Wandertag

Eigentlich ist der ordentliche Schulwandertag erst Ende Juli, kurz vor Ferienbeginn, aber aus Gründen durfte die zehnte Klasse, die ich in Deutsch habe, schon heute ihren Wandertag veranstalten. Ich war nur Begleitung, deshalb war ich bei der Vorbesprechung nicht dabei, aber es war wohl so, dass keine vernünftigen, altersangemessenen Vorschläge unterbreitet wurden, die man hätte umsetzen können, weshalb Kollegin K., die Klassenlehrerin, irgendwann drohte: Wenn euch bis zum Ende der Stunde nichts Gescheites einfällt, dann wandern wir.
Und so kam es, dass diese bedauernswerte Klasse heute wandern musste. Eigentlich hätten wir alle Wanderstiefel, Kniebundhosen und fesche Hüte gebraucht – hatten wir nicht, aber ein Junge führte immerhin den Spazierstock seines Großvaters mit sich.

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Und ich hatte eine Landkarte dabei, die wir zwischendurch ernsthaft konsultierten. Auch fehlten nicht die Sprüche, die man von Kindern beim Wandern gerne hört: Wann sind wir da? Kann ich ein Eis? Ich muss mal.
Natürlich störten die Smartphones das Bild ganz erheblich, und eigentlich war es auch bloß ein Spaziergang. Aber dann konnten wir in einem Garten grillen, und sie hatten selbstständig Fleisch und Salate und Getränke organisiert, und weil noch Geld übrig war, hatten sie auch noch Chips und Weingummi gekauft, was sich als lohnende Investition für den Nachmittag erwies. Und das war alles sehr nett und gar nicht langweilig.
Ironisches Wandern mit Zehntklässlern – kann man machen.

Deppen und Idioten

Mit den Zehntklässlern rede ich gerade über Sprache; wir haben uns mit Bastian Sicks Sprachgefühl beschäftigt, sind uns einig geworden über den Unterschied zwischen Sprachwandel und Sprachverfall und wissen, was der VDS ist. Vom Gegensatzpaar richtiges vs. falsches Deutsch bewegen wir uns langsam in Richtung gutes vs. schlechtes bzw. angemessenes vs. unangemessenes Deutsch.
Heute beschäftigen wir uns mit diesem lesenswerten Artikel über das sogenannte Deppen-Apostroph. Lesenswert ist der Artikel deshalb, weil er nicht etwa die Apostroph-Unkundigen als Deppen und Idioten hinstellt, sondern erstens linguistisch plausibel erklärt, wie es zu den Fehlanwendungen kommt, und zweitens die Frage aufwirft, warum das Apostroph ein so gefährliches Zeichen ist, von dem sich selbsternannte Sprachschützer derart bedroht sehen, dass sie Hass-Seiten im Internet einrichten: „Warum tobt sich gerade auf diesem Feld arrogante Besserwisserei derart offen, ungeschützt und oberflächlich aus?“
Wir kommen zu dem Schluss, dass die Apostroph-Regel im Deutschen relativ leicht zu begreifen ist und dass Besserwisserei eine gewisse Befriedigung bereitet – auch schlichtere Gemüter können auf diesem Gebiet einmal einen Triumph feiern.
Dann ist noch Zeit und wir machen einen Rundgang durch unseren winzigen Ort und untersuchen jedes Schild auf falsche Apostrophe. Wie nicht anders zu erwarten, finden wir relativ viele. Die Schüler entwickeln ziemlich schnell einen Hang zur arroganten Besserwisserei – sie betreten unaufgefordert Bäckereien, Reisebüros und Cafés, um den Besitzern zu erklären, warum das Apostroph auf ihren Schildern falsch ist. So war das eigentlich nicht gedacht; wir wollten ursprünglich lediglich herausfinden, wie viele Fehler wir finden können.
Ein besonders störrisches Schild ist dieses:


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Ein Kleeblatt statt eines Apostrophs – ich hatte schon immer die Vermutung, dass sich da jemand nicht ganz sicher war. Und genauso ist es auch; die Inhaberin ist durchaus bereit, sich der Zehntklässlerkritik zu stellen, betont aber auch, dass das Platzhalter-Kleeblatt sie vor arrogant-besserwisserischen Sprachschützern schützt.
Wenn man nicht so richtig weiß – so sollte man es machen.

Pier works in progress

Mit 80 Achtklässlern und sechs Kollegen in einem riesigen Doppeldeckerbus nach England – wir dürfen höchstens 15 Kilo Gepäck in quetschbaren Reisetaschen mitnehmen, damit überhaupt alles hineinpasst. Oben oder unten? Oben sieht man mehr, unten ist die Luft besser.
Geburtstag auf Rädern, und der ganze Bus singt Happy Birthday To You, obschon ich dieses Lied ganz und gar nicht leiden kann.
Hastings ist hübsch und hässlich wie eh und je. Das Wetter ist ziemlich okay. Die Möwen mutieren im Lauf der Jahre zu großen wilden Raubtieren.

Möwenärsche. Gefährlich, gefährlich. Die Tiere haben überhaupt keine Skrupel, sich auf Restauranttischen im Freien über die Reste herzumachen, auch wenn das Essen noch gar nicht bezahlt ist. Im Fischladen am Hafen stehen sie auf der Türschwelle und trauen sich nur fast hinein – im nächsten Jahr dann ganz.

Not everyone loves the pier, but I do, und deshalb muss ich ihn natürlich fotografieren.

Hach. So staksig auf diesen dünnen Stelzenbeinen. Und so schön kaputt und verkokelt.

2010 ist er abgebrannt, und inzwischen hat man genug Spenden gesammelt, um mit den Renovierungsarbeiten zu beginnen. Dass da gearbeitet wird, sieht man, wenn man näher herangeht.

Männer in orangenen Anzügen arbeiten auf dem Pier.

Die Männer in den orangefarbenen Anzügen sind im Moment dabei, die eisernen Stützen zu stabilisieren und eine neue Auflage aus Holzbohlen zu montieren. Nächstes Jahr Ostern soll der wiederhergestellte Pier eröffnet werden.

Vermutlich wieder mit arcade games und dem ganzen Vergnügungsschnickschnack – dann ist der morbide Charme verschwunden, und der Pier interessiert mich nicht mehr.

Das Schlimmste, was passiert, ist der Verlust zweier Portemonnaies, mitsamt Personalausweisen, die wir aber natürlich vorher kopiert haben. Ein Krankenhausbesuch ist auch fällig, und zum Glück haben wir Kollegin G. mit, die ist nämlich Spezialistin für Krankenhausbesuche mit Schülern in England; sie weiß genau, wie das geht mit den Formalitäten und Formularen. Es ist dann nichts gebrochen, und die Mädels sind ein bisschen wehleidig, das muss man ja mal so sagen. Der Junge, dessen Fingergelenk ausgekugelt ist, lässt sich das von der Sportkollegin wieder hinbiegen und sagt keinen Mucks.
Wie immer kaufe ich Vorräte an Jacob’s Cream Crackers und englischem Cider, und die Referendarin verspricht, zu Hause Crumpets zu backen und mir welche abzugeben. Auf der Rückfahrt erleben wir Eisenbahnscheinbewegung (the false sensation of movement when, looking out from a stationary train, you see another train depart) am Beispiel von Fähren, und am Sonntag, inzwischen ausgeschlafen, werde ich spontan zum Cream Tea eingeladen. Das gute englische Leben. Und wenn das nicht alles wahr ist, dann will ich Lilo heißen.

Ja, und das Meer ist natürlich immer super.

Pfingsten


Symbolbild

Vor dem Gesetz

Was macht die Schule im Gericht? Mal gucken, mal die Öffentlichkeit in einer Verhandlung sein, mal Ideen sammeln für ein Kunstprojekt. Dass die deutsche Sozialgerichtsbarkeit in diesem Jahr erst ihren 60. Geburtstag feiert, ist historisch leicht erklärbar, aber trotzdem irgendwie erschütternd. Was wir so selbstverständlich hinnehmen, dass nämlich Deutschland ein Sozialstaat ist, ist in Wirklichkeit eine große Errungenschaft.
Wie zum Hohn – oder zum Beweis, dass Justitia unbestechlich ist – dreht sich die Verhandlung um jemanden, der offensichtlich soziale Leistungen erschleichen will. Weder Kläger noch Zeuge erscheinen, der Senat zieht sich zur Beratung zurück, wir wandern derweil durchs Gebäude.


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Am Ende wird kein Urteil gefällt, es gibt zu wenig gesicherte Fakten. Der nicht erschienene Zeuge muss ein Ordnungsgeld bezahlen, die Verhandlung wird neu angesetzt – die Mühen der Ebene. So, und nun macht da mal Kunst draus.
Wohl aber erkennt er jetzt im Dunkel einen Glanz, der unverlöschlich aus der Türe des Gesetzes bricht.

Eis und gelbe Birnen

Dienstags Homeoffice; heute gab es eine kleine private Redaktionskonferenz über gelbe Birnen und wilde Rosen und irgendwas mit einem See. Dann noch ein Referat zu der Frage, ob der Wind in den Korridoren, der die vergessenen Turnbeutel schaukeln lässt, wirklich in die Jahreszeit passt. Passt, denn er ist ja metaphorisch gemeint.
Aber in Wirklichkeit ist Eissaison. Je flüssiger das Eis, umso einfacher ist es, überall etwas davon zu verteilen. Und wenn die Enten nicht da sind, braucht man bloß einen winzigen Bach – und schon ist die Badesaison eröffnet. Hat das Kind eine Perücke auf? Bei dieser Hitze bestimmt nicht. Eine Badekappe ist es jedenfalls auch nicht. Der Abschied ist nicht recht vorhersehbar, deshalb muss mal kurz geheult werden.
Am Abend streiten wir ein bisschen über Limericks und schreiben ein Diktat, mit Frau Majonke als Hauptfigur. Wo die nun wieder herkommt? Keine Ahnung.

Alltag

Am vergangenen Wochenende Jahrestreffen im Kloster Loccum. Der Vorsitzende führt wie immer durchs Gebäude und erklärt Gemälde. Im Tagungsraum sitzt er auf dem Stuhl mit der hohen Lehne.

In diesem Bild haben wir eine kleine Fußspitze versteckt. Findest du sie?

Diesmal spielt die Orgel, die Kirchenwände wackeln. Schon wieder begegnen wir der Prinzessin von Ahlden, in Form eines Teppichs, den sie in ihrer langen Gefangenschaft genug Zeit hatte zu besticken. Wie er nach Loccum kam, weiß kein Mensch. Es gibt noch einen Vortrag, und dann streitet man sich über den Heimweg. Das Wort der Woche ist oh Mann.
Die Prüfung ist vorbei, jetzt gründen wir eine Lesegruppe. Seit heute ist außerdem bewiesen, dass diesmal in Niedersachsen das Schuljahr länger ist als das Klassenbuch erlaubt – für die letzte Schulwoche ist einfach kein Platz mehr. Dann bleiben wir da eben zu Hause.
Jemand geht und möchte nicht verabschiedet werden. Pythagoras zieht eine Schnute. Das Trauerkonzept ist ausgearbeitet, die Limericks sind gedichtet. Nächste Woche besuchen wir das Sozialgericht.