder mit arcade games und dem ganzen Vergnügungsschnickschnack – dann ist der morbide Charme verschwunden, und der Pier interessiert mich nicht mehr.

Das Schlimmste, was passiert, ist der Verlust zweier Portemonnaies, mitsamt Personalausweisen, die wir aber natürlich vorher kopiert haben. Ein Krankenhausbesuch ist auch fällig, und zum Glück haben wir Kollegin G. mit, die ist nämlich Spezialistin für Krankenhausbesuche mit Schülern in England; sie weiß genau, wie das geht mit den Formalitäten und Formularen. Es ist dann nichts gebrochen, und die Mädels sind ein bisschen wehleidig, das muss man ja mal so sagen. Der Junge, dessen Fingergelenk ausgekugelt ist, lässt sich das von der Sportkollegin wieder hinbiegen und sagt keinen Mucks.
Wie immer kaufe ich Vorräte an Jacob’s Cream Crackers und englischem Cider, und die Referendarin verspricht, zu Hause Crumpets zu backen und mir welche abzugeben. Auf der Rückfahrt erleben wir Eisenbahnscheinbewegung (the false sensation of movement when, looking out from a stationary train, you see another train depart) am Beispiel von Fähren, und am Sonntag, inzwischen ausgeschlafen, werde ich spontan zum Cream Tea eingeladen. Das gute englische Leben. Und wenn das nicht alles wahr ist, dann will ich Lilo heißen.

Ja, und das Meer ist natürlich immer super.