Fluss (27)


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Limerick (93)

Ethnologists up with the Sioux
wired home for two punts, one canoe.
The answer, next day,
said: GIRLS ON THE WAY
BUT WHAT THE HELL IS A PANOE?

Kultur

Hier auf dem Lande ist es so: Es gibt wenig Kultur, aber es gibt trotzdem Leute, die sich für Kultur interessieren. Sie organisieren sich im Kulturverein. Der Kulturverein hat Mitglieder, die bezahlen so ungefähr 13 Euro pro Jahr, dafür bekommen sie einmal im Monat das Programm in den Briefkasten (ohne Briefmarke, das tragen Leute eigenhändig aus) und Ermäßigung auf Eintritte und Fahrten. Er hat auch Leute, die möchten gern etwas organisieren, und dann organisieren sie Lesungen und Vernissagen lokaler Künstler und Führungen für historisch Interesssierte und Fahrten zu Veranstaltungen in den großen Städten.
Für diese Fahrten mietet man einen Bus, und natürlich kennt man das Busfahrerehepaar, es ist ja auch aus der Gegend, und es dürfen auch Gäste mit, nicht nur Mitglieder. Dann sitzt man zusammen in dem Bus und fährt in die große Stadt, und die Organisierer machen Ansagen durch das Mikrofon, dass diese Fahrt doch eine besonders schöne sei, und wie sehr man sich auf die Veranstaltung freue. Und in dem Bus sitzt ein Kind, und dann kommt dreißig Jahre lang niemand, und dann komme ich, und dann kommt zwanzig Jahre lang niemand, und dann kommen all die alten Damen und Herren, die ein bisschen länger brauchen, um in den Bus zu steigen und wieder hinaus. Und trotzdem ist man viel zu früh losgefahren und hat noch massig Zeit in der großen Stadt und kann noch Kaffee trinken in der Sonne und durch die Altstadt spazieren.
Dann kommt diese großartige Veranstaltung mit diesen
beiden absolut beeindruckenden Musikern (beide Artikel vier Jahre alt, aber trotzdem die besten).
Und dann klettert man wieder mühsam in den Bus, das Busfahrerehepaar sorgt für Verwirrung, weil es einen ganz anderen Weg fährt als auf der Hinfahrt, und die Organisierer machen Ansagen durch das Mikrofon, dass diese Fahrt doch eine besonders schöne gewesen sei, und wie sehr man sich auf die nächste Veranstaltung freue. Und dass dort wieder nicht nur Mitglieder mitdürften, sondern auch Gäste. Dann gibt es noch eine liebevoll eingepackte Süßigkeit, und man unterhält sich lebhaft über dies und das und Kultur. Nur das Kind spielt an irgendeiner Konsole.
Und dann ist man wieder daheim, verabschiedet sich, geht nach Hause und ist sehr befriedigt wegen der Kultur, der man beigewohnt hat. So ist das hier auf dem Lande.

Zeiten

Im gesprochenen Deutsch gehen wir mit Präsens und Perfekt so inflationär um, dass der chronisch falsche Gebrauch des Plusquamperfekts eigentlich kein Grund zur Aufregung sein sollte. Dennoch gibt es Leute, die sind pikiert, wenn jemand einfach so sagt „gestern war ich im Kino gewesen“, ohne dass da eine Vorzeitigkeit vorläge.
Allerdings habe ich mal eine Situation erlebt, in der das Plusquamperfekt ohne Vorzeitigkeit total angemessen war: Im Bus wollte jemand am Wismarplatz aussteigen, hatte auch ordnungsgemäß rechtzeitig den Knopf gedrückt, allein – der Busfahrer war in Gedanken und fuhr aus Versehen einfach an der Haltestelle vorbei. Anstatt zu brüllen „Ey, anhalten!“ oder „Idiot, ich will hier aussteigen!“ sagte dieser Fahrgast sehr trocken, aber im ganzen Bus vernehmlich: „Das war der Wismarplatz gewesen.“ Unumstößliche Tatsache: An dieser Haltestelle ist vorbeigefahren worden, das mit dem Wismarplatz ist vollendete Vergangenheit, das können wir endgültig vergessen. (Es war dann gar nicht so; der Busfahrer entschuldigte sich umgehend, hielt gegen alle Regeln zwanzig Meter hinter der Haltestelle an und ließ die Frau aussteigen.)
Ich würde so ein unzeitgemäßes Plusquamperfekt nicht benutzen, aber ich finde es eher amüsant, ebenso wie das doppelte Perfekt („wir sind bis dort vorgedrungen gewesen“) oder das doppelte Plusquamperfekt („das hatte ich mir fast schon gedacht gehabt“). Perfekt II, Super-Perfekt, Ultra-Perfekt – vom kreativen Umgang mit der deutschen Sprache.
Das epische Präteritum ist genauso super. In meiner Klasse (einer achten; die sind ungefähr 14 Jahre alt) stellte kürzlich jemand scherzhaft den aus einem längeren erzählenden Text stammenden Satz „sein Name war Andrej“ in Frage: „Wie jetzt, hat er seinen Namen inzwischen geändert, oder was?“. Ich, sofort hellwach, zitierte umgehend Käte Hamburger: „Morgen war Weihnachten.“ Folgte eine lebhafte Diskussion über die grammatische Funktion des Präteritums und dessen Gebrauch in der Literatur. Den Unterschied verstehen auch Vierzehnjährige.
Großartig, was Sprache alles kann.

Ein paar Gründe, warum ich gerne mit Zehn- bis Zwölfjährigen zu tun habe

J. hält mir nach der Stunde ein Stück Knabbergebäck vor die Nase und sagt: Das müssen Sie unbedingt probieren! Ich probiere brav, obwohl ich gerade erst gefrühstückt habe – es schmeckt nach Tomatensuppe. Ich verziehe theatralisch das Gesicht, J. liegt am Boden vor Lachen.

Es ist zu laut in einer Phase, in der ich allenfalls Geflüster hören sollte. Ich drohe: Wenn das so weitergeht, schicke ich euch alle in den Flüsterkurs vom Kollegen H. Sofort ist es totenstill. Dabei gibt es diesen Flüsterkurs gar nicht.

C. sitzt im Unterricht und lässt seine Armbanduhr vor dem Gesicht hin- und herpendeln. Auf meine Frage, was er da treibe, sagt er: Ich versuche Sie zu hypnotisieren, so dass Sie den nächsten Vokabeltest vergessen.

Durchs Fenster sieht man ein Eichhörnchen auf einem Baum herumturnen. Ich behaupte: Das ist Christian, der Namenspatron unserer Schule. Voller Ehrfurcht schauen sie Christian beim Turnen zu. Erst beim nächsten Mal, als dort gleich drei Eichhörnchen turnen, werden sie misstrauisch.

B. fragt mich beim Hereinkommen, ob ich einen Regenschirm dabei habe. Warum sollte ich? Weil dem hinter ihm sitzenden J. total schlecht sei, und falls der sich übergeben müsse, könne er selbst sich mit dem Regenschirm schützen. J. trägt zu diesem Thema mit Leidensmiene bei, dass ihm das oft so gehe, dass es ganz plötzlich alles herauskomme, und er könne nichts dagegen machen.

Im Englischbuch Klasse 6 gibt es einen Text über Elvis, und wenn wir den lesen, sage ich immer: Hausaufgabe: Erkundigt euch bei euren Großeltern oder im Internet, wie man Rock’n’Roll tanzt, in der nächsten Stunde müsst ihr alle vortanzen. Ach, die bangen Blicke am Anfang der nächsten Stunde.

Wir schreiben jede Woche einen Vokabeltest, aber wenn ich viel zu tun habe, vergesse ich manchmal, einen vorzubereiten. Neulich auch; ich habe kaum den Raum betreten und noch nichts gesagt, als L. mir entgegenruft: Sie haben heute doch bestimmt den Vokabeltest vergessen, oder? Ich bin so verblüfft, dass ich auch noch vergesse, die Vokabeln mündlich abzufragen.

Limerick (92)

Anon., Idem, Ibid. and Trad.
wrote much that is morally bad:
Some ballads, some shanties,
all poems on panties –
and limericks too, one must add.

Die Hübschigkeit der Schauspieler (22)

The Game, 1997, mit Michael Douglas, Sean Penn, Deborah Kara Unger

Zum Glück ist diesmal wieder der Haustheologe als Gast dabei; er liefert flugs eine Deutung des Films, mit der wir alle leben können: Es sei doch eine uralte religiöse Geschichte, sagt er, dass jemand durch negative Erfahrungen geläutert werde. Am Schluss stehe er als besserer Mensch da und habe auch eine neue Frau verdient. Der Satz des Bruders – „Ich musste etwas tun, du warst auf dem besten Weg, ein Arschloch zu werden“ – sei ein ultimativer Satz von jemandem, der sich kümmert. Solche Menschen wünsche man sich um sich herum.
So. Deutung fertig. So weit, so vorhersehbar.
Der Film lädt zudem dazu ein, über die Berechenbarkeit von Menschen nachdenken – aber das hieße zugleich, sich über den mangelnden Realismus zu beschweren. Das hat aber diesmal offensichtlich niemand vor, deshalb lassen wir das Thema aus.
Statt dessen reden wir über den Grusel – aushaltbar, selbst für die schreckhaften Gemüter unter uns – und darüber, ob die Ballereien und Verfolgungsjagden hätten fehlen können. Hätten sie.
Jemand ist krank, wer anders im Stress, wieder jemand anders hat ein Früchtebrot mitgebracht. Auf dem Rückweg verfahren wir uns wie immer. Etwas in uns sträubt sich, den richtigen Weg zu finden, aus Protest, weil der Kollege mit der großen Leinwand und dem Sofa jetzt so weit weg wohnt. Spät in der Nacht, die Straßenlaternen in unserem Dorf sind längst ausgeschaltet, sind wir endlich zu Hause.