Die Mühen der Ebene (2. März)

Im Kurs sitzt eine Schülerin mit einer etwas anderen Lebensgeschichte als die meisten anderen. Ich kannte diese Geschichte in groben Zügen, aber nicht aus ihrem Mund. In der Fünfminutenpause zwischen den beiden Deutschstunden kommen wir über das Thema Umziehen darauf; auch für ihre Mitschüler scheinen die Details neu zu sein.
Die Geschichte beginnt mit ihrer Geburt mitten im Bosnienkrieg, handelt von einer Flucht, einer Abschiebereise durch Nordeuropa mit mehrmonatigen bis jahrelangen Stationen in Dänemark, Norwegen und Schweden, vom Lernen und Vergessen von Sprachen, von der Ankunft in diesem Flecken Provinzdeutschland, von wieder einer neuen Sprache, vom Arbeitsverbot für ihren Vater, von der ewigen Unsicherheit, auch aus Deutschland abgeschoben zu werden (all das erzählt sie gleichmütig im sachlichsten aller Tonfälle) – und endet mit dem nüchternen Satz: Aber jetzt haben wir unbefristete Aufenthaltsgenehmigungen, und es geht uns gut.
Ich ergänze noch, was ein Kollege immer erzählt: wie sie sich als Zehn- oder Elfjährige kurzerhand selbst an unserer Schule anmeldete, weil ihre Eltern zu der Zeit noch kein Deutsch sprachen.
Die anderen hören aufmerksam zu, vergleichen diese Geschichte mit ihren eigenen, und der Unterschied drückt sich in dem Satz aus: „Boah, wir sind alle stolz auf dich.“ Da lacht sie ein bisschen verlegen und wechselt schnell das Thema.

Die Mühen der Ebene (1. März)

Ein Kollege musste heute Schülern erklären, was eine B-Seite ist.
Und ich habe mir neulich lustige Geschichten von Sechstklässlern angehört, die mit einem Wählscheiben-Telefon telefonieren sollten und nicht wussten, wo man drücken muss.
Wir werden alt.

Die Mühen der Ebene (29. Februar)

Zehnte Stunde, viertel nach drei bis vier, mit Fünftklässlern, das ist anstrengend. Alle sind erschöpft, die Schüler allerdings mehr als ich, sie haben in der zweiten Stunde angefangen, ich erst in der fünften. Sie können nicht mehr stillsitzen, sie sind aufgedreht und albern, gleichzeitig haben sie ein dringendes Bedürfnis nach Ruhe. Normalerweise lasse ich sie um diese Zeit viel schreiben – dann herrscht konzentrierte Stille, jeder kann in seinem eigenen Tempo arbeiten, und es ist leicht, bei Störungen für Ruhe zu sorgen. Heute ging das nicht, weil wir morgen eine Klassenarbeit schreiben und dafür Dinge an der Tafel wiederholt und – teilweise mündlich, teilweise schriftlich – geübt haben.
Es herrschte eine permanente Grundunruhe, die mir ganz furchtbar auf die Nerven ging. Niemand redete ungefragt, aber sie scharrten mit den Füßen auf dem Boden, kramten in Etuis herum und raschelten mit Papier, teilweise so laut, dass man nicht verstehen konnte, was Einzelne sagten.
Mein Standardspruch in solchen Fällen ist immer: Es muss so ruhig sein, dass man die Uhr ticken hört. Das hilft, zumindest für eine Weile – wenn alle die Uhr ticken hören wollen, ist es tatsächlich totenstill. Mit anderen Klassen habe ich schon erbittert darüber gestritten, ob die Uhr überhaupt tickt; in dieser Fünften schallte es mir heute freudig entgegen: Wir haben keine Uhr mehr!
Michelle hatte nämlich gestern aus Versehen die Uhr von der Wand gefegt, und da stand ich dann nun also und war um meinen Vergleich gebracht. Im Übrigen ist es kein Geheimnis, dass man im Nachmittagsunterricht weniger schafft als vormittags.

Die Mühen der Ebene (28. Februar)

Lesern wissenschaftlicher Arbeiten traut man zu, ein Zitat auf einer angegebenen Seite selbst zu finden; man muss in Fußnoten keine Zeilenangaben machen.

Mein Elfer-Kurs schreibt gerade Facharbeit und fiel heute im Seminarfach aus allen Wolken ob dieser unverhofft umwälzenden Erkenntnis.
Wir hatten das Zitieren und Fußnotenverfassen im ersten Semester ausgiebig geübt, sie haben sogar eine Klausur darüber geschrieben. Außerdem haben sie mehrere Merkblätter mit Beispielen bekommen – da war von Zeilenzahlen natürlich nie die Rede.
Zwar kann ich nachvollziehen, wie es zu dieser Fehlleistung kommen konnte: Erstens sind sie alle schon ein bisschen durch den Wind, weil sie den Zeitdruck spüren, und zweitens sind längere Texte in Schulbüchern und -lektüren grundsätzlich durchnummeriert, und wenn sie Klausuren schreiben, dann geben sie natürlich Zeilen an. Aber ich war, genau wie sie, so richtig fassungslos, weil ich gar nicht, also wirklich überhaupt gar nicht, damit gerechnet hatte, dass sie das in der Facharbeit auch tun könnten.
Wäre es wissenschaftlicher Standard, man müsste auf Promotionen generell ein Jahr draufschlagen – zum Zeilenzählen.

Die Mühen der Ebene (27. Februar)

Heute habe ich die Datumswette verloren. Wenn die Fünftklässler in Englisch irgendwann im zweiten Halbjahr die Monate und die Ordnungszahlen gelernt haben und also das Datum schreiben können, wette ich immer mit ihnen, dass sie es nicht schaffen, im wöchentlichen Vokabeltest das Datum richtig zu schreiben.
Also alle. Sobald es einer falsch schreibt, habe ich gewonnen. Eigentlich ist diese Wette gefahrlos für mich, denn irgendwer verschreibt sich immer beim Monat oder schreibt 1th oder 13rd.
Aber die sechste Klasse, die ich gerade in Englisch habe, hat in Bezug auf die Datumswette einen ganz besonderen Ehrgeiz entwickelt. Nachdem sie jetzt drei Montage hintereinander geübt hatten, wie man February schreibt, haben es heute tatsächlich alle richtig hingekriegt, und 27th ist ja sowieso einfach. Jetzt bin ich ihnen Schokolade schuldig. Mist.

Die Mühen der Ebene (26. Februar)

Ein unbekannter Googler fragt an, wie man „ein Gedicht nach den Regeln der Kunst zerlegt“. Hilfsbereit wie ich bin habe ich mich sofort an die Arbeit gemacht. Es handelt sich um das Gedicht
Der Dichter von Robert Gernhardt.

Limerick (79)

There was a young poet of Trinity
who, although he could trill like a linnet, he
could never complete
any poem with feet,
saying: “Idiots,
can’t you see
that what I’m writing
happens
to be
free
verse?”