Perlen gotischer Baukunst

Die Bücherserie in der Wiesenraute. Zitate aus Büchern, unkommentiert, willkürlich ausgesucht, von irgendwo mittendrin, nicht der Anfang, nicht der Schluss.
Perlen gotischer Baukunst ist ein Zitat aus Raymond Queneaus Roman Zazie in der Metro, das den Fragmentcharakter betont und dem Ganzen eine alberne Dimension prätentiöser Gelehrsamkeit hinzufügt.
Reihenfolge: unten alt, oben neu.

090402

Die Hauptstraße von Graensebyen war eine einzige Baustelle. Der Chevi rumpelte über Sandberge, und nur weil ich so klein war, stieß ich nicht ständig mit dem Kopf an die Decke. Der Köter sauste auf dem Rücksitz hin und her wie ein Ball im Tor, und Morgensen fluchte leise und gefühlvoll vor sich hin, während seine behaarten Pranken das dünne Bakelitlenkrad umklammerten. Die Leute von Graensebyen schienen sich irgendwo anders aufzuhalten, ihre Stadt war von den Buddlern übernommen worden. Mein Mut sank. Endlich hatte Morgensen das Auto am letzten Krater vorbeigesteuert und hielt am Bordstein an. Ich öffnete die Tür, und der Köter schoss wie eine Rakete aus dem Wagen.

Eva-Marie Liffner: Imago (2003), aus dem Schwedischen von Gisela Kosubek, S.188

090315

Your woman nodded. ‘What about cows?’ she says.
‘What about them?’
‘Can you milk a cow?’
‘Oh certainly,’ I says without hesitation. ‘A cow, yes, I can milk a cow, that’s no problem at all, I was born milking cows.’
‘Good.’ She indicated some buildings in the distance. ‘We keep a farm over there, the Mains. You can have something to eat and drink and then let’s see you milk a cow.’
‘Ah well,’ says I quick, ‘it’s a while since I done it now.’
But I don’t think she heard me because she didn’t reply, just led me across the yard to the pump and give me a tin cup that was hanging on a nail. ‘Help yourself,’ she says.
I drank two cupfuls. All the while she was watching me with those eyes. I says, ‘I might be a bit out of practice with the cows now. I may have lost the knack, I don’t know.’
‘Are you hungry?’ she says.
Gob was I and I tellt her as much. She pointed to a door in the house. ‘There’s bread in there on the table,’ she says. ‘Take a slice.’
‘That’s very kind of you, missus,’ I says and did as I was bid.
The kitchen was a fair size but Jesus Murphy was it a shambles.

Jane Harris: The Observations (2006), S. 8

090307

Let me get this right, I say. He pushed –
It was slippy, she says.
She covers her face. She’s smiling under her hands, still sitting at the table with the cold coffee in front of her, swinging her leg underneath the table just above the bar of it. I realise I don’t know whether she’s smiling because a boy pushed her down a hill, because a girl picked her up at the bottom of it or because an art teacher I know she’s got a crush on asked her to take off her clothes.
Then I realise it’s because of all three. I remember my hands in the warm pockets of the adult coat.
It moves me. She can see this in my face and she gets annoyed again. Her smile disappears. She scowls.

Ali Smith: The First Person and Other Stories (2008), S. 164

090215

Das Einzige, was wir noch nicht wissen in Minute 15, ist, dass das Geld in Pearls Puppe steckt, die sie immer bei sich trägt. Aber schon drei Minuten später verrät es uns der Film aus Johns Reaktion, als Mitchum die Puppe nichtsahnend in die Hand nimmt. Aus der Verhüllung dieses Verstecks hätte sich einiges an Spannung gewinnen lassen. Aber auf den Thriller war Laughton offenbar nicht aus. Er begnügt sich mit Märchenmitteln, künstliche Spannungsmache zu Abläufen, die eigentlich spannungslos sind, da vorherbestimmt; vorherbestimmt als Verhängnis (unausweichlich) und schließlich Rettung (ebenso unausweichlich). Verhängnis ist aber eigentlich kein Filmprinzip, auf jeden Fall reicht die mit ihr verbundene Angsterzeugung nicht aus, den Zuschauer auf die gewünschte Folter zu spannen. Verhängnis ist ein Märchenprinzip und als klares Märchen beginnt und endet der Film ja auch.

Michael Baute, Volker Pantenburg (Hg.): Minutentexte. The Night of the Hunter (2006), S. 55/56

090130

The seagull gives his side of the story

Fish?
Fish?
Don’t talk to me about fish.
I hate fish.

Roddy Doyle: The Giggler Treatment (2000), S. 91

090122

You would also think that a childhood spent in such close proximity to the workaday incidentals of death would be good preparation. That when someone you knew actually died, maybe you’d get to skip a phase or two of the grieving process – “denial” and “anger” for example – and move on with your life that much more quickly. But in fact, all the years spent visiting gravediggers, joking with burialvault salesmen, and teasing my brothers with crushed vials of smelling salts only made my own father’s death more incomprehensible.
Who embalms the undertaker when he dies? It was like the Russell paradox… the famous conundrum of the cleanshaven barber whose sign reads, “I shave all those men, and only those men, who do not shave themselves.” The barber, equally unable to shave himself, and to not shave himself, is impossible.

Alison Bechdel: Fun Home. A Familiy Tragicomic (2006), S. 50/51

090116

Gut, du hast also in der Zeitung gelesen, daß Wenn ein Reisender in einer Winternacht erschienen ist, ein neues Buch von Italo Calvino, der seit Jahren keins mehr veröffentlicht hat. Du bist in eine Buchhandlung gegangen und hast dir den Band gekauft. Recht so.
Schon im Schaufenster hast du den Umschlag mit dem gesuchten Titel entdeckt. Der Blickspur folgend bist du im Landen vorgedrungen, mitten durch die dichten Reihen der Bücher, Die Du Nicht Gelesen Hast, die dich finster anstarrten von Regalen und Tischen, um dich einzuschüchtern. Aber du weißt, daß du dich nicht abschrecken lassen darfst, denn hektarweise erstrecken sich unter ihnen die Bücher, Von Deren Lektüre Du Absehen Kannst, die Bücher, Die Zu Anderen Zwecken Als Dem Der Lektüre Gemacht Sind, sowie die Bücher, Die Schon Gelesen Sind Bevor Man Sie Aufschlägt Weil Zugehörig Zur Kategorie Des Schon Gelesenen Bevor Es Überhaupt Geschrieben Wurde. So überwindest du rasch den ersten Verteidigungsring, und nun überfällt dich die Infanterie der Bücher, Di Du Bestimt Gern Lesen Würdest Wenn Du Mehrere Leben Hättest Aber Leider Sind Deine Tage Eben Was Sie Sind.

Italo Calvino: Wenn ein Reisender in einer Winternacht (1979), [Se una notte d’inverno und viaggiatore, Deutsch von Burkhart Kroeber], S.9

090104

Ich kleidete mich an und machte mich auf den Weg zu meinem Vogelhändler. Sein Laden ist selbstverständlich nachts geschlossen, Stammkunden bedienen sich einer versteckten Nachtglocke. Ich läutete und stand bald darauf zwischen tuchbedeckten Käfigen in der nächtlich-trüben Vogelhandlung. Der Händler fragte mich, was es sein dürfe.
„Eine Eule, bitte“, sagte ich.
„Aha“, sagte er und zwinkerte mit den Augen, als behage ihm die gewiegte Kennerschaft seines Gegenübers; „Sie sind ein Kenner. Die meisten Kunden machen den Fehler, sich ihre Eulen bei Tageslicht auszusuchen. – Soll sie ein Geschenk sein?“
„Nein. Sie ist für mich. Ich möchte sie nach Athen tragen.“
Wolfgang Hildesheimer: Lieblose Legenden (1952), S. 91/92

090104

Pat, who had never watched television before, made a concession and watched a half hour of nightly news with me. There was trouble in the Belgian Congo, and stories of it featured President Joseph Kasavubu. This inspired Pat to name our house, and one afternoon as I returned from Doylestown where I did the grocery shopping, I saw the sign out front: CASAVUBU.
Our landlady made Pat remove the handmade sign one afternoon when she came on a visit about another matter. After all, the house was on the market, and no one she knew thought it was funny, anyway, once it was explained.
Marijane Meaker: Highsmith. A romance of the 1950s (2003), S. 96