Die Mühen der Ebene (2. März)
Im Kurs sitzt eine Schülerin mit einer etwas anderen Lebensgeschichte als die meisten anderen. Ich kannte diese Geschichte in groben Zügen, aber nicht aus ihrem Mund. In der Fünfminutenpause zwischen den beiden Deutschstunden kommen wir über das Thema Umziehen darauf; auch für ihre Mitschüler scheinen die Details neu zu sein.
Die Geschichte beginnt mit ihrer Geburt mitten im Bosnienkrieg, handelt von einer Flucht, einer Abschiebereise durch Nordeuropa mit mehrmonatigen bis jahrelangen Stationen in Dänemark, Norwegen und Schweden, vom Lernen und Vergessen von Sprachen, von der Ankunft in diesem Flecken Provinzdeutschland, von wieder einer neuen Sprache, vom Arbeitsverbot für ihren Vater, von der ewigen Unsicherheit, auch aus Deutschland abgeschoben zu werden (all das erzählt sie gleichmütig im sachlichsten aller Tonfälle) – und endet mit dem nüchternen Satz: Aber jetzt haben wir unbefristete Aufenthaltsgenehmigungen, und es geht uns gut.
Ich ergänze noch, was ein Kollege immer erzählt: wie sie sich als Zehn- oder Elfjährige kurzerhand selbst an unserer Schule anmeldete, weil ihre Eltern zu der Zeit noch kein Deutsch sprachen.
Die anderen hören aufmerksam zu, vergleichen diese Geschichte mit ihren eigenen, und der Unterschied drückt sich in dem Satz aus: „Boah, wir sind alle stolz auf dich.“ Da lacht sie ein bisschen verlegen und wechselt schnell das Thema.