Perlen gotischer Baukunst (12)

We should reach Esens at 8.50. Would they drive, as von Brüning had done a week ago? I tightened my belt, stamped my mud-burdened boots, and thanked God for the Munich beer. Whither were they going from Bensersiel, and in what; and how was I to follow them? These were nebulous questions, but I was in fettle for anything; boat stealing was a bagatelle. Fortune, I thought, smiled; Romance beckoned; even the sea looked kind. Ay, an I do not know but that Imagination was already beginning to unstiffen and flutter those nerveless wings.

Erskine Childers, The Riddle of the Sands, S. 74

Einer der ersten Spionageromane überhaupt, erschienen 1903. Er handelt vom Segeln und von möglichen Kriegsszenarien zwischen Deutschland und England. Der Krieg ließ ja noch eine Weile auf sich warten, und das Problem, um das es Childers ging – Invasion Englands durch eine deutsche Flotte – war dann gar nicht das zentrale. Was dieses Buch lesenswert macht, besonders, wenn man gerade auf einer ostfriesischen Insel weilt, ist die Beschreibung der Inseln, des Wattenmeers, des ostfriesischen Festlands. Auch die wandlungsfähige Beziehung zwischen Davies, dem Eigner der kleinen Jacht, in der gesegelt wird, und Carruthers, dem anfangs reichlich arroganten Segelgast, ist die Lektüre wert. Angeblich hielt Childers, seine propagandistischen Zwecke im Kopf, die Figur der Clara Dollmann für total überflüssig – ich hingegen finde, sie muss unbedingt mitspielen. Und die drei Kapitel, in denen Carruthers als deutscher Skipper verkleidet zu Fuß durch Ostfriesland zieht, sind großartig. Ich würde gerne mal seinen Weg nachverfolgen und herausfinden, ob man in der Zeit tatsächlich diese Strecke schaffen kann.

Perlen gotischer Baukunst (11)

Die Perlen gotischer Baukunst waren ja eigentlich ein Witz, aber ich belebe sie hiermit neu, um die Urlaubslektüre unterzubringen. Die Regel war ja, wenn ich mich recht erinnere, etwas aus der Mitte von Büchern zu zitieren. Mach ich doch gerne.

But there were no boys. And the girls were rehearsing for a Christmas show Miss Vista had entitled Meadowsweet. The dancers had been divided into three groups; one group were buttercups, another scarlet pimpernels, the third thistledowns. “Welcome in, Mary,” said Miss Vista, “you can join the thistledowns. Just follow what they do.”

Rose Tremain, Sacred Country, S. 47

Ein guter Roman. Anders als dieses Internetz behauptet, geht es nicht nur um das Mädchen Mary, das im Alter von sechs Jahren weiß, dass es eigentlich ein Junge ist. Sondern das eigentliche Thema ist der Gefühlsterror, den ein exemplarisches englisches Dorf in Suffolk auf die jüngere Generation ausübt, die Lieblosigkeit, die emotionale Grausamkeit, die vorgezeichneten Lebensläufe, die Hoffnungslosigkeit. Und es geht um die mehr oder weniger erfolgreichen Befreiungsversuche, die diese Generation unternimmt, um den unmenschlichen Bedingungen zu entkommen. Die Handlung erstreckt sich von den 50ern bis in die 70er Jahre, und am Ende sind alle dem Dorf entflohen und auf ihre Art zufrieden.
Die beste Szene im Buch ist die, in der Mary den Auftritt der Dorfkindertanzgruppe aus Protest statt in rosafarbenen Ballerinas in Gummistiefeln absolviert: „…you cannot walk lightly in a wellington…“

Randnotizen aus der Sommerfrische

Unter anderem bei Thomas Mann begegnet man dem Begriff Sommerfrische. Der passt. Auf der Insel fahren keine Autos, das macht die Luft sauber und die Stille groß. Frisch sind das Meerwasser und die Luft morgens.
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Ohnehin ist der Ferienmorgen das Beste überhaupt, darüber müsste man mal einen Essay schreiben. Der müsste beginnen mit dem Aufwachen und den zweifelhaften Verpflichtungen, die man sich für diesen Tag vorgenommen hast. Die lassen sich jederzeit über den Haufen werfen, wenn man will, der Tag birgt morgens noch alle Möglichkeiten in sich. Besonders, wenn die Sonne scheint. Man kann etwas tun, oder man kann gar nichts tun, man kann dasselbe tun wie gestern oder etwas ganz und gar anderes. Ganz wie man will. Der Essay müsste unbedingt ein Johnson-Zitat enthalten: „Der Tag roch nach jungem Gras in der Sonne“, und er müsste gipfeln in der These, das Allerbeste überhaupt sei ein Morgen in den Sommerferien, der mit einem Bad beginnt. Es ist gerade einmal sieben, niemand anders ist wach, die Sonne scheint, das Wasser ist frisch. Glück.
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Ansage im Zug: Liebe zusteigende Fahrgäste, dieser Zug ist kein Adventskalender. Sie können alle Türen bedenkenlos öffnen.
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Auf der Busfahrt sehe ich, dass in einem Ort alle Fußgängerampeln Haltegriffe haben, damit die Fahrradfahrer beide Füße auf den Pedalen behalten können. Das ist mal praktisch.
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Das Gute an Weltmeisterschaften ist nicht nur, dass guter Fußball gespielt wird, sondern dass gut darüber geschrieben wird. Steht in der Süddeutschen über einen gewissen ghanaischen Torwart: „Bei Fernschüssen hatte er nicht selten Probleme, im Strafraum irrte er manchmal umher wie ein Bustourist, der seine Reisegruppe verloren hat, und bei hohen Flanken schlug er gelegentlich so energisch in die Luft, dass diese womöglich Schmerzen litt.“
Aus ganz anderen Gründen habe ich großes Mitleid mit Ghana.
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SZ: „Klose spricht so leise, dass man ihn sich gern ans Ohr halten würde.“
Ich kann mir nicht helfen, ich finde Frau Merkel großartig, wie sie da so auf der Tribüne sitzt, zwischen lauter Männern, die alle für Argentinien sind, und bei jedem Tor erneut sehr erstaunt guckt, dann aufsteht und babyhaft jubelt, Fäuste nicht höher als der Kopf, damit die Jacke nicht zu hoch rutscht, und beim Hinsetzen jedes Mal einen entschuldigenden Seitenblick auf die sie umgebenden versteinerten Männer wirft. Das ist gekonntes weibliches Understatement.
Nach dem Viertelfinale gibt es Fahrradkorso. Und es gibt einen Laden, der Vuvuzelas verkauft und ungefähr drei Leute haben eine gekauft. Hey hey!
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Die Insel ist übrigens beträchtlich geschrumpft. Nur die Sandbänke im Norden sind größer geworden.
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Und jetzt bin ich wieder zu Hause, es ist heiß, kein Meer in der Nähe, mein Fahrrad ist verstaubt und mein Internetz kaputt. Ich glaube, es ist Zeit für die Ferienenddepression.

Letzte Obliegenheiten

Andere pflegen wesentlich bizarrere Rituale – Kollegin G. zum Beispiel schreddert jedes Jahr voller Genugtuung ihren Schuljahreskalender, und ich stelle mir vor, wie sie dabei Freudentänze tanzt und Triumphgesänge grölt – mein erster Akt in den Sommerferien besteht stets darin, die Schulschlüssel vom Schlüsselbund abzumontieren. In diesem Jahr ging das nicht sofort, weil ich heute noch einmal in die Schule musste, um die Klassenblumen abzuholen. Die stehen jetzt im Garten und werden, wenn ich im Urlaub bin, versorgt von der Nachbarin von unten. Als ich das zerrupfte Aussehen mit der mangelnden Funktionstüchtigkeit meines Blumendienstes rechtfertigte, meinte sie nur: Das wollen wir doch mal sehen, ob wir die nicht wieder aufpäppeln können. Die Klassenblumen sind also offensichtlich in guten Händen.


Sportfest. Dramatische Wolken und die Erörterung der D-Frage.

Beim Sportfest am vorletzten Schultag überlegte meine Fünfte, ob sie mich nicht ab jetzt duzen könne, da man ja nun seit einem Jahr erfolgreich zusammenarbeite und gut miteinander auskomme. Das Ansinnen musste ich aus pädagogischen Gründen natürlich ablehnen, und sie wollten sich schier totlachen, als ich ihnen eröffnete, dass ich sie siezen werde, sobald sie die elfte Klasse erreichen.
Von den sechs Korrigierstiften meiner bevorzugten Marke, die ich am Anfang des Schuljahres gekauft hatte, ist ein fast leerer übrig. Ist das jetzt viel oder wenig? Im Chaos der letzten Tage ging mein Lieblingskugelschreiber verloren. Der Schreibtisch ist der letzte Ort in der Wohnung, den aufzuräumen ich mich zwinge; eigentlich bin ich ein ordentlicher Mensch, aber Schule und Systematik sind bei mir Antonyme. Nach dem Schreibtischaufräumen ist der nächste Punkt auf meiner Liste, eine Urlaubsliste zu schreiben – kein Urlaub ohne Liste, keine Liste ohne den Punkt Liste schreiben. Nur auf der Urlaubsliste fehlt der.
Ich mach hier also für eine Weile das Licht aus. Sie finden selbst heraus, wann es weiter geht, oder? Danke fürs Mitlesen, und bleiben Sie mir gewogen. Wiedersehen.

Spucker

Ich kann es nicht glauben. Ferien.
Die Besichtigung meines nagelneuen Neffen war überfällig. Merkwürdige Kennenlernrituale pflegt der: Zuerst spuckt er mir auf die Schulter und grinst mich zahnlos an, dann kippt ihm der Kopf vornüber, und er schläft binnen Sekunden ein.
Nix los mit Kleinkindern.

Die Mühen der Ebene (20. Juni)

Sonntags arbeiten Lehrer eigentlich immer, weil sie den Unterricht für Montag vorbereiten müssen. Ich habe gar keinen regulären Unterricht mehr in den letzten drei Tagen vor den Ferien, aber trotzdem habe ich heute etwas getan, das mit Schule zu tun hatte. Meine Aufgabe ist es immer, die musikalischen Schulveranstaltungen für die Schul-Homepage und die lokalen Käseblätter zu besprechen, und also musste ich etwas schreiben über das Musical des Unterstufenchors, das gestern Abend zum ersten Mal aufgeführt worden war.
Das war eine eher langweilige Schreibaufgabe: Jeder muss gelobt werden, parataktischer Satzbau ist erwünscht, Witz nicht gefragt. Ein Verlaufsprotokoll des Schreibprozesses sähe so aus:

Ich habe offensichtlich schon ein bisschen angefangen nachzudenken, denn als ich mich an den Computer setze, kann ich sofort einen Satz hinschreiben, der auf jeden Fall drin sein muss. Einen zweiten Satz weiß ich auch schon, aber er hat nichts mit dem ersten zu tun. Ich lasse eine große Lücke und kümmere mich erstmal um die Bügelwäsche. Währenddessen denkt es anscheinend weiter in mir, denn beim nächsten Aufenthalt am Schreibtisch kann ich dem ersten Satz zwei weitere hinzufügen. Dann versuche ich an Baustelle zwei weiterzubasteln, produziere aber nur Halbsätze und einzelne Wörter. Also mache ich wieder was anderes und werfe nebenbei ab und zu einen Blick auf den Bildschirm. Irgendwann fällt mir eine Verknüpfung zwischen Baustelle eins und Baustelle zwei ein, ab dem Zeitpunkt geht es flott voran. Ich springe noch ein paar Mal auf, um diverse andere Dinge zu erledigen, produziere nebenbei aber erstaunlich kohärente Sätze. Für die Überschrift konsultiere ich die Partitur des Musicals, weil ich ein griffiges Zitat brauche, das das Stück angemessen zusammenfasst. Dann warte ich ein paar Stunden – eine Nacht wäre eigentlich das Minimum – bevor ich das Ganze nochmal lese. Ich finde drei dicke Fehler, korrigiere sie und schicke den Text ab.

Das ist ganz und gar anders als ich es meinen Schülern beibringe. Schon in Klasse 5 rede ich von Schreibplan und Struktur – erst überlegen, dann schreiben.
Ich hingegen schreibe total planlos, verlasse mich auf meine Intuition und den Computer, bin gänzlich unstrukturiert. Eben zum Beispiel habe ich gerade nebenbei ein Poesiealbum befüllt, getwittert und eine CD gebrannt– keine besonders guten Voraussetzungen für einen strukturierten, kohärenten Text.
Die Schreiberin in mir sagt: Tja. Die Lehrerin sagt: Nur wer die Regeln beherrscht, kann sie brechen.

Die Mühen der Ebene (19. Juni)

Seit heute kann ich wieder von drinnen sehen, wie draußen das Wetter ist. Hat was.
Und falls Sie Vuvuzelaspieler oder -spielerin sind – hier sind Noten.