Über

wherever I am not is the place where I am myself
Paul Auster

01. August 2008

Dieses Blog heißt Wiesenraute, weil es angelegt wurde, als ich aus dem überaus geliebten Berlin ins eher ungeliebte Hamburg zog, in eine Straße mit dem Namen Wiesenrautenstieg. Es war eine einfache Möglichkeit, die Freunde auf dem Laufenden zu halten über die Seltsamkeiten des Lebens in der fremden Stadt. Inzwischen bin ich abermals umgezogen, in einen winzigen Ort in der Lüneburger Heide. Wiesenraute ist jetzt also komplett falsch, aber trotzdem bleibt es dabei.

26. Januar 2007

Ich bin umgezogen. Von Berlin-Friedrichshain nach Hamburg-Osdorf. In eine Straße namens Wiesenrautenstieg. Dieses Blog handelt davon, wie es ist, die Welt vom Wiesenrautenstieg in Hamburg-Osdorf aus zu betrachten, a.k.a. The Village of Os.

Das Village zeichnet sich - neben anderem - durch die überaus einfallsreiche Benennung seiner Straßen aus. Brigitte Kronauer hat diesen Umstand in ihrem Roman Teufelsbrück so beschrieben:

“Oft sind Leute aus Gegenden, die Straßen ausschließlich mit Dichter-, Musiker-, Malernamen aufweisen, besonders stolz auf ihre Adresse. Was wird man sich aber vorstellen unter einem Gebiet, wo auf engstem Raum das Straßennetz allein Flora in bürokratischer Beschwörung huldigt: Stiefmütterchenweg, Geranienweg, Akeleiweg, Wiesenrautenstieg, Löwenzahnweg, Kamillen-, Kornraden-, Kornblumen-, Schaumnelken-, Lupinen-, Rittersporn-, Johanniskraut-, Taubnessel-, Pelargonien-, Eisenkrautweg und Mohnstieg? Ein Stellvertreter des himmlischen Mille-fleurs-Gartens, allerdings mit penetrantem Kleingartenaroma?”

Brigitte Kronauers Erzählerin hat das Pech, im Taubnesselweg zu wohnen. Aber auch im Wiesenrautenstieg erntet man bei Nennung des Straßennamens üblicherweise ein ungläubiges häh? Dabei ist die Lautfolge i-au-i doch ganz allerliebst. Und immerhin ist der Wiesenrautenstieg die einzige Straße dieses Namens in ganz Deutschland, Grund genug, einen Blick auf die Pflanze zu werfen, die dahinter steckt:

Die Wiesenraute (Thalictrum) ist eine Pflanzengattung aus der Familie der Hahnenfußgewächse (Ranunculaceae). Den Botanikern sind bekannt: die Alpen-Wiesenraute, die Akeleiblättrige Wiesenraute, die Gelbe Wiesenraute, die Stink-Wiesenraute, die Glänzende Wiesenraute, die Valencia Wiesenraute, die Kleine Wiesenraute, die Hohe Wiesenraute, die Schmalblättrige Wiesenraute, die Blaugrüne Wiesenraute, die Chinesische Wiesenraute und die Japanische Pracht-Wiesenraute. Unter uns – es handelt sich um ein ziemlich unscheinbares Kraut, dessen Blüten so winzig sind, dass man sie am besten durch die Lupe betrachtet. Wer danach eine Straße benennt, muss schon ziemlich verzweifelt sein.

[Nachtrag 02. Juni 2013: Das ist ganz und gar falsch, wie Frau Montez jetzt fotografisch bewiesen hat.]

Das Village of Os liegt natürlich nicht im Nirgendwo. Frau Kronauer, bitte übernehmen Sie noch einmal: “Es liegt nördlich des Elbeeinkaufszentrums und ist in die Zange genommen von der General-Schwarzkopff-Kaserne im Westen und dem Deutschen Elektronen Synchroton, handlicher: Desy im Osten. Im Norden mischt es sich tentakelartig mit einem Schafgarben- und Hagebuttenweg allmählich unter die Fauna, gesellt sich zum Eidechsen-, Schnecken-, Raupen-, Käfersteig und wird fortgesetzt mit Küken-, Hennen-, warten Sie, Gockelsteig, Entenweg, Gänsestieg, Puterweg, Ziegenpfad. Natürlich kommt dann noch ein Vogel- und Baumviertel. Ich zähle Ihnen das gern auf.”

Danke. Damit ist der Charakter der Gegend ungefähr beschrieben. Neben dem Village selbst stehen in diesem Blog noch das Haus, die Straße, das schon erwähnte Elbe-Einkaufszentrum, der Park (das ist der Altonaer Volkspark), die Stadt (Hamburg) sowie die Welt als solche zur Diskussion. Natürlich habe ich mir alles nur ausgedacht, die Übereinstimmung mit realen Orten und Personen ist purer Zufall.
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schon immer

„Die Behauptung ich schreibe wird schon durch den Ort hinter diesem Ich in Frage gestellt. Bei dem „himmelfernen Abstand“, den Ingeborg Bachmann zwischen dem Sprechenden und seinem Ich sieht, ist es erstaunlich, daß das Sprechen überhaupt den Weg in ein Ich findet, und man fragt sich, ob der Weg andersherum nicht eigentlich viel einfacher wäre: Das Ich findet seinen Weg ins Sprechen, wo es sich vergessen und entfalten kann, wo es das soziale Gestrüpp, die biografischen Fakten und körperlichen Festlegungen, die Alters- und Charakterdaten, mithilfe derer Menschen zu anderen Menschen Ich sagen, hinter sich lassen kann und statt konturiert dann zu Unfertigem, Bewegtem, Fließendem wird. Vielleicht verhält es sich so: man wird vage, und statt nur die Dinge zu bewegen, bewegt man sich dann mit.“

Antje Rávic Strubel